Medizintechnik 31.10.2008, 19:38 Uhr

Hightech und Handarbeit  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 31. 10. 08, has – Audifon in Kölleda bei Erfurt ist der einzige Hersteller von Hörgeräten, der noch in Deutschland produziert. Eine motivierte und flexible Belegschaft sowie Innovationen sind Grundlagen des Erfolgs. Künftig wird man mit einem Hörgerät auch telefonieren können. Eine Verlagerung in ein Billiglohnland steht nicht zur Debatte.

Hartmut Richter, Leiter Forschung und Entwicklung (FuE) bei Audifon, setzt sich mal wieder einer Lärmkulisse aus. Aus einer Reihe von Lautsprechern, die im Kreis um ihn herum aufgebaut sind, ertönen die unterschiedlichsten Geräusche: anfahrende Automobile, kreischende Straßenbahnen oder menschliches Flüstern. Töne werden in unterschiedlicher Stärke gespielt, kommen aus verschiedenen Richtungen oder verschwinden unter einem Klangteppich. Auf einem Bildschirm markiert Richter, ob er einen bestimmten Ton – z. B. eine Sirene oder Fahrradklingeln – wahrgenommen hat.

Mit diesen Versuchen simulieren die Audifon-Entwickler Hörsituationen. Im Alltag überlagert sich Schall aus verschiedenen Quellen. Das menschliche Gehör kann diesen Schall identifizieren und zuordnen, z. B. als Sprache oder als Musik. Das Gleiche muss auch ein digitales Hörgerät leisten. Dafür hat Audifon eine Software entwickelt, die dem Unternehmen international eine Spitzenposition verschafft hat.

Audifon ist der einzige Hörgerätehersteller, der noch in Deutschland produziert. Weshalb viele Hersteller in den vergangenen Jahren abgewandert sind, wird schon beim ersten Blick in die Fabrikation von Audifon deutlich: Der Anteil der Handarbeit in dieser Branche ist hoch.

Hinter Mikroskopen sitzen Mitarbeiter, überwiegend Frauen, und montieren mit geschickten Händen Hörgeräte zusammen. „Eine ruhige Hand, gute Augen und Geduld“ sind Voraussetzungen für diese Arbeit, sagt Managing Director Thomas Junkel. Aus rund 80 Teilen bestehen die winzigen Hightechgeräte, die nicht einmal 3 g wiegen.

Der Anteil der Lohnkosten ist im Verhältnis zum Verkaufspreis hoch. Die meisten Hersteller haben deshalb die Produktion, manche auch schon die Entwicklung, nach Asien verlagert. Die Abwanderung mit der Produktion in ein Billiglohnland ist für Audifon jedoch nicht aktuell. „Das ist noch nicht einmal ein Gedankenspiel“, wehrt der Geschäftsführende Gesellschafter Alexander Kind ab, der an der Universität St. Gallen Betriebswirtschaft studiert hat und dort auch promoviert wurde.

Hörgeräte sind Hightech-Erzeugnisse, dennoch haben sie ein Imageproblem, beschreibt Kind das Dilemma der Branche. Anders als Brillen gelten sie nicht als modisches Accessoire. Gegen dieses Image kämpft Audifon an – mit Designer-Geräten in poppigen Farben und mit Produkt-Innovationen.

So arbeiten die Entwickler von Audifon an neuen Techniken, z. B. an Funklösungen mit Handy, i-pod oder Bluetooth, sodass mit dem Hörgerät telefoniert werden kann. Alexander Kind geht davon aus, dass Hörgeräte damit zunehmend an Akzeptanz gewinnen werden.

Vor viereinhalb Jahren übernahm Kind Hörgeräte, ein Familienunternehmen aus Großburgwedel bei Hannover, Audifon. Die kleine Firma aus Kölleda ist die ideale Ergänzung zu den über 430 Fachgeschäften für Hörgeräte-Akustik, die Kind seit 1970 in Deutschland aufgebaut hat. Europaweit gehören zur Kind-Gruppe fast 500 Geschäfte. Das Unternehmen beschäftigt rund 1900 Mitarbeiter und bildet mehr als 350 junge Menschen aus.

Neben Audifon gibt es weltweit nur noch eine Handvoll Hersteller, die sich den internationalen Markt teilen und von denen Siemens Weltmarktführer ist. Alexander Kind: „Man kennt sich, die Branche ist sehr klein.“ Zwar gebe es noch Produzenten in Russland und China, die aber nur auf den nationalen Märkten präsent seien. Audifon Hörsysteme werden über Vertriebspartner in mehr als 60 Ländern vertrieben, außerdem gibt es eigene Tochtergesellschaften in den USA, Singapur, der Tschechischen Republik sowie Usbekistan. Zahlen zu Umsatz und Gewinn bei Audifon nennt Alexander Kind nicht, sie seien „aber gut“.

