Vorteil Behinderung 31.07.2014, 12:19 Uhr

Weitspringer Rehm nur Deutscher Meister dank Karbonfeder?

Ist der unterschenkelamputierte Weitspringer Markus Rehm trotz, oder sogar wegen seiner Karbonprothese vor einer Woche mit 8,24 Metern Deutscher Meister im Weitsprung geworden? Schwierige Frage – Biomechaniker haben dazu unterschiedliche Auffassungen.

Sprung von Markus Rehm bei den Deutschen Meisterschaften am 26. Juli in Ulm: Mit 8,24 Metern holte Rehm den Titel. Jetzt ist eine Debatte entbrannt, ob Rehm durch die Karbonprothese nicht einen Vorteil beim Absprung hat.

Sprung von Markus Rehm bei den Deutschen Meisterschaften am 26. Juli in Ulm: Mit 8,24 Metern holte Rehm den Titel. Jetzt ist eine Debatte entbrannt, ob Rehm durch die Karbonprothese nicht einen Vorteil beim Absprung hat.

Foto: dpa/Sven Hoppe

Die Antwort auf diese Frage ist für Rehm und den gesamten Sport entscheidend. Denn Rehm hat als erster behinderter Sportler in einem regulären Wettkampf den Deutschen Meistertitel errungen. Und eigentlich müsste er als Deutscher Meister auch bei den Europameisterschaften in Zürich antreten können.

Rehm hat keine Starterlaubnis für die Europameisterschaft

Doch der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat ihm keine Starterlaubnis erteilt. “Wir leben Inklusion. Es besteht aber der deutliche Zweifel, dass Sprünge mit Beinprothese und mit einem natürlichen Sprunggelenk vergleichbar sind“, begründete am Mittwoch DLV-Präsident Clemens Prokop die Entscheidung.

Markus Rehm bei den Paralympics 2012 in London, als er die Goldmedaille gewann: Biomechaniker sagen, dass die Karbonfeder im Vergleich zum menschlichen Sprunggelenk von Vorteil ist.

Markus Rehm bei den Paralympics 2012 in London, als er die Goldmedaille gewann: Biomechaniker sagen, dass die Karbonfeder im Vergleich zum menschlichen Sprunggelenk von Vorteil ist.

Foto: EPA

Nun sollen Experten der Deutschen Sporthochschule in Köln den sportpolitischen Streit wissenschaftlich lösen. Der Biomechaniker Gerd Brüggemann von der Sporthochschule ist einer der Wissenschaftler, auf die Markus Rehm, der für Bayer Leverkusen startet, hoffen kann. Denn Brüggemann hält die bisherigen Untersuchungen über die Wirkung der Karbonfeder, die den Unterschenkel und vor allem das Sprunggelenk des Sportlers ersetzt, für wenig aussagekräftig.

Für die Deutschen Meisterschaften, die Rehm mit 8,24 Metern gewann, hatte der Leichtathletikverband die Experten des Olympiastützpunkts in Frankfurt beauftragt, die auftretenden Kräfte zu messen. Die Biomechaniker kamen im Kern zu dem Ergebnis, dass Anlaufgeschwindigkeit und Absprungenergie in einem unnatürlichen Verhältnis stehen.

Der Weitspringer Markus Rehm ist von Beruf Orthopädiemeister und führt ein Geschäft im rheinischen Troisdorf bei Bonn. Er startet für Bayer Leverkusen.

Der Weitspringer Markus Rehm ist von Beruf Orthopädiemeister und führt ein Geschäft im rheinischen Troisdorf bei Bonn. Er startet für Bayer Leverkusen.

