Medizintechnik 12.11.2004, 18:34 Uhr

„Made in Germany“ hat noch immer einen guten Ruf

VDI nachrichten, Dortmund, 12. 11. 04 -Die Medizintechnik in Deutschland ist im Aufschwung- und trotzt damit der allgemeinen Konjunkturschwäche und speziell der Flaute auf dem Gesundheitsmarkt. „Made in Germany“ ist bei medizinischen Geräten offensichtlich ein Qualitätsmerkmal. Die Exportquote erreicht selbst bei kleineren Firmen bis zu 80 %. Mit Sorgen blickt die Branche allerdings in die Zukunft.

Eigentlich wollte sich die Siemens AG (München) schon von der Medizintechnik trennen. „Vor nicht langer Zeit wurde ich dafür gescholten, dass Siemens an der Medizintechnik festhält und weiter in das Geschäft investiert“, erklärt Firmenchef Heinrich von Pierer. Doch seine Hartnäckigkeit zahlte sich aus: Inzwischen zählt diese Sparte zu den Cash Cows des Unternehmens, Siemens selbst ist neben Philips, General Electric und – mit Abstrichen – Toshiba einer der Großen auf dem Markt. Mit denen kann z. B. die Münchener Medizin-Mechanik (MMM/Planegg) nicht mithalten. Doch das kleine Spezialunternehmen mit rund 400 Beschäftigten ist mit der Herstellung von Sterilisatoren Marktführer in Deutschland und die Nummer 2 in Europa.
Die Medizintechnik kann in den vergangenen Jahren auf eine bemerkenswerte Entwicklung in Deutschland zurückschauen. Mit Wachstumsraten um 5 % erreichten die 1183 medizintechnischen Betriebe im vergangenen Jahr einen Umsatz von 12,5 Mrd. €, hat das Bundesamt für Statistik ermittelt. Die Exportquote liegt derzeit bei 54,3 %. Das Exportwachstum belief sich von 2000 bis 2003 auf 8 % jährlich. Damit haben sich die Weltmarktanteile der deutschen Medizintechnik in den letzten Jahren, in denen der Weltmarkt um 3 % bis 5 % wuchs, noch erhöht, berichtet Wolfgang Reim, Vorstandsvorsitzender von Dräger Medical in Lübeck.
Für das laufende Jahr hat Michael Kaschke, Vorsitzender des Deutschen Industrieverbands für optische, medizinische und mechatronische Technologien (Spectaris/Berlin), eine Wachstumsprognose von 6 % für die Branche abgegeben. Und auch die langfristigen Rahmenbedingungen sind gut: In 20 Jahren – so die Prognosen der Statistiker – sind 48 % aller Menschen in Deutschland älter als 50 Jahre. Die allgemeine Lebenserwartung wird zudem bis zum Jahr 2050 um weitere sieben Jahre steigen – alles Indikatoren dafür, dass Menschen verstärkt auf medizinische Hilfeleistungen angewiesen sein werden.
Eigentlich könne man stolz sein auf die lange Tradition der Medizintechnik in Deutschland, das zu den wenigen Ländern mit starker heimischer Medizin-Industrie gehöre, heißt es in der Branche. Nach den USA und Japan sei zudem der deutsche Gesundheitsmarkt der weltweit drittgrößte – inzwischen allerdings nur noch knapp vor dem chinesischen Markt. Deutschland verfügt über eine hohe Anzahl global erfolgreicher Unternehmen, bei denen die Produkte bis zu 70 % jünger als drei Jahre sind, wie Reim berichtet. Allerdings gibt es zwei Problemfelder: Die Kosten und die derzeitige Gesundheitsgesetzgebung.
