Medizintechnik 18.08.2006, 19:23 Uhr

Kunsthaut rettet Leben  

VDI nachrichten, Stuttgart, 18. 8. 06, ber – Eine „zweite Haut“ hilft Verbrennungsopfern bei der Heilung. Mit einem neuen Polymer-Wundstoff konnte jetzt erstmals ein Patient gerettet werden, der 95 % seiner Haut verloren hatte.

Als im Herbst 2005 ein 38-jähriger Mann mit schwersten Hautverbrühungen in das Zentrum für Schwerbrandverletzte im Stuttgarter Marienhospital eingeliefert wird, besteht für sein Leben kaum Hoffnung. Ätzende Lauge hatte die Haut des Patienten zu 95 % zerstört. Zu dem tragischen Arbeitsunfall war es während Wartungsarbeiten gekommen. Der Techniker war ins Innere einer großen Industriewaschtrommel geklettert, als diese sich plötzlich mit Reinigungslauge füllte.

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„Bei ihm fand sich intakte Haut nur noch an den Fußsohlen und der Gürtelpartie“, berichtet Helmut Hierlemann, Chemiker am Institut für Textil- und Verfahrenstechnik (ITV) in Denkendorf, das zur Uni Stuttgart gehört. Dass der Mann den Unfall überlebte und die Klinik bereits nach sechs Wochen mit fast vollständig wiederhergestellter Haut verlassen konnte, verdankt er einer künstlichen „zweiten Haut“, die am ITV entwickelt wurde.

Die papierdünne Ersatzhaut, von der dem Mann mehr als 2 m² übertragen wurden, übernimmt bei Schwerverletzten mit großflächigen und tiefen Hautwunden solange lebenswichtige Körperfunktionen, bis ein aus Hautresten nachgezüchtetes Eigentransplantat zur Verfügung steht.

„Lebenswichtig ist zunächst der Schutz vor Infektionen und der Verdunstung“, sagt Hierlemann. Normalerweise gibt der Körper in der Stunde 20 ml Wasser/m² ab. Bei großflächigen Hautverletzungen kann der Wert auf das Zehnfache hochschnellen.

Die Ersatzhaut muss den Patienten aber nicht nur vor Austrocknung schützen. Um die Besiedelung mit Keinem zu verhindern, muss sie ausreichend Wasserdampf durchlassen, der ständig durch Wundflüssigkeit nachgeliefert wird. Zudem soll das Material die Hautneubildung fördern und schrittweise dem nachwachsenden Gewebe von selbst Platz machen, um schmerzhafte und heilungsverzögernde Verbandwechsel zu verhindern. Eigenschaften, welche in Polymilchsäure stecken, einem im klinischen Einsatz bewährten, bioabbaubaren Grundstoff. Er dient als Trägersubstanz für die Ersatzhaut.

„Das Material wird schmelzpolymerisiert und lässt sich dann zu einer Membran verarbeiten, die sehr viele, feinste Poren enthält. Diese sind so dicht, dass keine Bakterien auf die Körperoberfläche gelangen und dennoch eine ausreichende Menge Wasserdampf abgegeben wird“, erläutert Entwickler Hierlemann. In das geschmeidige Mikrokomposit eingelagerte Stoffe sorgen für zusätzlichen Infektionsschutz und wirken schmerzstillend. Weil das Material beim Auflegen auf die Wunde transparent wird, kann der Arzt den Heilungsprozess ständig beobachten.

Drei Jahre wurde die „Suprathel“ genannte Kunsthaut am Marienhospital klinisch erprobt. Besonders stolz sind die Stuttgarter, dass es damit erstmals gelang einen Menschen zu retten, der 95 % seiner Haut verloren hatte. Die Kunsthaut setzen bereits einige europäische Verbrennungszentren ein. Insgesamt wurden damit bereits über 1000 Patienten erfolgreich behandelt. Die Stuttgarter Forscher haben ihre Entwicklung inzwischen patentrechtlich an einen Medizintechnikhersteller verkauft, der damit auf den US-Markt will.

SILVIA VON DER WEIDEN/ber

Ein Beitrag von:

  • Bettina Reckter

    Bettina-Reckter

    Redakteurin VDI nachrichten
    Fachthemen: Forschung, Biotechnologie, Chemie/Verfahrenstechnik, Lebensmitteltechnologie, Medizintechnik, Umwelt, Reportagen

  • Silvia von der Weiden

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