Foto: Rahm Zentrum für Gesundheit

Im Anlauf, vor allem auf den letzten zehn Metern, sei Rehm mit 9,73 Metern pro Sekunde deutlich langsamer gewesen als der Zweitplatzierte Christian Reif mit 10,74 Metern pro Sekunde. Dagegen habe er eine „überdurchschnittlich hohe Vertikalgeschwindigkeit beim Verlassen des Bodens“ gehabt, sagte DLV-Präsident Prokop. Und die wiederum lasse auf einen Katapulteffekt durch die Karbonfeder in Rehms Unterschenkelprothese schließen. „Wenn ein Sportler mit einer deutlich geringeren Anlaufgeschwindigkeit die gleiche Flugweite erzielt, muss er zwangsweise geringere Energieverluste am Brett haben“, sagte DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska.

Materialtechnik aus der ISS-Forschung

Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden nur drei Tage nach den Deutschen Meisterschaften vorgelegt – der DLV stand unter Zeitdruck, weil er die Nominierungen für die Europameisterschaften Mitte August in Zürich festlegen musste. Und üblicherweise startet natürlich ein Deutscher Meister auch bei der Europameisterschaft.

Für Gerd Brüggemann von der Sporthochschule Köln kann ein solches Schnellverfahren aber keine Grundlage für eine seriöse Beurteilung sein. Die Datenbasis reiche nicht aus, sagte der Biomechaniker, der auch schon den Fall des beidseitig amputierten Läufers Oscar Pistorius begutachtet hatte.

Die Karbonprothese des Weitspringers Markus Rehm bei den Paralympics 2012 in London: Ein gesundes Sprunggelenk kann maximal 50 Prozent der Energie in den Absprung umsetzen, während es bei der Karbonfeder rund 80 Prozent sind, sagt der Tübinger Biomechaniker Prof. Veit Wank.

Die Karbonprothese des Weitspringers Markus Rehm bei den Paralympics 2012 in London: Ein gesundes Sprunggelenk kann maximal 50 Prozent der Energie in den Absprung umsetzen, während es bei der Karbonfeder rund 80 Prozent sind, sagt der Tübinger Biomechaniker Prof. Veit Wank.

Foto: dpa

Hightechprothesen für Sportler wie Rehm, der selbst Orthopädietechniker ist, bestehen im Wesentlichen aus einem Schaft, der individuell angepasst wird, und einer Karbonfeder. Sie muss bei Sprintern und Weitspringern Kräfte bis zu 400 Kilogramm aushalten. Dass diese technischen Entwicklungen enorme Leistungssprünge ermöglichen, zeigt das Beispiel des ebenfalls einseitig unterschenkelamputierten deutschen Weitspringers Wojtek Czyz: Er verbesserte bei den Paralympics 2008 den Weltrekord in seiner Klasse um 27 Zentimeter. Zuvor hatten Experten der Europäischen Raumfahrtagentur ESA und des Unternehmens MST Aerospace vier Jahre lang an seiner Prothese gearbeitet – mithilfe von Materialien, die auf der Internationalen Raumstation ISS entwickelt wurden.

Karbonfeder kann Energie speichern

Für Brüggemanns Fachkollegen Prof. Veit Wank, Leiter des Bereichs Biomechanik am Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen, ist die Frage nach der Belastbarkeit der Messungen bei der Deutschen Meisterschaft unerheblich. Klar sei, dass die Leistungen einfach nicht vergleichbar seien. „Der gesunde Fuß hat erst in der Endphase des Sprungs die Möglichkeit zum Abdruck. Das Karbonbein kann ein größeres Drehmoment leisten und passiv Energie speichern. Die Entscheidung der Nichtnominierung ist aus meiner Sicht richtig, weil es eine völlig andere Art ist zu springen, die nicht zu vergleichen ist“, sagte Wank der Süddeutschen Zeitung.

Grundsätzlich gelte: Ein gesundes Sprunggelenk könne maximal 50 Prozent der Energie in den Absprung umsetzen, während es bei der Karbonfeder rund 80 Prozent seien. „Der Hauptunterschied ist aus meiner Sicht der Absprung”, so Prof. Wank in der Süddeutschen. “Rehm zieht beim Absprung seine größte Energie aus dem – künstlichen – Sprunggelenk. Ein menschliches Gelenk kann das nicht leisten.”

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