Medizintechnik 26.03.2010, 20:45 Uhr

Virtuelle Krücken verhelfen zur Selbstheilung  

Die Biofeedbacktherapie hat ihr Esoterikimage mittlerweile abgestreift. Denn immer mehr wissenschaftliche Studien belegen die Wirkung des mentalen Trainings bei ausgewählten Krankheiten. Jetzt steigt sogar die Computerspieleindustrie ins Geschäft ein. VDI nachrichten, Marburg, 26. 3. 10, ber

Die Manipulation eigener Körperfunktionen soll neben Kopfschmerzen auch Rückenbeschwerden lindern. Ebenso wird sie gegen Muskelverspannungen empfohlen, gegen Bluthochdruck und Schlafstörungen. Biofeedbacktherapien helfen Schlaganfallpatienten in der Rehabilitation beim Wiedererlangen ihrer motorischen Fähigkeiten.

Die bewusste Beeinflussung der eigenen Hirnströme, das EEG-Biofeedback oder auch Neurofeedback, beruhigt zappelige ADHS-Kinder. Sie können sich besser konzentrieren, wenn sie darauf trainiert werden, bestimmte Erregungswellen in der Hirnrinde zu stärken.

Psychologin Ute Strehl von der Universität Tübingen konnte so das Verhalten bei der Mehrzahl aufmerksamkeitsgestörter Kinder normalisieren. „Das erreichen sie mit keinem Medikament“, freut sie sich. Nach einem Abgleich aller 15 vorliegenden Studien steigert Neurofeedback deutlich die Aufmerksamkeit und reduziert die Impulsivität der Kinder.

In Deutschland gibt es derzeit rund 250 ausgebildete Biofeedbacktherapeuten, in den USA sind es bereits einige Zehntausend. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen die Behandlung hierzulande allerdings in der Regel nicht.

Die Liste der Indikationen, bei denen Biofeedback wirkt, verlängert sich indes. „Wir sind noch am Anfang“, sagte Neurofeedbacktherapeut Andreas Krombholz in Hagen. Der Reigen der Erfolge beflügelt schon heute den Biofeedbackgerätemarkt. Rund ein Dutzend Hersteller darunter MediTech Electronic, SchwaMedico und tic Medizintechnik, bietet hierzulande Geräte an.

„Mit den Produkten erzielen wir einen Jahresumsatz im sechsstelligen Bereich“, sagte Geschäftsführer Ralph Warnke von MediTech Electronics in Wedemark. Mitbewerber SchwaMedico gibt an, in Deutschland rund 30 Geräte pro Jahr abzusetzen, die in der Größenordnung von 6000 € zu haben sind.

Es sind fast ausschließlich Therapeuten und Ärzte, die sich die modular aufgebauten Systeme anschaffen, mit denen sie unterschiedliche Körperfunktionen vom Hautwiderstand, über den Puls, den Muskeltonus bis hin zum Elektroenzephalogramm veranschaulichen können.

„Die Geräte werden immer leistungsstärker. Die Software lässt sich immer leichter bedienen“, meint Krombholz, der regelmäßig Therapeuten im Umgang mit den verfügbaren Geräten schult. Eine Empfehlung für ein bestimmtes Produkt will weder er noch die Deutsche Gesellschaft für Biofeedback aussprechen. Das Gerät sollte aber als Medizinprodukt zertifiziert sein, rät Krombholz. Mit einem chinesischen System ohne entsprechendes Gütesiegel hat er schlechte Erfahrung gemacht. Die Messsignale waren schlecht zu erkennen und schwer zuzuordnen.

Mit Sorge beobachtet Krombholz, dass nun die Computerspieleindustrie den aufstrebenden Markt erspäht hat. Sie buhlt gar nicht erst um Therapeuten, sondern um die wesentlich größere Zielgruppe der Verbraucher, denen sie Wellness im Wohnzimmer verspricht. Gesunde könnten mit Neurofeedback eigenständig entspannen, Kranke sich selbst mit der virtuellen Krücke kurieren.

Wozu braucht es da noch den Therapeuten? „Zu jedem Training gehört die therapeutische Betreuung“, entgegnet Krombholz und schiebt warnende Worte hinterher: „Sonst kann es zu unerwünschten Nebenwirkungen kommen.“

„Wir wollen nicht, dass die Geräte in Laienhände gelangen. Nachher heißt es: ¿Biofeedback hat mir nichts gebracht.“ Dann wären wir um Jahre zurückgeworfen“, stellt Sven Busse, Produktmanager bei SchwaMedico, klar. In den Achtzigerjahren war die Technik schon einmal in Verruf geraten, weil sie in Esoterikkreisen ohne wissenschaftliches Fundament angewandt wurde. S. DONNER

Von S. Donner
Von S. Donner

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