Medizintechnik: Neue Hoffnung gegen Bluthochdruck
Chronischer Bluthochdruck ist lebensgefährlich. Doch bei Tausenden Menschen wirken selbst starke Medikamente nicht. Für sie forscht das Start-up Neuroloop aus Freiburg an einer Technologie zur Vagusnerv-Stimulation.
Lebenswichtige Routine: Arzt und Patient bei der Messung des Blutdrucks.
Foto: PantherMedia / mangostock
Ein zu hoher Blutdruck kann erhebliche Beschwerden verursachen. In unbehandelter Form zählt er zu den Hauptursachen frühzeitiger Todesfälle. Typische Symptome sind pulsierende Kopfschmerzen, ein dumpfes Druckgefühl im Bereich der Schläfen und ein beschleunigter Herzschlag, der nicht zur Ruhe kommt. Schon geringe körperliche Belastungen können zur Atemnot führen. Die begleitende innere Unruhe erschwert jede Erholung, selbst in Ruhephasen. Und auch nachts bleibt die Entspannung oft aus. Doch bei einem Teil der Patienten lässt sich der Blutdruck trotz medikamentöser Therapie nicht ausreichend senken. Experten sprechen dann von einer echten resistenten Hypertonie.
Doch was tun? Eine Alternative zu Medikamenten bietet der Vagusnerv, einer der längsten und weit verzweigtesten Nerven im Körper, der sich vom Hirnstamm über Hals und Brust bis in den Bauchraum zieht. Er spielt eine wichtige Rolle für die Regulation des Herz-Kreislauf-Systems. Das ist keine Esoterik, sondern wissenschaftlich bewiesen. Hier gewinnt die Neurostimulation als Therapieverfahren zunehmend an Bedeutung. „Wir haben ein Implantat entwickelt, das den Vagusnerv mit kleinen Stromstößen selektiv stimulieren kann“, sagt Esther Novosel, Geschäftsführerin der Neuroloop GmbH. „Unser Ziel ist es, Blutdruck dadurch gezielt senken zu können, wenn Medikamente nicht mehr ausreichen.“
Bioelektronik gegen chronischen Bluthochdruck: Implantat zur Stimulation des Vagusnervs
Etwas Mut gehört allerdings dazu. Denn die Lösung aus Freiburg erfordert eine Operation. Dabei legt der Chirurg einen Teil des Vagusnervs am Hals frei. Das Implantat ist eine Folie mit Elektroden, nur 16 µm dick, so dünn wie ein menschliches Haar. Diese Folie umschließt den Nerv wie ein Armband. Als Nächstes implantiert der Chirurg einen Pulsgenerator in die Brust des Patienten, ein kleines Modul, ähnlich einem Herzschrittmacher. Dieses Modul verbindet er über ein Kabel mit der Elektrode. Danach ist die OP überstanden.
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Nach der Operation beginnt die Programmierung des Implantats. Der Arzt greift über ein Tablet auf den Pulsgenerator zu. In einer Software legt er fest, wie der Generator Stromstöße im Mikroamperebereich über die Elektroden auslösen soll. „Die kleinen elektrischen Impulse sind stark genug, um die Informationsweiterleitung des Vagusnervs zu verändern und den sogenannten Baroreflex des Körpers auszulösen. Dieser körpereigene Regelmechanismus beeinflusst unter anderem die Weitung der arteriellen Blutgefäße und senkt innerhalb von wenigen Sekunden den Blutdruck“, erklärt Novosel. Der Patient selbst kann diese Einstellungen nicht verändern. Seine Aufgabe besteht darin, die Batterie des Pulsgenerators regelmäßig zu laden. Hierfür hat das Start-up ein Ladegerät in Form einer runden Scheibe entwickelt. Legt der Patient das Device auf seine Brust, lädt es den Akku über Induktion. Das Gerät ist gleichzeitig die Schnittstelle zum Tablet des Arztes.
Vagusnerv-Stimulatoren: Blutdruck senken, Nebenwirkungen reduzieren
Neuland betritt Neuroloop mit dem Implantat nicht. Es existieren bereits Vagusnervstimulatoren auf dem Markt, die zum Beispiel bei Epilepsie eingesetzt werden. Doch das Start-up aus Freiburg hat ein Alleinstellungsmerkmal: Auf der Folie sind zwölf Elektroden platziert. „Das macht es möglich, den Bereich des Vagusnervs gezielt zu stimulieren, der für die Blutdrucksenkung relevant ist“, erklärt Novosel. „Diese Selektivität hat das Potenzial, unerwünschte Nebenwirkungen zu reduzieren.“ Hervorgegangen ist das Start-up aus einer Forschungsgruppe der Universität Freiburg.

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Der Neurowissenschaftler Dennis Plachta, Mitgründer und Forschungsleiter von Neuroloop, entwickelte dort die zentralen Komponenten des Implantats: die Elektrode und den Chip für den Pulsgenerator. 2015 kam es zur Ausgründung. Ein Investor war schnell überzeugt: Aesculap, die Chirurgiesparte des Medizintechnologieunternehmens B. Braun. „Wir sind sehr dankbar, ein weltweit agierendes Medizintechnologieunternehmen als Investor und starken strategischen Partner an unserer Seite zu haben“, sagt Novosel. „Dieser brachte nicht nur Kapital, sondern auch tiefes inhaltliches Verständnis für die hoch spezialisierte Technologie von Neuroloop mit.“
Neuroloop: Zulassung für 2027 angepeilt
Mithilfe dieses finanziellen Rückenwinds konnte das Start-up wachsen und die Entwicklung des Systems vorantreiben. Heute beschäftigt das junge Unternehmen 59 Mitarbeitende. Das Team steht nun vor einem entscheidenden Schritt: der Zulassungsstudie für das CE-Zeichen. Die klinische Studie läuft derzeit in mehreren europäischen Zentren. „Unser Ziel ist es, das Produkt 2027 auf den Markt bringen zu können. Damit könnten wir auch Patienten ein wirksames Behandlungsverfahren bieten, die bisher kaum Therapieoptionen hatten.“
Neuroloop GmbH
- Gründung: 2015
- Firmensitz: Freiburg im Breisgau
- Branche: Bioelektronik
- Belegschaft: zurzeit 59 Mitarbeitende
- Umsatz: keine Angaben
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