MILLIONEN DATEN AUSGEWERTET 06.06.2014, 10:35 Uhr

Zahl der Todesfälle bei Spielen der Nationalelf nicht erhöht

Wenige Tage vor Beginn der Fußball-WM in Brasilien steigt die Spannung der Fußball-Fans. Und so mancher wird sich vor dem Fernseher mächtig aufregen. Aber auch zu Tode ärgern? Nach einer neuen Studie offenbar nicht.

Der Aufreger des Fußball-Pokalfinales am 17. Mai 2014 zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München im Olympiastadion in Berlin: Bayerns Abwehrspieler Dante schießt den Kopfball des Dortmunder Nationalspielers Mats Hummels eindeutig hinter der Torlinie wieder zurück ins Feld. Das Tor wurde vom Schiedsrichter nicht anerkannt und sorgte für großen Unmut unter den Fans. Im Hintergrund zeigt Bayern-Torwart Manuel Neuer fälschlicherweise an, dass der Ball nicht im Tor gewesen sei.

Der Aufreger des Fußball-Pokalfinales am 17. Mai 2014 zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München im Olympiastadion in Berlin: Bayerns Abwehrspieler Dante schießt den Kopfball des Dortmunder Nationalspielers Mats Hummels eindeutig hinter der Torlinie wieder zurück ins Feld. Das Tor wurde vom Schiedsrichter nicht anerkannt und sorgte für großen Unmut unter den Fans. Im Hintergrund zeigt Bayern-Torwart Manuel Neuer fälschlicherweise an, dass der Ball nicht im Tor gewesen sei.

Foto: dpa

Wenn am 16. Juni Deutschland gegen Portugal spielt und Ronaldo sich beim Stand von 0:0 kurz vor Schluss für einen Freistoß aus 18 Metern in Positur wirft, werden Millionen deutsche Fans bibbern. Bei den K.o.-Spielen wird es noch schlimmer sein. Die Annahme liegt nahe, dass an solchen Tagen die Zahl der Todesfälle zum Beispiel durch Herzinfarkte oder Verkehrsunfälle steigt.

Stimmt gar nicht, sagen Daniel Medenwald vom Institut für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik der Universität Halle-Wittenberg und Oliver Kuss vom Deutschen Diabetes-Zentrum der Universität Düsseldorf. Sie haben die Todesursachenstatistik der statistischen Landesämter zur Hand genommen und alle Spieltage der Nationalelf zwischen 1995 und 2009 untersucht. Dabei bezogen sie mehr als elf Millionen Todesfälle ein. Damit sei diese Studie weltweit die bisher größte zum Thema Sterblichkeit und Fußballländerspiele.

Enttäuschte Dortmund-Fans beim Public Viewing: Trotz der Aufregungen bei Fußball-Großereignissen wie der aktuellen Weltmeisterschaft in Brasilien hat das keinen Einfluss etwa auf die Zahl von Herzinfarkten bei Fußballfans. Das haben jetzt Forscher der Universität Halle-Wittenberg herausgefunden.

Enttäuschte Dortmund-Fans beim Public Viewing: Trotz der Aufregungen bei Fußball-Großereignissen wie der aktuellen Weltmeisterschaft in Brasilien hat das keinen Einfluss etwa auf die Zahl von Herzinfarkten bei Fußballfans. Das haben jetzt Forscher der Universität Halle-Wittenberg herausgefunden.

Foto: dpa/Bernd Thissen

Sogar leichte Abnahme von Todesfällen

Nach Auswertung aller Todesfälle sowie spezieller Todesursachen (Myokardinfarkt, Verkehrstote, Atemwegserkrankungen) zeigte sich kein relevanter Anstieg der Sterblichkeit an Länderspieltagen. Die beiden Wissenschaftler fanden sogar einen Trend für eine leichte Abnahme von Todesfällen an solchen Tagen, wenngleich dieser Effekt überaus klein war.

Die Mediziner betonen allerdings, dass sie nur Todesfälle untersucht haben, nicht etwa alle gesundheitlichen Störungen, die zu Notarzteinsätzen führten. Außerdem haben sie alle Länderspiele eingerechnet, also auch solche in Qualifikationen gegen drittklassige Gegner, die wenig Aufregung auslösen. Partien wie das Halbfinale gegen Italien bei der WM 2006, das in die Verlängerung ging, haben da wohl höheres Infarktpotenzial.

Frühere Untersuchungen zeigten durchaus einen Zusammenhang zwischen Turniereinsätzen der deutschen Elf und kritischen Ereignissen. So hatten Mediziner der Uniklinik München nach der Weltmeisterschaft 2006 berichtet, dass die Zahl der notärztlich behandelten Herzattacken bei den Spielen der deutschen Mannschaft um das 2,7-fache höher gelegen habe als der Durchschnitt.

Pure Emotion: Nach seinem Elfmetertor im Champions-League-Finale am 24. Mai reißt sich der portugiesische Stürmer Cristiano Ronaldo von Real Madrid das Trikot vom Körper und posiert vor der Fankurve. Dort sorgt der Auftritt für pure Emotion. 

Pure Emotion: Nach seinem Elfmetertor im Champions-League-Finale am 24. Mai reißt sich der portugiesische Stürmer Cristiano Ronaldo von Real Madrid das Trikot vom Körper und posiert vor der Fankurve. Dort sorgt der Auftritt für pure Emotion. 

Foto: dpa/Andre Kosters

Emotionaler Stress ist ein Risikofaktor

Die Forscher hatten Protokolle von 24 Notarztstandorten aus München und Umgebung ausgewertet und mit Daten aus den Jahren 2003 und 2005 verglichen. Dabei wurden 4279 Patienten erfasst. Die Statistik war schon eine eindeutige Warnung gerade in Richtung der Männer: Während der Spieltage des deutschen Teams waren 71 Prozent der Herzpatienten männlich, in den Vergleichsperioden 2003 und 2005 lag ihr Anteil hingegen nur bei knapp 57 Prozent. Die Mediziner nahmen die Zahlen als Beleg dafür, dass emotionaler Stress ein Risikofaktor fürs Herz ist. Auch wenn die Zahl der Todesfälle nicht erhöht ist, bleibt also die eindeutige Empfehlung: Jungs, Ball flach halten.

Von Werner Grosch Tags:

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