Gesundheitsmarkt 07.05.2010, 19:46 Uhr

Medizintechnik in Europa innovationsfreundlicher als in USA

Die deutsche Gesundheitswirtschaft gehört zu den krisenresistenten Branchen. Mit 4,6 Mio. Beschäftigten und 260 Mrd. € Umsatz ist sie hierzulande bereits jetzt der größte Arbeitgeber. Im Bereich Medizintechnik sind einige deutsche Unternehmen Weltmarktführer.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) will nicht nur mit der Kopfpauschale das System umgestalten, sondern künftig die „Garanten für Arbeitsplätze“ unterstützen. Auf dem ersten Zukunftskongress zur Gesundheitswirtschaft Ende April in Berlin versprach der Minister, „die Wachstumspotenziale weiter zu stärken“. Zum Abschluss der Veranstaltung kam auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Die Kanzlerin nutzte die Gelegenheit vor rund 400 Teilnehmern, weniger über die Gesundheit als vielmehr allgemein über die von der Koalition geleistete Arbeit zu sprechen. So war die Gesundheitswirtschaft nicht der Schwerpunkt ihrer Rede, aber sie versicherte der Branche, sie sei „ein Leuchtturm in der Krise“.

Natürlich sieht Merkel ebenso wie der Gesundheitsminister das große wirtschaftliche Potenzial der Branche. Bis zum Jahr 2030, so Rösler, würden mehr als 20 % aller Beschäftigten im Bereich Gesundheit arbeiten. Und diese Arbeitsplätze seien zudem an den Standort Deutschland gebunden.

Doch dem Wunsch des Ministers, Angela Merkel möge sich als „Gesundheitskanzlerin“ profilieren, entsprach die Regierungschefin nicht. Nicht nur, weil sie nur wenige Tage nach dem Gesundheitskongress die Automobilwirtschaft auf dem Gipfeltreffen „Elektromobilität“ begrüßen musste. Merkel sieht vielmehr die Notwendigkeit, alle Bereiche zu stärken, in denen Wachstum möglich sei.

Zudem mochte sie sich auch einen kleinen ironischen Seitenhieb auf den Koalitionspartner nicht verkneifen. Sie habe gehört, bei der Gesundheitskarte wolle sich der Minister nun „auf das Wesentliche“ beschränken, und nun sorge sie sich, dass Deutschland in diesem Bereich etwas „langsam“ sei.

Doch vor allem will die Kanzlerin von dem prognostizierten Wachstum des Gesundheitsmarktes etwas abhaben: „Es wäre doch gelacht, wenn Deutschland an diesem großen Wachstumskuchen keinen Anteil hätte.“

Ein wichtiger Punkt sei die Vernetzung von Hochschulen, Forschungsstandorten und Unternehmen, glaubt Merkel. Hier seien die USA wesentlich weiter, mahnte die Kanzlerin. Doch in der Diskussionsrunde am Vormittag des Kongresses, zu der die Vertreter erfolgreicher Unternehmen geladen waren, klang das etwas anders. Die Firmenmanager, denen der Kongresstitel „We have the champions“ gewidmet war, haben offensichtlich ganz andere Probleme als die US-Konkurrenz..

Sowohl der Vertreter von Zeiss Meditec, Ulrich Krauss, als auch Manfred Elff von der Berliner Biotronik sehen eine Verschiebung der Relevanz von den USA hin nach Europa. Mittlerweile sei es nicht mehr so entscheidend wie noch vor ein paar Jahren, in den USA aufzutreten.

Krauss hält die Europäer gar für „innovationsfreundlicher“ als die Staaten. Christian Erbe, Chef der Tübinger Erbe Elektromedizin, aber warnte vor der Konkurrenz aus China, die „zunehmend die besten Hallenplätze belege“, wie er auf Messen feststellt.

Die Kritik der geladenen Firmenvertreter richtete sich weit mehr gegen die deutsche Zulassungsbürokratie. „Wir haben eine exzellente Wirtschaftsförderung und eine gute Forschungsförderung, aber es fehlt an der Umsetzung am Markt“, kritisierte Michael Scherf, Vorstandsmitglied der Getemed aus dem brandenburgischen Teltow.

Als „Pilotitis“ bezeichnete Scherf, unter dem Beifall seiner Kollegen, das deutsche Verfahren, in einer Pilotstudie nach der anderen die „Sinnhaftigkeit“ ihrer Produkte nachweisen zu müssen. „Unser größtes Problem ist es, in die Regelversorgung aufgenommen zu werden.“

Philips-Vorstandsmitglied Jochen Franke hat indes für den Bereich der Medizintechnik einen Investitionsstau von 20 Mrd. € ausgemacht. Während die Hersteller einen Innovationszyklus von drei Jahren hätten, arbeiteten die meisten medizinischen Einrichtungen noch mit „altem Equipment“. Im Zweifel „mit schlechteren Ergebnissen für die Patienten“.

Krauss vom Zeiss-Meditec-Vorstand ärgert sich auch deshalb über die Zulassungsprobleme, weil die Medizintechnik schließlich auch einen Beitrag zur Kostendämpfung leisten könne. Nach einer eigenen Studie wurden 30 Produkte als kostensparend ausgewiesen, aber besser verkaufen lassen sie sich dadurch nicht. Unter anderem sei das Problem, dass die Patienten, die den Nutzen der neuen Entwicklung hätten, nicht zuständig für die Anschaffung seien.

Der Heimatmarkt aber ist ein wichtiges Kriterium für Erfolge im Ausland, wissen die Firmenchefs. Es komme nicht nur auf das anerkannten Label „made in Germany“ an, viel wichtiger sei „erfolgreich in Germany“ für eine gute Exportquote.

Ein weiteres Problem, bei dem die Politik den Medizintechnikvorständen allerdings wenig wird helfen können: Ihre Produkte sind bekannt, ihre Marktführerschaft unumstritten, aber als Arbeitgeber sind sie nicht zwingend die erste Wahl für die dringend benötigten Fachkräfte. Seien es Ingenieure oder auch Facharbeiter. Selbst bei Zeiss helfe „die Marke“ nur bedingt. Forschungschef Andreas Jordan von der Berliner MagForce Nanotechnolgies hält denn auch das Arbeitgeber-Image der Hightechunternehmen „für verbesserungswürdig“.

Für die politische Antwort in der Diskussionsrunde war der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Stefan Kapferer (FDP), zuständig. Er bot an, einen „Gesprächskreis“ einzurichten, um die Probleme intensiver miteinander zu diskutieren. BIRGIT BÖHRET

Von Birgit Böhret
Von Birgit Böhret

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