Pflaster als Lebensretter 19.06.2013, 07:00 Uhr

Vigi`Fall: Neues Alarmsystem für Seniorenwohnungen

Ein neues Überwachungssystem ruft Hilfe herbei, wenn Menschen nach einem Sturz völlig hilflos sind. Dafür muss die gefährdete Person ein Pflaster mit integriertem Sensor auf der Haut kleben haben.  

Viele der Hochaltrigen schweben, wenn sie allein leben, in der Gefahr, zu stürzen und unentdeckt zu bleiben. Das Überwachungssystem Vigi`Fall schafft Abhilfe und leitet die Rettung ein. 

Viele der Hochaltrigen schweben, wenn sie allein leben, in der Gefahr, zu stürzen und unentdeckt zu bleiben. Das Überwachungssystem Vigi`Fall schafft Abhilfe und leitet die Rettung ein. 

Foto: dpa

Europa müsse mit einer „spektakulären Erhöhung der Zahl von Menschen im Alter von über 80 Jahren“ rechnen, warnte die Europäische Kommission schon im Jahr 2006. Viele der Hochaltrigen schweben, wenn sie allein leben, in der Gefahr, zu stürzen und unentdeckt zu bleiben, weil sie nicht mehr kommunizieren können.  Allein in Deutschland starben 2011 fast 10 000 Menschen an den Folgen eines Sturzes, die meisten von ihnen Senioren.

Vigi`Fall wird dafür sorgen, dass viele nach einem Sturz daheim schnelle Hilfe bekommen. Das Leben rettende Überwachungssystem besteht aus einem Sensor, der auf die Haut geklebt wird, Bewegungsmeldern auf Infrarotbasis, die in allen Räumen einer Seniorenwohnung angebracht werden, einem Telefon, das eine Notrufnummer wählt, wenn der Wohnungsinhaber sich nicht mehr bewegt, und einem Türöffner, den Rettungskräfte per Sender betätigen können.

Jeden Monat Batteriewechsel

Das dreieckige Pflaster, das auf der Haut klebt, enthält einen Beschleunigungssensor, der abrupte Bewegungen, wie sie bei einem Sturz auftreten, per Funk an die Zentraleinheit meldet. Diese befragt daraufhin die Bewegungsmelder. Wenn diese nach einigen Minuten kein Signal erhalten, geht die Zentraleinheit davon aus, dass der Wohnungsinhaber hilflos ist, und wählt die Notrufnummer. Ein Mitarbeiter des alarmierten Callcenters ruft den vermeintlich Hilfsbedürftigen an. Geht der nicht ans Telefon rückt der Rettungsdienst an.

Die Europäische Union, die das internationale Entwicklungsprojekt mit mehr als zwei Millionen Euro finanzierte, geht davon aus, dass damit jedes Jahr tausende hilflose Menschen vor dem Tod oder Spätfolgen auf Grund verspäteter Hilfeleistung bewahrt werden. Das Pflaster wird von einer Batterie mit Strom versorgt, die jeden Monat gewechselt werden muss.

Deutsche Unternehmen AEMtec und Siemens involviert

Neben Unternehmen aus Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien wurde ein deutsches Unternehmen zur Mitarbeit im Konsortium ausgewählt: Die AEMtec in Berlin, die auf Entwicklung und Bau miniaturisierter elektrischer Schaltungen spezialisiert ist. Das Spin-off des Elektromultis Siemens wird die Serienfertigung des Systems übernehmen.

Das dreieckige Vigi`Fall-Pflaster enthält einen Beschleunigungssensor, der abrupte Bewegungen, wie sie bei einem Sturz auftreten, per Funk an die Zentraleinheit meldet.

Das dreieckige Vigi`Fall-Pflaster enthält einen Beschleunigungssensor, der abrupte Bewegungen, wie sie bei einem Sturz auftreten, per Funk an die Zentraleinheit meldet.

Foto: FallWatch Project

Vigi`Fall kostet für private Nutzer 30 Euro pro Monat. Darin sind die Installation sowie Wartung und Batterien für zwei Jahre enthalten. Die Entwickler hoffen, dass Krankenkassen die Kosten übernehmen.

Initialzündung kam von Pariser Unfallarzt

Der Anstoß, das System zu entwickeln, kam von dem Pariser Unfallarzt  Jean-Eric Lundy, der regelmäßig ältere Patienten nach einem Sturz behandelt. Viele davon blieben stundenlang unentdeckt. Schon eine Stunde ohne Hilfe erhöht die Sterblichkeitsrate um zwölf Prozent, stellte Lundy fest. Bei einer Verspätung um 72 Stunden erhöhte sie sich bereits um 67 Prozent.

Das Überwachungssystem kann nach Einschätzung der EU die Kosten für die Betreuung von älteren Menschen drastisch verbilligen, weil sie nicht in speziellen Einrichtungen untergebracht werden müssen, sondern zu Hause bleiben können, ohne auf schnelle Hilfe im Notfall verzichten zu müssen. Geplant ist, das System Ende 2013 auf den deutschen Markt zu bringen.

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