Medizintechnik 07.06.2002, 18:20 Uhr

Vom Fetisch zur Geräte-Medizin

Das dortige Landesmuseum für Technik und Arbeit spannt den Bogen vom primitiven Werkzeug zur hoch spezialisierten Geräte-Medizin. Die Ausstellung will auch zur kontroversen Diskussion über den zunehmenden Technik-Einsatz im Gesundheitswesen beitragen.

Die Ausstellung „Doctor’s little helpers: Vom Fetisch zur Hightech-Medizin“ spart nicht mit Schockierendem. Der Wachsabguss einer verkrüppelten leprösen Hand zieht den unbedarften Besucher erbarmungslos in seinen Bann. Der mehrfach durchbohrte Schädel eines keltischen Kriegers zeugt von einer früheren Schädeloperation ohne Narkose und Sterilisation – ein Aufschrei hallt noch Jahrtausende nach. Für Beklemmungen sorgt auch das Szenarium eines OP-Bereichs aus den 1950er Jahren und selbst eine Augenoperation mit modernster Laser-Technik, bei der in wenigen Minuten die Hornhaut abgetrennt und abgeschliffen wird, um anschließend genauso schnell wieder anzuwachsen, ist nichts für Zartbesaitete. Doch dann löst bewunderndes Staunen die Beklemmung, wenn die Patientin nach nur einer halben Stunde Ruhepause geheilt nach Hause geht.
Die Ausstellung in Mannheim, die zusammen mit dem Siemens-Forum München konzipiert wurde, bereichert zweifelsohne die aktuelle Diskussion um ein Mehr an Technik im Gesundheitswesen. Nicht allein aus Kostengründen mehren sich kritische Stimmen, auch ethische Überlegungen rücken die Schattenseiten der ApparateMedizin in den Blickpunkt. Eine einfache Antwort auf diese komplexe Situation gibt die Mannheimer Ausstellung freilich nicht, kann sie nicht geben, obwohl sie die Schrecken vergangener Zeiten wachruft und so die Hoffnung auf den Fortschritt der Technik nährt. Ein Fortschritt, an dem Siemens beteiligt war und ist, angefangen bei der Konstruktion eines Schlitteninduktors für die Nervenbehandlung mit Wechselstrom 1847 über die Röntgentechnik bis hin zu Kernspintomographie und Ultraschalltechnik.
Die Entwicklung der Medizin gleicht einer Gratwanderung zwischen Schmerz und Genesung, Leben und Tod – Extreme, die den Besucher durch diese spannende Medizin-Apparate-Schau begleiten. Schon immer wurden technische Hilfsmittel zum Zwecke der Heilung benutzt, erfunden, weiterentwickelt – anfangs Fetische mit Hörnern, Hölzern, Früchten und Muscheln, nun entzauberte Instrumente. Ein großes Spektrum der Heilkunst von der Antike bis zur modernsten Medizintechnik wird mit zum Teil seltsamsten Exponaten, mit erfrischend kurzen, prägnanten Texten und beeindruckenden Abbildungen sichtbar gemacht. Kurze Filme informieren zudem über neueste Verfahren in Diagnose und Therapie.
Schon früh leistete die Medizin Erstaunliches: Praktiziert wurden chirurgische Eingriffe, Schädelöffnungen, Amputationen schon zur Zeit der Pharaonen. Im 5. Jh. v. Chr. schufen die Griechen dann die Grundlagen für die Medizin der Neuzeit. Krankheit wurde nun nicht mehr übernatürlichen Kräften zugeschrieben, sondern wissenschaftlich betrachtet, auch wenn der Kranke weiterhin des Heilgottes Asklepios mit seinem Wanderstab und der heiligen Schlange bedurfte.
Im Mittelalter beugte sich die Medizin dem Diktat von Kirche und Aberglauben und schließlich fegte die Apokalypse durch Europa. Präparierte Wanderratten und ein unter der Lupe vergrößerter Floh erinnern im Museum an den Tod ohne Grenzen: bei Pest und Lepra halfen weder Pestmaske noch Räucherkerzen. Einen Hoffnungsschimmer brachten erst Renaissance und Aufklärung: Dicke medizinische Lehrbücher, anatomische Modelle, erste Mikroskope und Sehhilfen sowie Kräuterdüfte, die aus dem alten Apothekerschrank dringen, zeugen von zahlreichen medizinischen Neuerungen, Klistiere und Blutegel, die sich auf grünen Blättern räkeln, von damaligen Therapieformen.
Im 19. Jahrhundert dann kam der Fortschritt von Wissenschaft und Technik in Siebenmeilenstiefeln daher. Die Entwicklung der Medizin konzentrierte sich in Krankenhäusern, der Beruf der Krankenschwester entstand, neue Narkosemittel sorgten für den Aufschwung operativer Verfahren. Ein verrosteter Brutschrank, der aussieht wie das Mobiliar eines Luftschutzbunkers, verhalf zu lebensrettenden Schutzimpfungen gegen Infektionskrankheiten. In ihm züchtete der Forscher Robert Koch wochenlang seine Reinkulturen und entdeckte Milzbrandbazillus, Tuberkelbazillus und Cholera-Erreger.
Bilder vom Inneren des Körpers gelangen erstmals mit der Entdeckung von Wilhelm Conrad Röntgen. Sie schuf völlig neue Möglichkeiten in Diagnose und Therapie. Dass dies mit einer enormen Strahlenbelastung einherging, zeigt das Thorax-Röntgen-Gerät von 1930. Als Schutz während der Durchleuchtung musste der Arzt Bleischürze und riesige Handschuhe tragen, dazu eine Brille mit getönten Gläsern.
In einem großen Sprung wechselt die Ausstellung zur neuesten Medizintechnik, ähnelt nun allerdings eher einem Siemens-Messestand. Dominiert wird dieser Bereich von einem nüchternen, in seinen Dimensionen aber beeindruckenden Kernspintomografen. Allein fünf bildgebende Verfahren – Ultraschall, Röntgentechnik, Szintigramm, Computertomografie, Kernspintomografie – helfen dem Arzt heute bei der Diagnose.
Eine kleine unscheinbare Vitrine demonstriert beispielhaft den Quantensprung in der Medizin-Geräte-Entwicklung: Eine muschelähnliche, faustgroße Hördose von 1860 liegt neben einem modernen Hörcomputer aus dem Jahr 2000. Digitale Hinter-dem-Ohr-Geräte und winzige, kaum sichtbare Im-Ohr-Geräte mit programmierbaren Speicher-Chips, angepasst an das individuelle Hörvermögen, leisten Erstaunliches. Leicht wird dabei vergessen, dass sie ein normales Gehör nicht ersetzen – das bleibt noch immer Zukunftsmusik. CARLA REGGE

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  • Carla Regge

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