Medizintechnik 20.09.2002, 18:21 Uhr

Perspektiven jenseits klassischer Arbeitsmärkte

Jeder kennt das berühmte Bier aus Radeberg. Nur wenige wissen, dass von dort Produktionsanlagen und Blutwäschefilter – für Nierenkranke lebensnotwendig – in alle Welt gehen.

Traditionell lebt die pharmazeutische Industrie samt Biotechnologie und Medizintechnik von Chemikern, Biologen und Medizinern. Gerade in der Medizintechnik gibt es aber verstärkt Berufsperspektiven für Ingenieure.
In mittelständisch organisierten Medizintechnik-Unternehmen sind alle Bereiche gefragt: vom Anlagenbau über Konstruktion und Fertigung bis hin zu Entwicklung und Management. So bei den Radeberger Firmen Saxonia Medical, Spezialhersteller für Dialysatoren, bei Anlagenbauer Alpha Plan und bei Membranfaserhersteller Ascalon. „Flexibel, kundenorientiert und englischsprachig“ sollen Ingenieure zumindest für Rudolph Lüning sein. Liegt auf der Hand, denn das heute 200-köpfige Triade-Unternehmen, das der 64-jährige Niedersachse gegründet hat, und das er als Geschäftsführer leitet, lebt zu 95 % vom Export in über zehn verschiedene Länder.
Ganz oben an steht deshalb die Fähigkeit, mit ausländischen Ingenieuren umzugehen und sich zu verständigen sowie ihre – kulturell bedingt – oft andere Auffassung von der Handhabung der Technik zu akzeptieren. Übersetzt auf die Fertigung heißt das für Lüning: „Nicht die beste deutsche Ingenieurlösung zählt, sondern eine, die zur Infrastruktur und in den Finanzierungsrahmen des Kundenlandes passt.“ Pneumatische High-Tec-Steuerelemente für eine Bandstraße, die Dialysatoren ausspuckt, nutzen eben in Indien oder Bangladesh kaum etwas, wenn vor Ort weder Ersatzteile noch Servicetechniker vorhanden sind, um die Anlagen am Laufen zu halten. Für State-of-the-art-Liebhaber unter den Ingenieuren mag dies keine leichte Kost sein. „Wir liefern eben die vorletzte Technologiestufe, die robust, verständlich und und erprobt ist“, so Lünings Credo. Wer dies beherzigt, ist in Radeberg willkommen. „In der Konstruktion stelle ich Ingenieure aus allen erdenklichen Fachrichtungen ein.“
Dr. Bernd Heinrich, Mann der zweiten Stunde bei Saxonia Medical, ist promovierter Diplom-Physiker und arbeitet heute in der 15-köpfigen FuE-Abteilung. Groß war die Umstellung für ihn nicht, um in einer auf Medizintechnik spezialisierten Firma zu arbeiten. „Physiker sind dafür prädestiniert, weil sie breit ausgebildet sind und sich nahezu in jede technische Aufgabe hineinversetzen können“, meint der frühere Kernphysiker. Heute entwickelt der 47-Jährige modifizierte Laser- und Mikrowellentechnik und damit sowohl neue Verfahren als auch Maschinen. Beispielsweise um die Trocknung von Dialysatoren zu verbessern. Zusatzqualifikationen wie Kenntnisse von Bioverträglichkeit oder Qualitätssicherung – beides in der Medizintechnik unabdingbar – überlässt er einem Kollegen mit Spezialwissen.
Schwerpunkte gelegt hat der 32-jährige Klaus Knöfel, heute Projektleiter für Anlagen bei Alpha Plan, bereits während des Studiums. Der gelernte Facharbeiter für Elektrosignalmechanik absolvierte an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden ein dreisemestriges Aufbaustudium zum Automatisierungstechniker. Gerade ein Jahr war er bei Alpha Plan als Automatisierungstechniker in Lohn und Brot, da wurde er Projektleiter für Bandstraßen. Ein Feld mit großer Aufgabenvielfalt. Der Sprung zur Medizintechnik war groß, denn „das Spezialfeld Medizintechnik kam in meinem Studium natürlich nicht vor“.
Neu waren für Knöfel Programmierung und Technologieentwicklung. Die größte Herausforderung an den Projektleiter waren aber keine technischen Nova, sondern jene oft beschworenen Soft-skills: „Menschenführung“, sagt Knöfel knapp. „Da haben wir einfach nichts an der Fachhochschule mit auf den Weg bekommen.“ Dennoch macht für Knöfel gerade das breite Aufgabenspektrum den besonderen Reiz aus. Dazu gehört auch seine Tätigkeit im Ausland, die bei Alpha Plan bis zu sechs Monaten im Jahr dauern kann. Nur ein Grund: Die meisten Anlagen sind in Englisch dokumentiert, aber viele Informationen gehen verloren, weil die wenigsten Kunden perfekt Englisch verstehen.
Sorgen machen Firmenchef Lüning derzeit lediglich die nicht besetzten Stellen im Bereich Software. „Wir können eben nicht die Gehälter der in Dresden ansässigen Chip-Industrie bezahlen“, bedauert er. Gleich mehrere Arbeitsplätze in der Softwareentwicklung sind bei Saxonia Medical und Alpha Plan zu vergeben.

Radeberger Erfolgsgeschichte
Medizintechnik im Firmenverbund
Rudolph Lüning baute 1993 die drei Firmen Saxonia Medical, Alpha Plan, Ascalon aus der Konkursmasse des ehemaligen VEB Keradenta auf. Bereits vor der Wende wurden hier Zahnersatz und künstliche Nieren produziert. Heute stellen 200 Mitarbeiter im Firmenverbund zum einen halbdurchlässige Hohlfasern her, zum anderen Filter für die Blutwäsche von Nierenkranken als Hauptprodukt der Saxonia Medical. Dazu kommt der Sondermaschinenbauzweig des Technologielieferanten Alpha Plan mit Produktionsanlagen für Dialysatoren, Blutschlauchsystemen, Infusionslösungen und vielem mehr. Diese Bandstrassen sind zu 80% für den Export nach Asien, Südamerika und für arabische Länder bestimmt. Jüngstes Kind ist die Saxonia Biotec, die verschiedenste Aufgaben aller drei Firmen auf biotechnologischem Weg lösen soll. nw

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Ein Beitrag von:

  • Nikola Wohllaib

    Freie Journalistin in Berlin. Scherpunktthemen: Telekommunikation, Medien, Medienpolitik.

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