Medizintechnik 05.12.2008, 19:38 Uhr

Medizintechnik stärkt Prävention  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 5. 12. 08, kip – „Löst Technik Ärzte ab?“ Diese vom Verband der Elektrotechnik (VDE) auf der weltgrößten Medizintechnikmesse „Medica“vom 19. bis zum 22. November in Düsseldorf gestellte Frage beantworteten die Systementwickler und Elektroingenieure mit einem klaren „Nein“. Dennoch entwickeln sich die künftig zu Hause in Einsatz kommenden Diagnose- und Analysesysteme zur dritten Säule der Gesundheitsversorgung.

Die neuen Stichworte in der Gesundheitsdebatte der Zukunft lauten „Ambient Assisted Living“ (AAL) und „Telemonitoring“. Intelligente Assistenzsysteme und Mobiltelefonüberwachung in den eigenen vier Wänden können älteren Menschen in der Diagnose und Überwachung bei chronischen Krankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen rund um die Uhr Sicherheit gewährleisten.

Beim Telemonitoring senden medizinische Sensoren am Körper des Patienten per Mobilfunk oder Internet Vitalparameter wie Blutdruck, Puls, Gewicht, Blutzucker, Sauerstoffsättigung und EKG. Die Daten werden an ein Telemedizinisches Zentrum, eine Klinik oder einen Arzt übertragen, gespeichert und analysiert. Aufgrund des ständigen Datenflusses kann die Prävention zum Beispiel bei Herz-Kreislauf-Erkrankten gezielt Leben verlängern beziehungsweise Folgekrankheiten vermeiden helfen. Die Volkskrankheiten Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankung allein belasten die deutsche Volkswirtschaft mit jährlich rund 60 Mrd. €, rechnete der VDE vor und sieht in der forcierten Anwendung von telemedizinischen Assistenzsystemen Einsparpotenziale in Milliardenhöhe.

Die Europäische Union (EU) unterstützt mit 150 Mio. € im Rahmen des 7. EU-Forschungsrahmenprogrammes die Entwicklung von zukunftsweisenden Selbstanalyse- und Assistenzsystemen für Personen mit Risikofaktoren und chronischen Leiden. Zweck dieses bis 2013 reichenden Vorhabens ist die gezielte Unterstützung von Mobilität und Selbstversorgung im Alter. Ältere EU-Bürger sollen so lange wie irgend möglich von stationärer Behandlung und Pflege unabhängig und selbstbestimmt bleiben. Zusammen mit der Schweiz, Norwegen und Israel stocken insgesamt 23 europäische Staaten die gezielte Förderung von Medizintechnik zugunsten des Alters mit weiteren 150 Mio. € auf den stattlichen Betrag von 300 Mio. € auf.

„Die technische Entwicklung in der Medizin unterstützt die Prävention als Hauptanliegen der EU-Gesundheitspolitik“, sagte Gerhard Finking, Präsident der AAL International Association, die als Projektkoordinator des EU-Projektes unter den derzeit über 400 beteiligten Organisationen fungiert. Derzeit erfolgt unter den 117 Projektanträgen die Evaluierung zu den Themen Medizintechnik in der Prävention und Behandlung im Umgang mit chronisch Kranken. Eine weitere Förderbekanntmachung unter dem Schwerpunkt „Kommunikative soziale Integration“ ist für Anfang 2009 geplant. „Wir stehen angesichts alternder Gesellschaften vor einer Leistungsverlagerung von klinischen und ärztlichen Praxen hin zu Assistenzsystemen im häuslichen Bereich als dritte Säule der medizinischen Versorgung“, betonte Finking.

Durch Telemonitoring könnten etwa 30 % der jährlichen Kosten allein bei der Versorgung der über 1,8 Mio. Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz eingespart werden, glaubt VDE-Präsidiumsmitglied Gehring. So verursachten durch Telemonitoring eingestellte Diabetes-Patienten bis zu 90 % weniger Betreuungskosten als Kranke mit einem dauerhaft zu hohen Blutzuckerwert. Um eine entsprechende Akzeptanz in der Zukunft bei den Patienten zu gewährleisten, hat der VDE zum Schutz von Patientendaten ein Sicherheits- und Qualitätsmanagement-System für die Telemedizin erarbeitet. Die umfassende Information des Patienten über medizinische Teledienste, die formale Autorisierung vor jedem Transfer vertraulicher Patientendaten an Dritte und regelmäßigen Patientenumfragen genießen dabei für die meist mittelständischen VDE-Unternehmen in der Medizintechnik hohe Priorität.

Die deutsche Medizintechnikbranche ist international gut aufgestellt und klagte auf der Düsseldorfer Medica nicht über Folgen der Finanzmarktkrise. Die Entwicklung der letzten zehn Jahre spiegelt jährliche Wachstumsraten von 7 % wider. Dennoch erweist sich die marktreife Entwicklung von Medizinprodukten und -techniken als „äußerst schwierig und extrem aufwendig“, so VDE-Experte Thomas Beck.

In einer vom Bundesforschungsministerium und dem Institut Gesundheitsökonomie und Medizintechnik an der Hochschule Neubrandenburg sowie von der VDI/VDE Innovation und Technik GmbH erarbeiteten und in Düsseldorf vorgestellten Studie zur „Identifizierung von Innovationshürden in der Medizintechnik“ offenbart sich das Ausmaß des Problems. Als Haupthindernisse sehen die Autoren der Studie vor allem Finanzierungslücken in der Forschung, fehlendes qualifiziertes Personal, mangelnde Zusammenarbeit von Medizinern und ein grundsätzliches Fehlen von Interdisziplinarität zwischen Technik, Wirtschaft und Kliniken.

„Wir registrieren einen enormen Druck im deutschen Gesundheitssystem und müssen feststellen, dass Forschung immer mehr hinten runter fällt und vor allem klinische Studien zunehmend als Störfaktoren im Klinikbetrieb eingestuft werden“, fasste Thomas Becks zusammen. Die Medizintechnik sei im globalisierten Umfeld immer stärker durch Technologie- und Wissensintensität sowie Regulierung charakterisiert. Deutsche Medizintechnikhersteller gewinnen nach Einschätzung von VDI/VDE nicht in dem Maße Marktanteile im Ausland hinzu, wie dies ausländischen Anbietern auf dem deutschen Markt gelingt.

Das ärztliche Wissen verdoppelt sich alle fünf bis sieben Jahre und der Allgemeinmediziner und Facharzt nimmt sich in seiner Praxis 30 % weniger Zeit für seinen Patienten als noch vor zehn Jahren. Inwieweit Telemonitoring und intelligente Assistenzsysteme dieses Defizit wettmachen können, bleibt abzuwarten. Sicher scheint jedoch, dass innovative Medizintechnik in hohem Maße geeignet ist, Ärzte in der Praxis zu entlasten und Patienten in den eigenen vier Wänden zu dienen.

THOMAS A. FRIEDRICH

Leistung verlagert sich von Klinik und Praxis in den häuslichen Bereich

Von Thomas A. Friedrich
Von Thomas A. Friedrich

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