Medizintechnik 18.03.2011, 19:52 Uhr

„Wo telefoniert wird, können wir auch medizinische Daten übertragen“

Technologie ist für Menschen da. Unter diesem Credo entwickelt Philips Healthcare Produkte, mit denen der Mensch gesünder alt werden kann – und zwar so lange wie möglich in vertrauter Umgebung. Die technischen Helfer reichen von Hausnotrufsystemen über Geräte zur Heimbeatmung bis hin zum permanenten Telemonitoring von Herzpatienten. Jochen Franke, Leiter der Sparte Healthcare für Deutschland, zeigt auf, wie Philips mobile Technologie zu den Menschen nach Hause bringt.

„Health and well-being“, wie es in der Firmensprache Englisch heißt, lauten die Versprechen von Philips an seine Kunden. Im Fokus des Technologiekonzerns liegt deshalb nicht nur Medizintechnik zum Abwenden von Krankheit, sondern auch jede Menge technischer Entwicklungen fürs Wohlbefinden – etwa atmosphärisches Licht in den heimischen vier Wänden, Fernsehen in der 3. Dimension oder elektronische Geräte mit ansprechendem Design.

Jochen Franke aber geht es vor allem um Innovationen in der Telemedizin sowie um Verbesserungen in der Diagnostik. Zum Beispiel bei Röntgen- und CT-Geräten oder der Kombination von Magnetresonanztomografie mit hochintensiv fokussiertem Ultraschall (Hifu), die neue Möglichkeiten zur schonenden Behandlung von Krebs bietet. Franke ist Chef der Sparte Healthcare für Deutschland, Österreich und die Schweiz und damit zuständig für die Medizintechnik innerhalb des Philips-Konzerns.

Nun könnte man denken, Wohlbefinden sei nicht primäres Ziel des Bereichs Healthcare, sondern eher der Sparten Lighting und Consumer Lifestyle. Doch dieser Eindruck täuscht. Auch in der Gesundheitssparte stehen die Bedürfnisse des Menschen im Vordergrund.

„Sie werden mir sicher recht geben, dass ein Mensch lieber zu Hause gesundet“, sagt Franke und hebt die Bedeutung des Geschäftsbereichs Home Healthcare, der Gesundheitslösungen für Zuhause entwickelt, für das menschliche Wohlbefinden hervor. Für Philips ist Home Healthcare ein wichtiger Zukunftsmarkt. Hier will der Konzern in den nächsten Jahren verstärkt wachsen.

Insofern teilt Philips Healthcare also sehr wohl die Zielsetzung der anderen beiden Sparten. Zudem gilt: „Es ist der gleiche Endkonsument, der für sich den Anspruch erhebt, gesund zu bleiben“, so Franke.

Neben der gemeinsamen Nutzung der zugrunde liegenden Technologie tritt also für den breit aufgestellten Philips-Konzern ein weiterer Synergieeffekt auf. „Wir meinen verstanden zu haben, was der Kunde braucht“, konkretisiert Franke den Vorteil einer Zusammenarbeit über die Sparten hinweg.

Diese äußert sich auch ganz praktisch. So interessieren sich beispielsweise Krankenhäuser immer mehr für Systemlösungen aus einer Hand. Der Fernseher am Krankenhausbett kann dann dem Arzt auch dazu dienen, medizinische Informationen abzurufen. Spezielles Licht beruhigt gerade kleine Patienten und nimmt ihnen die Angst vor medizinischen Untersuchungen.

Auch im Bereich Home Healthcare kommen viele Akteure zusammen. In Deutschland ist Philips momentan mit Motiva erfolgreich, einem Telemonitoringsystem für Herzpatienten. Der Patient misst dabei selbst Blutdruck, Puls und Gewicht. Via Bluetooth und einer Breitbandinternetverbindung werden die Vitalparameter an den behandelnden Hausarzt oder Kardiologen übertragen. Über den heimischen Fernseher, der per entsprechendem Netzwerkanschluss mit dem medizinischen Betreuungsteam verbunden ist, kann der Arzt nach dem Auswerten der Vitalparameter Empfehlungen aussprechen, Medikamente neu dosieren oder den Notarzt schicken.

„Wenn ein Patient mit normalem Blutdruck plötzlich innerhalb einer Woche vier Kilo zunimmt, dann liegt das meist nicht daran, dass er zu viel gegessen oder getrunken hat. Häufiger sind es gefährliche Wassereinlagerungen im Gewebe – ein Zeichen dafür, dass die Einnahme bestimmter Medikamente gegen Herzinsuffizienz vergessen wurde“, erläutert Franke das Potenzial des Systems. Motiva greift also bereits Stunden, bevor eine chronische Krankheit eskaliert, ein, sodass in den allermeisten Fällen eine Einweisung ins Krankenhaus vermieden werden kann. Durch das Einbeziehen in den notwendigen Überwachungsprozess ist der Patient motivierter, als wenn er sich selbst überlassen bleibt.

