Design 15.07.2005, 18:39 Uhr

Wie das Leben sicher und lebenswert wird  

VDI nachrichten, Essen, 15. 7. 05 – Die Designer unter den Teilnehmern der Life Science Design Conference im Red Dot Design Museum in Essen schüttelten den Kopf, als nach mehreren eigentlich recht instruktiven Vorträgen ein Mediziner dann doch wieder davon sprach, dass Designer auch medizinische Geräte ruhig etwas peppiger gestalten könnten. Offensichtlich stellte sich der Chirurg ihren Beitrag zur Medizintechnik genau so vor – ein bekanntes wie grundlegendes Missverständnis.

Design ist eben viel mehr als die schmückende, den wechselnden ästhetischen Moden folgende Form und Gestalt von Konsum- und Investitionsgütern: es hat die originäre Aufgabe, Funktion und Gebrauchstauglichkeit von Produkten zu unterstützen, wenn nicht sogar erst zu ermöglichen. Diese Mensch-Maschine-Schnittstellen sind gerade auch von Ingenieuren lange Zeit vernachlässigt worden, rücken jetzt aber in vielerlei Hinsicht immer mehr ins Bewusstsein. Im Zusammenhang mit den so genannten Lebenswissenschaften bekommen sie eine neue Qualität, die sowohl Technik als auch Design nachhaltig verändern wird, ist sich Professor Peter Zec, Geschäftsführender Vorstand des Design Zentrums Nordrhein Westfalen, sicher. „Es geht ja hier um die Schaffung neuer, sehr viel komplexerer Systeme. Das setzt auch eine stärkere Komplexität im Denken voraus, die der Einzelne gar nicht zu leisten vermag“, erläutert Peter Zec und plädiert deshalb für eine Zusammenarbeit von Medizinern, Designern, Kommunikationsexperten und Ingenieuren „auf Augenhöhe“. Als Designer könne man im Grunde dankbar sein, in diesen spannenden Zeiten dabei zu sein. Gerade aus den Erkenntnissen der Forschung im Bereich der Lebenswissenschaften ergebe sich für Designer die Herausforderung, gemeinsam mit Ingenieuren und anderen vollkommen neue Produkte zu schaffen.

Doch als erstes gilt es wohl, immer noch bestehende Kommunikationsdefizite zu beheben. „Man fühlt sich doch manchmal wie die Ratte im Labor, wenn man durch Versuch und Irrtum die Funktionalität eines Gerätes verstehen will“, erinnert Uvo Hölscher, Professor für Medizinische Physik und Medizingerätetechnik an der Fachhochschule Münster, an die bekannten Beispiele aus dem Alltag, wie Videorecorder und Camcorder, die manchmal auch mit Hilfe der Bedienungsanleitung nicht so einfach zu bedienen sind. Der falsch eingestellte Videorecorder mag zu unfreiwilliger Komik führen, wenn es aber um die ergonomische Qualität von Medizingeräten geht, können Fehler in Entwicklung und Konstruktion verheerende Folgen haben. Ob ein Produkt ergonomische Defizite aufweist, erschließt sich aber meist erst dann, wenn die Anwender in Stress- und Ausnahmesituation die Geräte bedienen sollen. Wichtig sei, Ergonomie frühzeitig in den Entwicklungsprozess zu integrieren, konstatiert Uvo Hölscher. Das sei nicht zuletzt auch im Hinblick auf den wirtschaftlichen Erfolg der Hersteller immens wichtig, da sich viele Medizingeräte in ihrer Funktionalität kaum mehr unterscheiden und ergonomisch sinnvolle Produkte entscheidende Marktvorteile bringen könnten. Für die Ingenieure in der Medizintechnik gelte somit ganz besonders, sich auf die Bedürfnisse und auch auf die andere Denkweise ihrer Kunden, und das sind letztendlich Mediziner und Pflegepersonal, einzulassen.

Neue Horizonte, nicht nur für die Lebenswissenschaften, eröffnet die einst belächelte Bionik, die sich mit dem Transfer von biologischen Strukturen und „Erfindungen“ aus dem Evolutionsprozess der Natur in neuartige Technikkonzepte beschäftigt. Industrie-Designer sehen für sich auch in diesem Feld eine Integrationsaufgabe, nämlich den Spagat zwischen technisch Realisierbarem, den Nutzerinteressen sowie ökonomischen und ökologischen Anforderungen zu bewerkstelligen. „Das Design macht dröge Wissenschaft begreifbar“, hat Rudolf Bannasch erkannt. Der Geschäftsführer der aus der TU Berlin ausgegründeten EvoLogics GmbH und derzeitige Vorstandsvorsitzende der Forschungsgemeinschaft Bionik-Kompetenznetz e.V. weiß aber auch, dass Ingenieure sich nicht nur mit den Formen beschäftigen können, sondern auch auf Dimensionseffekte achten müssen, wenn Bauprinzipien der Natur in Technik übertragen werden sollen.

Interessante Erkenntnisse erhielten die Berliner Bioniker beispielsweise durch das Beobachten der Pinguine in der Antarktis. Nach Versuchen mit elektronischen „Fahrtenschreibern“ im offenen Meer berechneten die Forscher, dass Pinguine mit der Energie, die einem Liter Benzin entspricht, 1500 km weit schwimmen können. Dabei sind die flugunfähigen Vögel nicht unbedingt so geformt wie sich Strömungsmechaniker den idealen stromlinienförmigen Körper vorstellen. Statt wie ein Keil auszusehen, erinnert der Körper der Pinguine schließlich eher an eine Spindel. Die Bioniker versuchten, diese durch Evolution entstandene Form zu abstrahieren und stellten nach langen Laboruntersuchungen fest, dass die Pinguine um 25 % bis 30 % bessere Energiewerte haben als alles, was die Technik bisher hervorgebracht hat. „In Zukunft konstruiert man solche Körper nicht, sondern komponiert sie. Und dabei geht es nicht nur um das Gegenständliche. Design is the music between, ist die Übertragung des Ganzen“, meinte Rudolf Bannasch.

Insgesamt böten die Methoden der Wissenschaftler und Unternehmer im Bereich der Lebenswissenschaften, die Integration neuer Werkstoffe und Materialien oder die Miniaturisierung die Chance, Neues zwischen „Natürlichkeit und Künstlichkeit“ zu ermöglichen. Dies ergebe ein riesiges Zukunftspotenzial, ist Sylvia Deutschmann, Geschäftsführerin der Life Science Agency GmbH, überzeugt. „Computertomografie und Telemedizin zaubern Bilder aus dem Innersten auf den Monitor, an Minigerüsten wachsen Zellen, die im menschlichen Körper Gelenkknorpel wieder aufbauen, und Schädelimplantate aus Titan verwachsen mit dem restlichen Knochen: Das alles haben wir Forschern und Praktikern mit der Vision zu verdanken, neue Produkte und Lösungen zu entwickeln, die das Leben des Menschen besser machen“, erklärt Sylvia Deutschmann. MANFRED BURAZEROVIC

Von Manfred Burazerovic
Von Manfred Burazerovic

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