Gesundheit 12.08.2013, 09:00 Uhr

Rollendes Krankenhaus gegen Schlaganfall

Nach einem Schlaganfall zählt jede Minute. Doch allein der Weg zur nächsten Klinik zieht sich oft schon endlos lange hin. Ein Rettungswagen, bestückt mit Röntgeneinheit und Computertomograf, bringt nun schon unterwegs schnelle Hilfe. Das weltweit erste Schlaganfall-Einsatzmobil zieht nach zwei Jahren auf Berlins Straßen eine erste Bilanz.

Das Stroke-Einsatz-Mobil "Stemo" ist die weltweit erste rollende Miniklinik für Schlaganfallpatienten. Im Schnitt 25 Minuten früher als sonst wurden die etwa 200 Schlaganfallpatienten während des zweijährigen Testbetriebs im Berliner Rettungswagen behandelt.

Das Stroke-Einsatz-Mobil "Stemo" ist die weltweit erste rollende Miniklinik für Schlaganfallpatienten. Im Schnitt 25 Minuten früher als sonst wurden die etwa 200 Schlaganfallpatienten während des zweijährigen Testbetriebs im Berliner Rettungswagen behandelt.

Foto: Charité

Wenn das Funkgerät von Martin Ebinger piept, saust der Neurologe von der Berliner Charité aus dem 2. Stock seines Büros an einer Eisenstange wie in der Turnhalle auf schnellstem Weg hinab ins Erdgeschoss. Dort steht in der Garage der Feuerwehrrettungsstelle in Berlin-Wilmersdorf ein orangefarbener Rettungswagen. Gemeinsam mit zwei Kollegen springt Ebinger hinein.

Es ist kein gewöhnlicher Rettungswagen, mit dem die drei zum Einsatzort eilen, sondern die weltweit erste rollende Miniklinik für Schlaganfallpatienten, kurz: „Stemo“ für Stroke-Einsatz-Mobil. Denn bei der Versorgung nach einem Hirninfarkt zählt jede Minute.

Jede Minute sterben nach einem Schlaganfall 1,9 Millionen Nervenzellen

Die Zeit bis zur Behandlung entscheidet mitunter über „Pflegeheim oder Rückkehr an den Arbeitsplatz“, sagt Ebinger. Jede Minute sterben im Gehirn nach einem Schlaganfall 1,9 Millionen Nervenzellen. Mit blutverdünnenden Medikamenten kann das manchmal verhindert werden. Aber nur, wenn der Betroffene binnen viereinhalb Stunden im Krankenhaus eintrifft. Danach hilft die Arznei nicht mehr und kann sogar schaden.

Weltweit bekommen nur zwei bis vier Prozent der Schlaganfallpatienten dieses Medikament. Die allermeisten kommen zu spät in die Klinik. Alleine vom Notruf bis zur ersten Versorgung im Krankenhaus vergehen meist über 90 Minuten. „Viel zu langsam“, urteilt Heinrich Audebert, Leiter des Stemo-Projekts an der Berliner Charité.

„Wir müssen mit der Behandlung zum Patienten kommen“, leitet er daraus ab – mit dem Schlaganfall-Rettungswagen, der seit Anfang Februar 2011 in Berlin unterwegs ist. An Bord befinden sich ein Labor, in dem Blutwerte des Patienten bestimmt werden, und ein Computertomograf, der noch vor der Haustür ein Röntgenbild vom Kopf anfertigt.

Auf den Schwarz-Weiß-Aufnahmen können Ärzte sofort sehen, woher der Schlaganfall rührt: von einem verstopften Gefäß im Gehirn – wie meist üblich – oder von einer Blutung im Gehirn.

Blutgerinnsel oder Blutung?

Dies ist eine Schlüsselinformation für den Arzt, weil nur bei einer Verstopfung blutverdünnende Medikamente helfen. Sie lösen das Gerinnsel auf, stellen die Blutversorgung wieder her und können so eine Behinderung abwenden. Dem gegenüber dürfen bei einer Blutung keinesfalls blutverdünnende Medikamente gegeben werden. „Das könnte den Patienten umbringen“, betont Ebinger.

Gut zwei Jahre nach der Jungfernfahrt des Schlaganfall-Rettungswagens zieht die Charité eine positive Bilanz. Mit dem neuen Wagen bekamen etwa 200 Kranke die Therapie im Schnitt 25 Minuten früher als sonst. Verglichen mit Phasen, in denen das Spezialfahrzeug nicht fuhr, erhielten auch 50 Prozent mehr Patienten blutverdünnende Medikamente, u. a. weil die kritischen viereinhalb Stunden noch nicht verstrichen waren.

Als Heinrich Audebert, Projektleiter an der Charité, die Ergebnisse Ende Mai auf der Europäischen Schlaganfallkonferenz in London publik machte, setzte ein Rennen auf den dort ausgestellten Rettungswagen ein, berichten mehrere Beobachter übereinstimmend. Weit über 100 Adressen potenzieller Käufer vor allem aus den USA, Kanada, Australien, Russland und China hat die brandenburgische Meytec eigenen Angaben zufolge aus London mitgebracht. Das Medizintechnik-Unternehmen hat die Technik des Stemo mit dem Partnerunternehmen Brahms entwickelt.

Berliner Spezialkrankenwagen kostet über eine Million Euro

An sechs bis acht verschiedenen Ausführungen des Schlaganfall-Rettungswagens arbeitet Meytec. Denn je nach Land benötigen die Rettungskräfte eine andere Ausstattung. Dabei geht es auch darum, das Fahrzeug preiswerter zu machen. Denn das Berliner Unikat kostet über eine Million Euro.