Entscheidend für eine weitere Verbreitung von Motiva wird sein, ob die Kosten von den Krankenkassen übernommen werden oder nicht. Dazu läuft in Berlin und Brandenburg die Studie CardioBBEAT unter Leitung des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Uni Bayreuth. 1000 Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz sollen über einen Zeitraum von einem Jahr entweder mit telemedizinischer Unterstützung oder konventionell behandelt werden.

Der Nachrichtentechniker Franke glaubt daran: „Wir können als Technologiekonzern dazu beitragen, die Kosten der Gesundheitswirtschaft in Deutschland zu senken.“ Das sei auch dringend nötig, denn momentan sei sie noch nicht nachhaltig und auch nicht selbst tragend, unterstreicht er. Auch deshalb sei es wiederum so wichtig, die Menschen zu Hause versorgen zu können, denn „ein Tag im Krankenhaus ist um einiges teurer als ein Tag zu Hause.“

Als Vision 2015 möchte der Gesamtkonzern Philips seine Verkäufe um mindestens 2 % mehr steigern, als das global gemittelte Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst. Mehr Mobilität in der Versorgung ist bei Philips Healthcare dazu eine Strategie. Eine andere ist die Investition in Märkten, die eben schneller wachsen als das mittlere globale BIP – in China, Indien, Südamerika und Russland.

Telemedizin bringt Versorgung auch dorthin, wo es keine technische Infrastruktur gibt. „Wo telefoniert wird, können auch medizinische Daten übertragen werden“, erklärt Elektrotechniker Franke.

Dazu gilt bei Philips das Prinzip „local for local“, das heißt, lokale Fabriken produzieren stets für den lokalen Markt, um die „voice of the customer“ zu hören, also flexibel auf die Bedürfnisse der Kunden reagieren zu können. In einem hoch entwickelten Land wie Deutschland bedeutet das, dass Forschung und Entwicklung besonders wichtig sind.

Die Innovationsrate in der Branche ist sehr hoch. „Alles, was älter als drei Jahre ist, gilt als veraltet“, weiß Franke in seiner Zusatzfunktion als Vorsitzender des Fachverbandes Elektromedizinische Technik im ZVEI. Er geht von einem Investitionsstau im Markt von 15 Mrd. € bis 20 Mrd. € durch veraltetes Equipment aus.

Problematisch sei in diesem Zusammenhang, dass für den Patienten, obwohl durch Internet und Medien ungleich gebildeter als noch vor wenigen Jahren, nicht erkennbar ist, ob er eine Behandlung gemäß dem aktuellsten Stand der Technik erfährt, so Franke. Um die Technik zu verbessern, vertraut Philips auf seine Mitarbeiter, darunter neben Physikern und Ingenieuren auch viele Handwerker. Diese fühlen sich wohl in einer Philips-Familie mit flachen Hierarchien und langfristigen Perspektiven, auch wenn die Ansprüche des Unternehmens nicht unerheblich sind.

„Ab einer bestimmten Ebene ist Englisch ein Must“, sagt Franke und man merkt, dass ihm diese Leitlinie in Fleisch und Blut übergegangen ist. Philips ist für ihn eine „company“, die entwickelten Geräte sind „equipment“ und als Arbeitgeber will Philips so attraktiv sein, dass sie „employer of choice“ seien.

Auch sonst ist deutlich, dass Philips eine internationale Firma ist, in fast allen Ländern der Welt vertreten. Für einen Menschen wie Franke, der das Reisen liebt, eine tolle Chance. In verschiedenen Managementfunktionen war der Hamburger mehrere Jahre in Korea und Japan – aus Interesse. „Ich bin gegangen, weil mich die Kultur interessiert hat. Ich bin nicht gegangen, weil ich gesagt habe, ich kann dadurch Karriere machen.“

Karriere hat der Ingenieur auch dank seinem Gespür für betriebswirtschaftliche Sachverhalte dennoch gemacht. Die Spitze von Healthcare Deutschland ist für den 58-Jährigen dennoch nur vorläufig die letzte Stufe in dieser Funktion geht Franke immer gern zur Arbeit – „auch an einem Montagmorgen.“ Dann kommt er aus seinem Haus im Hamburger Speckgürtel. Warum da? „Nach 12 Mio. Einwohnern in Seoul und 20 Mio. in Tokio habe ich gesagt, ich brauche Grün um mich herum“, erklärt Franke und lacht.

 P. MORGENSTERN/B. RECKTER

  • Bettina Reckter

    Bettina Reckter

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Forschung, Biotechnologie, Chemie/Verfahrenstechnik, Lebensmitteltechnologie, Medizintechnik, Umwelt, Reportagen

  • Paula Morgenstern

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