Medizintechnik 08.11.2002, 18:22 Uhr

Neues vom Bohrer

Im Mund findet eine Revolution der Behandlungsmethoden statt und ein Ende ist noch nicht abzusehen.

Hauptziel ist der effektive und schmerzfreie Eingriff.
Beim Zahnarzt geht es zu wie auf einer Baustelle: kratzen, bohren, schleifen, füllen, absaugen – und der Auftraggeber leidet. Doch nun versprechen neue Techniken, die Pein zu lindern. Schmerzarm soll die Sitzung werden, neue Verfahren sollen den Bohrer ersetzen oder vor Karies schützen.
„Wir wollen in kleinere Dimensionen vorstoßen“, sagt Prof. Wilfried Engelke von der Klinik für Zahnärztliche Chirurgie der Universität Göttingen. Sein Instrument der feinfühligen Zahnpflege: das Odontoskop – ein optisches System, mit dem Zahnspezialisten feinste Strukturen behandeln können. Minimalinvasive Chirurgie sozusagen mit einem winzigen Endoskop für den Zahn.
Wollten Zahnchirurgen bisher etwa den Kieferknochen von einer entzündeten Wurzel befreien, mussten sie blind tasten beziehungsweise mit Lupe oder Mikroskop nach dem Kanal suchen. Zwar bietet das Mikroskop die beste Sicht, doch schwebt das große Gerät stets unhandlich über dem Patienten, erklärt Engelke. Das Odontoskop mit einem Durchmesser von rund anderthalb Millimetern dagegen führen die Zahnmediziner direkt in die Zahnhöhle ein. Den etwa Fingerkuppen-großen Hohlraum fluten sie, um Zahnschmelz, Wurzelbrocken und Frässtaub aus dem Sichtfeld spülen zu können.
Mit dem Mini-Endoskop lassen sich Karieslöcher oder Wurzelkanäle mit bis zu 30facher Vergrößerung betrachten und auf kleinstem Raum mit Ultraschall oder Laserstrahlen behandeln. Noch dürfen nur Zahnchirurgen mit dem Odontoskop arbeiten, doch Engelke sieht das Werkzeug künftig auch in der Zahnarztpraxis nebenan.
Aber auch in den Hinterzimmern der Praxen bleibt die Technik nicht stehen. Beispiel Zahnprothesen. Bisher werden die Gerüste für Kronen und Brücken in mühsamer Kleinarbeit von Zahntechnikern aus Metalllegierungen gegossen. „Bei der neuen Technik schweißt ein Roboter das Gerüst nach einem Computermodell zusammen“, erklärt Prof. Wolfgang Freesmeyer von der Abteilung für Klinische Prothetik der Freien Universität Berlin. Das spart Zeit und Geld.
Den Zahnschmelz ersetzen unterschiedliche Legierungen: von Cobalt-Chrom über Stähle bis hin zur Luxusvariante Titan – je nachdem womit der Patient bereits kaut, denn „unterschiedliche Metalle im Mund bereiten immer Schwierigkeiten“, erklärt Freesmeyer. Sind die Legierungen schlecht abgestimmt, schmeckt der eigene Mund wie eine Batterie. Vor allem, wenn die Krone womöglich auf einem Implantat verankert ist.
Die Stifte, die das neue Gebiss im Kiefer halten sollen, sind meist aus Titan. Je fester die Schraube im Knochen sitzt, desto eher kann der Geplagte wieder kraftvoll zubeißen. Dazu müssen jedoch die Knochenlücken gefüllt werden, die Stifte mit dem Kiefer verschmelzen. Biologisierung heißt das Zauberwort: Der Kieferknochen muss die Implantate anerkennen, anderenfalls verkapselt er den Eindringling mit Bindegewebe und verhindert so das Anwachsen.
So entwickeln Zahnforscher Implantate, die vortäuschen, Knochen zu sein: Sie beschichten die Anker mit dem Knochenmineral Hydroxylapatit und mit Kollagen, danach mit Milchzucker oder Eiweißmolekülen, die dann die knochenbildenden Zellen einfangen sollen. Alternativ werden die Implantate aus Keramik gebaut, danach in Lauge gekocht, um auf diese Weise den Knochenzellen Halt zu bieten.
Am Institut für Werkstoffwissenschaft der Technischen Universität Dresden gehen die Wissenschaftler noch einen Schritt weiter: Sie fügen Wachstumsfaktoren in die Oberfläche aus Knochenmineral, die allmählich freigesetzt werden. „So soll die Knochenneubildung direkt von der Implantatoberfläche ausgehen, statt nur von den umgebenden Knochen“, erklärt Dr. Eckart Pilling von der Dresdner Universitätsklinik für Mund-, Kiefer und Gesichtschirurgie.
Solange sich Karies erfolgreich durchfrisst, müssen Löcher gestopft werden. Gelatine, mit kalzium- und floridhaltigen Phosphatlösungen versetzt, könnte Amalgam und Keramik als Füllmaterial ablösen. Am Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden wird aus diesem Mix künstlicher Zahnschmelz gezüchtet aus der Mischung bilden sich winzige Kollagen-Apatit-Kristalle – eine Verbindung, die dem Zahnschmelz ähnelt.
Doch bei allem Fortschritt: Die hartnäckigsten Feinde der Zähne sind längst noch nicht besiegt. Neben Karies geißelt Parodontitis die Zähne. Schätzungsweise 80 % aller Erwachsenen leiden an jener Entzündung, bei der sich zwischen Zahn und Zahnfleisch Bakterien einnisten, dort Enzyme und Giftstoffe bilden und chronische Entzündungen hervorrufen. „Rund 600 verschiedene Erreger hat man inzwischen nachgewiesen“, sagt Dr. Stefan Rupf von der Poliklinik für konservierende Zahnheilkunde und Parodontologie der Universität Leipzig. Immer neue, resistente Keime schleichen sich in die Münder. Und in Norwegen steigt derweil die Kariesrate – schuld sind resistente Verwandte von Karius und Baktus. JO SCHILLING

Ein Beitrag von:

  • Jo Schilling

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