Dafür ist es aber speziell gegen Unfälle gerüstet. Eine dicke Stahlplatte und eine extra entwickelte Halterung verhindern, dass das fast eine halbe Tonne schwere Röntgengerät beim Aufprall herausgerissen wird. Während der Fahrt arretieren außerdem drei pneumatische Bolzen die verschiebbare Röntgeneinheit im Stand-by-Modus. Am Einsatzort ist sie indes sofort einsatzbereit.

„Einige Interessenten benötigen diese technischen Besonderheiten nicht“, berichtet Gerhard Meyer, Geschäftsführer der Meytec. Andere wollen das Fahrzeug lediglich für die Röntgenaufnahme, nicht aber zum Transport der Patienten nutzen. „Dann kann es kleiner und einfacher gebaut werden“, so Meyer.

Computertomograf mit an Bord: Der Rettungswagen verfügt zudem über moderne Labordiagnostik und eine telemedizinische Vernetzung.

Computertomograf mit an Bord: Der Rettungswagen verfügt zudem über moderne Labordiagnostik und eine telemedizinische Vernetzung.

Foto: Charité

„Vorsicht Röntgen“ leuchtet roter LED-Schrift am Fahrzeug, sobald der Patient in den Computertomografen geschoben wird – eine Auflage der hiesigen Röntgenverordnung. Damit Passanten keiner Strahlung ausgesetzt sind, ist der gesamte Wagen mit Bleitapeten abgeschirmt. „Wir haben aber Anfragen aus dünn besiedelten Gebieten. Dort ist die Röntgenstrahlung kein Problem. Da kann man womöglich auf die Bleitapeten verzichten“, schildert Meyer.

Für ihn ist allerdings schon jetzt klar, dass nicht alle Anfragen zu einem Verkauf führen. Denn damit der Wagen wirklich Menschenleben rettet, müssen andere Voraussetzungen erfüllt sein. In Berlin werden die Röntgenbilder in Echtzeit über den Mobilfunkstandard LTE zu einem Radiologen im Klinikum übertragen.

Röntgenbild wird über mehrere Mobilfunkkanäle an Krankenhaus weitergeleitet

Aufgrund gesetzlicher Bestimmungen darf hierzulande nur ein Radiologe den Befund anhand des Röntgenbildes erstellen. Um die Übertragung zu gewährleisten, nutzt der Betreiber mehrere Mobilfunkkanäle von Vodafone und Telekom gleichzeitig. „Aber nicht alle Länder verfügen über ein so gut ausgebautes Mobilfunknetz“, wendet Meyer ein.

Ein anderes Moment dürfte sich als noch kritischer erweisen. In Berlin hat die Charité ein ausgeklügeltes Filtersystem für Rettungsrufe entwickelt, damit das Stemo nur bei Verdacht auf einen Schlaganfall ausrückt. Denn obwohl sich jedes Jahr 12 000 Schlaganfälle in der Hauptstadt ereignen, ist das weniger als einer unter hundert Notrufen.

An bestimmten Schlüsselworten erkennt der Mitarbeiter in der Leitstelle diese Telefonate. Über 60 Prozent aller Fahrten des Wagens führen so tatsächlich zu einem Patienten mit Hirninfarkt. „Würde das Fahrzeug nach dem Zufallsprinzip eingesetzt, würde es keinen Behandlungserfolg bringen und wäre nicht sinnvoll“, stellt Audebert klar.

Es ist nicht nur die Technik, die in Berlin Leben rettet. Sechs Neurologen ließen sich zu Notärzten ausbilden, damit sie auf der Straße arbeiten dürfen. Weitere sechs Röntgenassistenten absolvierten eine Ausbildung zum Rettungssanitäter, damit sie den Computertomografen bedienen und die Patienten mitversorgen dürfen.

15-köpfige Mannschaft sorgt für den Betrieb des Spezialfahrzeugs

Und schließlich steuern drei Rettungsassistenten das Stemo. Diese 15-köpfige Mannschaft sorgt seither für den Betrieb des Spezialfahrzeugs. Ein beträchtlicher Aufwand, bei dem man kritisch prüfen muss, ob sich das rechnet.

Immerhin bestätigen Ergebnisse aus dem Saarland, dass die fahrende Schlaganfallklinik die Zeit bis zur Therapie verkürzt. Klaus Faßbender, Klinikdirektor der Neurologie am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg, testet dort seit 2010 ein mobiles Röntgengerät. 41 Minuten früher konnten die Patienten damit behandelt werden, berichtete er im Mai 2012 im Fachjournal Lancet.

Wie viel Leid ersparen diese Minuten und wie viel Aufwand ist dafür nötig? „Das müssen Gesundheitsökonomen nüchtern ausrechnen“, räumt Ebinger ein. Die gesetzlichen Krankenkassen stellen genau diese Frage, um zu entscheiden, ob sie diese Notfallversorgung erstatten. Eine Antwort steht noch aus. Derweil laufen Verhandlungen mit dem Berliner Senat, ob dieser den Betrieb des Fahrzeugs bis zur Klärung finanziert.

Andere denken bereits über die kommenden Jahre hinaus. „Ganz neue frühzeitige Therapien“ ermögliche der Schlaganfall-Rettungswagen, sagt der Direktor der Neurologischen Abteilung der Charité, Matthias Endres. Und Meyer ist sich sicher: „Das ist erst der Anfang der fahrenden Kliniken.“ Denn es gibt viele Krankheiten vom Herzinfarkt bis zum Tinnitus, die besser gleich behandelt werden sollten. 

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