Medizintechnik 07.05.2010, 19:46 Uhr

Röntgens Renaissance: Mit mobilen Geräten in die Schwellenländer

Die Gesundheitssparte von Siemens pflegt ein eng geknüpftes Netzwerk, in dem sich die Entscheider der verschiedenen Geschäftsbereiche gegenseitig über Innovationen im Markt auf dem Laufenden halten. Hier informiert sich auch Wilhelm Dürr, der bei Siemens Healthcare die Weichen für die Zukunft der bildgebenden Verfahren in der Medizin stellt.

„Ein Innovator ist bei uns der Entwickler, der aus einer Komponente das Beste rausholt. Und er ist der Kopf, der Ideen für zukünftige Technologien in seinem Fachgebiet generiert“, sagt Wilhelm Dürr. Er leitet bei Siemens Healthcare in Erlangen im Geschäftsgebiet Komponenten und Vakuumtechnologie die Abteilung Innovation & Business Development. Für die Gesundheitssparte muss Dürr erkennen, wo es in der Medizintechnik hingeht. Und sein Team technologisch so aufstellen, dass es auch in drei bis fünf Jahren attraktiv für seine Kunden ist.

Bei zwei Alpenüberquerungen gewann der passionierte Radfahrer genügend Weitblick, um für Siemens in die medizintechnische Zukunft zu schauen: „Es werden immer stärkere Kombigeräte auf den Markt kommen, die gleichzeitig die Struktur und die Funktionsweise von Organen abbilden können.“

In seinem Geschäftsfeld werden elektronische Komponenten wie Generatoren und Röntgenröhren für Magnetresonanz- und Computertomographen gefertigt (s. Glossar).

Die Entwicklung einer solchen Anwendung selbst fällt normalerweise in andere Geschäftsbereiche. Doch dann werden wiederum von Dürrs Mannschaft Innovationsschritte für die nächste Gerätegeneration erwartet: bessere Bildqualität, schnellere und leichtere Geräte, geringerer Stromverbrauch.

Mit den Kollegen der anderen Siemensstandorte Rudolstadt bei Erfurt und Kemnath nahe Bayreuth trifft sich Dürr einmal im Monat zur Innovatorenrunde. Es ist ein intensives Netzwerk, in dem man sich jenseits der Konferenzen per E-Mail und Telefon auf neue Entwicklungen am Markt aufmerksam macht und über die Technologieerwartungen der Medizintechnik in fünf Jahren diskutiert.

Als Lehrbeauftragter an der Uni Erlangen wiederum hält er nicht nur Vorlesungen zur „Bildgebung in der Medizin“, sondern auch Ausschau nach jungen Talenten. „Wir haben schon einige begabte Absolventen eingestellt, die bei mir ihre Diplomarbeit geschrieben haben“, berichtet er stolz. Praktikum im Werk, Diplomarbeit, ja sogar die Promotion ermöglicht Siemens über ein eigenes Stipendium.

Vor einigen Jahren, als Dürr noch dem Siemens-Geschäftsbereich MR (Magnetresonanz) angehörte, war er davon überzeugt, dass für die Röntgentechnik bald das letzte Stündlein geschlagen habe. Aber: „Das Gegenteil ist der Fall. Röntgen erlebt derzeit eine wahre Renaissance.“ Das liege an der heute wesentlich geringeren Strahlendosis sowie an der Entwicklung empfindlicher Detektoren, die praktisch rauschfrei arbeiten und so eine hervorragende Bildqualität bieten. So stellt beispielsweise ein neuer Computertomograph das menschliche Herz in 3-D mit einer Strahlendosis dar, die früher für die Röntgenaufnahme eines Beinbruchs nötig war.

Senken lässt sich die Strahlenbelastung durch Abschirmung der Röntgenröhre mit Blenden und Filtern ebenso wie durch schnelleres Abschalten der Strahlenquelle. Das erledigen heute neue schnelle Halbleiter wie etwa Siliziumcarbid.