Bei der Geräteproduktion spielt Deutschland nicht nur nach Reims Ansicht schon heute wegen hoher Kosten keine große Rolle mehr. Vielmehr konzentrieren sich die Firmen hier auf die Endmontage und Prüfung. Jeder zweite Medizintechnik-Betrieb gab bei einer Spectaris-Umfrage an, seinen Produktionsstandort „zunehmend ins Ausland“ verlegen zu wollen. Dieser Trend bedeutet eine Gefahr für den Standort, wie Siemens-Chef von Pierer betont: „Wer die Produktion aufgibt, wird über kurz oder lang auch die Entwicklung verlieren.“ Der Erfolg der Siemens-Medizintechnik beruht laut von Pierer auch darauf, dass in seinem Unternehmen Marketing, Entwicklung und Produktion an einem Standort – in Erlangen – konzentriert sind: „Deutschland darf und kann kein Blaupausenland werden“, warnt er. Dräger Medical, an dem Siemens mit rund 35 % beteiligt ist, prüft derzeit eine ähnliche Konzentration. Vier Modelle stehen zur Wahl, die von der gemeinsamen Zentrale und Fertigung in Lübeck oder in der Metropolregion Hamburg bis hin zu einem Aufsplitten reichen – die Zentrale in Hamburg bzw. Lübeck und die Fertigung in Tschechien. Bemerkenswert dabei: Schanghai als Standort für die Lübecker Fertigung war ebenfalls in der Wahl, schied aber u. a. wegen zu hoher Logistikkosten aus.
Probleme bereitet der Medizintechnik-Branche die derzeitige Gesundheitsgesetzgebung. „Ein modernes Gesundheitswesen benötigt Wettbewerb, Patientenorientierung und Innovationskraft“, fordert Dräger-Medical-Chef Reim. „Auf allen drei Gebieten befindet sich Deutschland nicht in der Spitzengruppe.“ 95 % der von Spectaris befragten Medizintechnik-Firmen sehen das Wachstum der Branche durch die aktuellen Gesetze und Gesetzesinitiativen gefährdet. Damit, befürchtet die Branche, verschenke das Land Chancen. Eigentlich erhöht die demographische Entwicklung den medizinischen Bedarf gleichzeitig steigt in den Industrieländern die Bereitschaft, für Gesundheit mehr Geld auszugeben. „Im Gesundheitswesen ist richtig Musik drin“, bestätigt Sven Behrens, Spectaris-Hauptgeschäftsführer. Um jedoch den „idealen Nährboden für die Innovationen der Zukunft“ zu sichern, müsste ein modernes Gesundheitswesen Patienten, Wettbewerb und Innovation wieder in den Vordergrund stellen, glaubt Reim.
Die Medizintechnik in Deutschland hat in den vergangenen Jahren – entgegen dem allgemeinen Trend – Personal aufgebaut und „umgeschichtet“, was die Qualifikation der Beschäftigten angeht. Laut Statistischem Bundesamt stieg die Zahl der Beschäftigten in der Branche von 80 000 im Jahr 2000 auf 85 000 im laufenden Jahr. Dass sich der Trend zur höheren Qualifizierung verstärkt fortsetzt, zeigt das Beispiel Dräger Medical: Dort ist der Anteil gewerblicher Mitarbeiter binnen zehn Jahren von 63 % auf heute 22 % gesunken, die Fertigungstiefe liegt teilweise deutlich unter 10 %. Gefragt sind in den Medizintechnik-Betrieben vor allem Ingenieure der Elektrotechnik und der Medizintechnik. Außerdem wurden Studiengänge mit neuen Abschlüssen wie der MBA eingerichtet, die Theorie und Praxis eng verzahnen. Standorte sind beispielsweise Lübeck, Tuttlingen, Jena und München.
Sven Behrens, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands Spectaris, sieht „sehr gute“ Berufsaussichten für Medizintechniker: „Die Branche investiert viel in gute Köpfe“, meint er und prognostiziert sogar Nachwuchsprobleme, wenn die geburtenschwachen Jahrgänge kommen. Spectaris betreibt im Internet eine eigene Jobbörse.
Eine Alternative kann auch die Selbstständigkeit sein. „Viele Medizintechnik-Ingenieure haben bereits vor dem Studium einen Ausbildungsberuf – z. B. den Chirurgiemechaniker – erlernt, suchen sich nach dem Studium ihre Nische und gründen ihr eigenes Unternehmen“, erklärt Gregor Stock, Referent von Spectaris. In einem Punkt hält sich die Branche allerdings sehr bedeckt – bei der Frage nach den Gehältern. Es werde „gut verdient“, heißt es. Allerdings würden die meisten Gehälter frei ausgehandelt. MARTIN ROTHENBERG

 

  • Martin Rothenberg

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