Fehldiagnosen verhindern 13.02.2026, 10:32 Uhr

Medizintechnik: Sensorpflaster schützt vor Fehldiagnose

Bluttests beim Arzt sind eine Momentaufnahme, die zu Fehldiagnosen führen kann. Ein vernetztes Sensorpflaster des Osnabrücker E-Health-Start-ups Pheal soll diese verhindern.

Die Pheal-Gründer Eike Kottkamp und Dr. Agnes Musiol.

Die Pheal-Gründer Eike Kottkamp und Dr. Agnes Musiol.

Foto: pheal GmbH

Ein 80-jähriger Mann geht im Park spazieren. Er fühlt sich schlapp, müde und vergesslich, schon seit Wochen. Er geht zum Arzt und sagt, er vermute eine beginnende Demenz. Alle Blutwerte sind in Ordnung. Der Arzt verordnet ein Demenzpräparat.

Doch es handelt sich um eine Fehldiagnose. „Einer von vier Patienten in Deutschland hat in Wirklichkeit keine Demenz, sondern einen einfachen Natriummangel, der ebenfalls zu Konzentrationsstörungen und Vergesslichkeit führt“, sagt Eike Kottkamp, Gründer des Start-ups Pheal aus Osnabrück.

Debüt des Sensorpflasters auf Medizintechnik-Messe Medica

Doch warum hat der Experte den Mangel nicht erkannt? Weil der Patient vor der Blutabnahme Salzkartoffeln gegessen hat. Der Wert war daher kurzzeitig unauffällig. „Um solche Fehldiagnosen zu vermeiden, ist es wichtig, die Elektrolytwerte kontinuierlich zu messen. Dafür haben wir ein vernetztes Sensorpflaster entwickelt.“

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Zu sehen war das tragbare Mini-Labor auf der Fachmesse Medica 2025 in Düsseldorf. Das Sensorpflaster besteht aus einem leichten Schaumstoff. Es ist etwa 3 mm dick, misst 2,5 cm im Durchmesser und lässt sich auf die Haut kleben. Ein Absorberpapier leitet den Schweiß durch eine Öffnung im Pflaster in zwei interne Reservoirs mit einem Fassungsvermögen von 4 ml. Diese Konstruktion erlaubt eine kontinuierliche Analyse des Schweißes, bis die kleinen Behälter gefüllt sind. Dafür nutzt das System elektrochemische Sensoren. Sie erfassen zentrale Biomarker wie Natrium, Kalium, Ammonium und den pH-Wert.

Sensorpflaster-Daten via Bluetooth zum Smartphone

Die Daten schickt das Pflaster über Bluetooth an das Smartphone des Patienten. Über eine App kann dieser dann prüfen, ob die Werte im Normbereich liegen. Falls nein, gibt es direkt eine Rückmeldung, etwa in Form eines Pop-up-Hinweises wie „Achtung, Sie dehydrieren“.

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Laut Eike Kottkamp soll es zudem möglich werden, die Sensorpflaster in die Infrastruktur von Pflegeheimen einzubinden. Pflegefachkräfte können die Informationen auslesen, um die Versorgung der Patienten zu verbessern. Auch eine Übergabe an den Arzt ist geplant. „Auf diese Weise sorgen wir dafür, dass das Gesundheitssystem nicht mehr zeitverzögert reagiert, sondern proaktiv handelt und die Lebensqualität der Menschen verbessert.“

Sensorpflaster für Patienten mit Herzinsuffizienzen

Auf der Medica 2025 hat Pheal ein weiteres Sensorpflaster vorgestellt, das in Zukunft Patienten mit Herzinsuffizienzen unterstützen soll. Das Pflaster misst das Troponin im Blut, ein Protein, das in Herzmuskelzellen für die Muskelkontraktion entscheidend ist.

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Patient mit vernetztem Sensorpflaster: Die Lösung ermöglicht eine kontinuierliche Überwachung des Elektrolythaushalts über Schweißanalysen. Foto: Hasegold GmbH

Die größte Herausforderung dabei ist der kontinuierliche Zugang zum Blut. Hier verfolgt das Start-up diesen Ansatz: In das Pflaster ist ein kleiner Metallstreifen eingelassen, an dem der Patient von außen ziehen kann. Dadurch entsteht eine etwa 1 mm kleine Schürfwunde, die blutet. Ein Sensor misst den Troponin-Wert und schickt ihn über Bluetooth an das Smartphone des Patienten.

Alarm vom System bei Wertüberschreitung

Eine weitere Besonderheit des Sensorpflasters ist eine Biomembran, die auf der Haut aufliegt und hautähnliche Eigenschaften aufweist. Sie täuscht dem Körper vor, dass keine Wunde existiert. Somit entstehen auch keine Gerinnungsstoffe, die zur Krustenbildung führen würden. Dadurch bleibt die Schürfwunde offen, sodass sich das Blut über einen Zeitraum von bis zu sieben Tagen kontinuierlich analysieren lässt.

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Verändert sich der Troponin-Wert kritisch, schlägt das System dann Alarm. „Wir wollen es möglich machen, mithilfe des Sensorpflasters drohende Herzinfarkte zu erkennen, bis zu 7 min Minuten vor dem Auftreten erster Symptome“, sagt Kottkamp. „Es ist dann auch vorstellbar, über das Smartphone automatisch einen Rettungswagen zu rufen.“

Gründung von Medizintechnik-Start-up Pheal im Jahr 2022

Die Markteinführung allerdings wird noch bis zu sieben Jahre auf sich warten lassen. Da das Pflaster, anders als bei der Schweißmessung, invasiv ist, dauert eine Zulassung länger.

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Eike Kottkamp hat Pheal 2022 gegründet, gemeinsam mit seiner Kollegin Agnes Musiol. Das Team erhielt über die Osnabrück Healthcare Accelerators (OHA) Zugang zu einem Netzwerk aus Kliniken, Krankenkassen und Industriepartnern.

Finanzierungsrunde für 2026 geplant

Derzeit befindet sich das Start-up in der Bootstrapping-Phase. Es gibt keine externe Finanzierung und keine anderen Mitarbeiter. Das junge Unternehmen arbeitet derzeit nur zu zweit, unterstützt von der AddSensors GmbH, einer weiteren Firma von Kottkamp, die folienbasierte Sensoren herstellt. Für 2026 plant Pheal eine Finanzierungsrunde, um die Entwicklung zu beschleunigen.

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Internationale Wettbewerber haben mit vergleichbaren Technologien laut Kottkamp bereits Erfolg. Das US-amerikanische Start-up Nutromics beispielsweise konnte kürzlich eine Finanzierungsrunde über 100 Mio. € abschließen. In Deutschland hingegen sei der Markt für Sensorpflaster dünn. Entsprechend großes Potenzial sehen die Gründer.

Über die Pheal GmbH

  • Firmensitz: Osnabrück
  • Gründung: 2022
  • Gesellschafter: EK Innovation GmbH + Dr. Agnes Musiol
  • Belegschaft: zurzeit zwei Mitarbeitende
  • Vertrieb: weltweit

Ein Beitrag von:

  • Patrick Schroeder

    Patrick Schroeder arbeitete während seines Studiums der Kommunikationsforschung bei verschiedenen Tageszeitungen. 2012 machte er sich als Journalist selbstständig. Zu seinen Themen gehören Automatisierungstechnik, IT und Industrie 4.0.

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