Wenn Dürr erfährt, dass ein Forschungsinstitut einen neuen Halbleiterschalter oder Transistor entwickelt, prüft seine Abteilung, ob das Bauteil für ein eigenes Gerät geeignet ist. „Innovation heißt für uns im Wesentlichen auch, die Ergebnisse der Forschung zu nutzen.“

Selbstverständlich bestehen zudem intensive Kooperationen mit Hochschulen und Forschungsinstituten. Und hier kommt wieder das Siemens-interne Innovatorennetzwerk ins Spiel: Oft erfahren die Kollegen über Mundpropaganda von interessanten Entwicklungen.

Mit der Fertigung seiner Elektronikbauteile steht das Team um den promovierten Elektrotechniker in Konkurrenz zu externen mittelständischen Unternehmen, an die man auch schon mal einen Auftrag verloren hat.

Aber auch bei den kompletten bildgebenden Systemen ist bei Siemens der Kostendruck ein wesentlicher Treiber für innovative Ideen. Schließlich steht man hier mit Unternehmen wie GE, Philips und Toshiba im Wettbewerb. Einen schönen Erfolg konnte die Sparte Healthcare im Februar verzeichnen: Das Gesundheitsministerium im Irak beauftragte den Konzern damit, die etwa 100 staatlichen Krankenhäuser mit modernen bildgebenden Systemen auszurüsten. Es ist der bisher größte Einzelauftrag für Siemens Healthcare im Mittleren Osten mit einem Volumen von ca. 70 Mio. $.

Doch es sind gar nicht mal die Highendgeräte für Industriestaaten oder für reiche Länder, mit denen man künftig Geld machen wird, glaubt Dürr. Für Innovationen interessanter seien die Märkte in Schwellen- und Entwicklungsländern.

„Wenn sich in China ein Bauer das Bein bricht, dann ist auch ein gutes Röntgengerät für die Diagnose ausreichend, das allerdings die Daten digital speichern können sollte“, sagt der Erlanger Medizintechniker. Die Ausrüstung für eine kleine Ambulanz auf dem Lande sollte nur möglichst kostengünstig sein. Hier sieht Siemens neue Absatzmärkte.

Im Technologiekonzern wurde vor zwei Jahren eine Initiative gegründet, nach der sämtliche Geräte robust, erschwinglich und servicefreundlich entwickelt werden sollen. Für den Massenmarkt in China und Indien sollten die Systeme kleiner, leichter und mobil einsetzbar sein.

Dafür bezieht Siemens die Einheimischen an den Standorten nicht nur in die Fertigung, sondern auch in die Forschung und Entwicklung mit ein. „Ein Chinese kann die Bedürfnisse im Land besser abklopfen. So öffnet sich für uns ein Markt, der lohnenswert ist.“ Wer da nicht bereit sei mitzugehen, der mache einen Fehler, glaubt Dürr. Die Schwellenländer benötigten weniger Highendgeräte als vielmehr mobile Röntgeneinheiten – und zwar in großen Stückzahlen.

Genau darauf zielt seit Anfang dieses Monats auch der neue Zuschnitt des Gesundheitsgeschäfts von Siemens. Kleingeräte wie Röntgen- und Ultraschallapparate entwickelt und produziert Siemens nun in einer eigenen Sparte. Bisher geschah dies zusammen mit den Großgeräten. Dies soll vor allem das Geschäft mit Röntgen- und Ultraschallgeräten in den Schwellenländern ankurbeln.

Hier ist nach Ansicht des Hochfrequenztechnikers noch viel Raum für Innovationen. In seiner Zeit als Entwickler hat es Dürr auf ca. 30 Patentanmeldungen gebracht. „Die stammen aus meiner frühen Phase“, lacht er. Doch er ist zufrieden: Seine Abteilung stellt einen überproportionalen Anteil an den Erfindungen bei Siemens Healthcare.

BETTINA RECKTER

Von Bettina Reckter
Von Bettina Reckter

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