Hervorgegangen ist Audifon aus dem VEB Funkwerk Kölleda. Schon in den 50er Jahren wurden hier Hörgeräte hergestellt, die noch so groß waren wie Zigarettenschachteln. Nach der Wende wurde das Funkwerk von der Treuhand abgewickelt, danach hat es ein Investor gekauft, berichtet Thomas Junkel, der schon vor der Wende im Funkwerk gearbeitet hat.

Nach der Übernahme durch Kind bestand die Forschungs- und Entwicklungsabteilung bei Audifon nur aus drei Mitarbeitern. Kontinuierlich wurden Forschung und Entwicklung ausgebaut. Heute sind 10 % der mehr als 80 Mitarbeiter in Kölleda als Ingenieure und Physiker in der Entwicklung beschäftigt Ziel ist es, diesen Anteil mittelfristig auf 15 % bis 20 % zu erhöhen. Zudem unterstützen IT-Spezialisten von Kind in Großburgwedel ihre Kollegen in Thüringen.

Kölleda war im 19. Jahrhundert ein Zentrum des Kräuteranbaus. Daran erinnert noch heute die Pfefferminzbahn. In hartem Kontrast zu der malerischen Strecke steht jedoch der Bahnhof des kleinen Städtchens mit seinen zerstörten Scheiben und vernagelten Fenstern.

Doch hat Kölleda mit seinen gut 5600 Einwohnern den Anschluss an die Gegenwart keineswegs verpasst. Über die neue Autobahn 71, die derzeit noch am Nachbarort Sömmerda endet, ist Kölleda gut an das Fernstraßennetz angebunden. Im Industriegebiet Kiebitzhöhe am Ortsrand haben renommierte Unternehmen einen Standort. Neben Audifon sind dort u. a. Daimler mit einem Motorwerk und das Hörmann Funkwerk vertreten, das Ausrüstungen für den Zugfunk herstellt.

Die Region Kölleda hat, wie vielfach in den neuen Ländern, nach der Wende einen Großteil der Arbeitsplätze verloren, besonders durch die Schließung des Büromaschinenwerks Sömmerda, einst größter Arbeitgeber des Kreises. Die Erwerbslosigkeit liegt derzeit bei mehr als 15 %.

Mitarbeiter in Kölleda und Umgebung zu finden, sei nicht schwer, meint Audifon-Entwicklungsleiter Richter. Die Arbeitskräfte seien hoch motiviert und flexibel, lobt Kind die Belegschaft. Es komme vor, dass Frauen, wenn sie ihren Nachwuchs mittags aus dem Kindergarten abgeholt haben, freiwillig wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkämen.

Gearbeitet wird bei Audifon im Ein-Schicht-Betrieb an fünf Tagen in der Woche. Mehrarbeit, auch an Samstagen, würde auf Zuruf organisiert, sagt Junkel.

Schwierig sei es, hoch qualifiziertes Personal in den Osten zu locken. Audifon finde, wie andere Unternehmen auch, Ingenieure erst nach langer Suche. Sie kommen vor allem von Hochschulen aus den neuen Ländern, aus Dresden, Ilmenau oder Jena. Kooperationen von Audifon bestehen mit Forschungseinrichtungen an den Universitäten Oldenburg und Freiburg sowie mit der Medizinischen Hochschule Hannover. Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Audiologie wird auch bei Kind Hörgeräte in Großburgwedel betrieben, in Kölleda werden dann diese Forschungsergebnisse umgesetzt. Mehr als 5 % des Umsatzes investiert Audifon in Forschung und Entwicklung.

Weltweit steht Hörgeräte-Herstellern patentiertes Wissen in einem Pool zur Verfügung, auf den alle Unternehmen der Branche zugreifen können. Das schützt Hersteller, weil es verhindert, dass Know-how durch Patente abgesichert und monopolisiert wird, lobt Kind diese Einrichtung.

Was müssen Ingenieure bei Audifon mitbringen? Natürlich fundierte Kenntnisse in der Signalverarbeitung, Elektronik und Simulation, erklärt Richter. Außerdem brauchen sie viel Erfahrung.

Weltweit werden jährlich 8,5 Mio. Hörgeräte in rund 1600 Modellen produziert. Bei einer Weltbevölkerung von mehr als 6 Mrd. Menschen könne man schon von einer Unterversorgung sprechen, meint Alexander Kind.

Ärgerlich sind für das Unternehmen die Zulassungsverfahren in den einzelnen Ländern. Selbst innerhalb der EU sei die Zulassung in vielen Ländern nach wie vor nicht einheitlich geregelt.

Trotz dieser Stolpersteine ist Alexander Kind optimistisch. Die alternden Gesellschaften sowie die Innovationen in der Hörgeräte- und Anpasstechnik werden den Absatz von Hörgeräten künftig kräftig steigen lassen.

HARTMUT STEIGER

Von Hartmut Steiger
Von Hartmut Steiger

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