Medizintechnik 01.12.2000, 17:27 Uhr

Herz-Handy für mobiles EKG

Die deutsche Medizintechnik setzt auf Innovation. Doch das geht nur interdisziplinär. Zukunftsweisende Technik führt die medizinischen Fachbereiche enger zusammen.

Rang 25 im Gesundheitswesen belegt Deutschland dem jüngsten World Health Report der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge – nicht gerade ein Plätzchen zum Ausruhen, wenn man es genau betrachtet. Immerhin steckt ein Markt von rund 500 Mrd. DM dahinter. „Dies ist die Summe, die jährlich für Gesundheit aufgewendet werden muss“, schätzt Gerd Fischer, Generalsekretär der MEDICA Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Medizinischen Diagnostik. Etwa 4 Mio. Arbeitsplätze bietet derzeit der medizinische Bereich. „Wir sprechen also über einen erheblichen Wirtschaftsfaktor und eine Zukunftsbranche“, so Fischer. Sicher sei dabei, dass die Kosten weiter steigen werden, entscheidend aber sei, Wege zur Finanzierung zu finden.
Über das Gesundheitswesen wird hierzulande viel diskutiert. Immer mehr Menschen erreichen ein höheres Lebensalter – und müssen während dieser Zeit die unterschiedlichsten Krankheiten bewältigen. Was die Medizintechniker nun in den letzten Monaten ersonnen haben, um dem Patienten das Leben trotz Erkrankung so angenehm wie möglich zu gestalten, war vergangene Woche in Düsseldorf auf der medica zu sehen, der weltweit größten Medizinmesse.
Besonders pfiffig ist wohl das Herz-Handy für Menschen mit einem erhöhten Risiko für Herzprobleme. Der Patient befestigt einfach das sogenannte Cardiophone auf der Brust, wo sofort das EKG aufgenommen wird. Zusammen mit den GPS-Daten zum genauen Aufenthaltsort des Anwenders werden die Messergebnisse an ein medizinisches Service-Zentrum übertragen, wo Fachärzte die Daten direkt auswerten. Im Notfall schicken sie sofort einen Krankenwagen zum Patienten. Das Call Center ist rund um die Uhr besetzt.
Das Herz-Handy soll den ohnehin schon geschwächten Patienten nicht nur psychologisch unterstützen. „Er wird dadurch auch wieder mobil, empfindet mehr Sicherheit und damit eine höhere Lebensqualität“, behauptet Matthias Quinger, Präsident der Vitaphone GmbH in Altrip, die das Gerät gemeinsam mit der finnischen Firma Benefon Oyj entwickelt hat. „Zurzeit gibt es in Deutschland immerhin mehr als 10 Mio. Menschen mit Herzproblemen“, erläutert Dr. Stefan Sach. Leiter der Kardiologie an der Universitätsklinik Essen und Geschäftspartner von Vitaphone, die Marktchancen des neuen Messgeräts.
Brustkrebs – vor dieser Diagnose fürchtet sich fast jede Frau. Etwa 43 000 Frauen erkranken und 19 000 sterben daran jährlich in Deutschland. Je früher ein bösartiger Tumor entdeckt wird, desto besser sind auch die Heilungschancen für die Patientin. Doch gerade wenn die Wucherung noch sehr klein ist, fällt eine eindeutige Diagnose besonders schwer. Deshalb muss oft operiert werden, um festzustellen, ob der Knoten in der Brust gut- oder bösartig ist.
Eine neue Untersuchungsmethode soll schon bald helfen, unnötige Operationen zu vermeiden. Entwickelt wird sie derzeit von einem Forscherteam aus Bonn, Hamburg und Remagen. Im Gegensatz zur herkömmlichen Röntgen-Mammographie nutzen die Ärzte dabei die Magnetresonanz-Mammographie. Damit lassen sich auch Tumoren entdecken, die bei der Untersuchung mit Röntgenstrahlung oder Ultraschall durchgeschlüpft sind.
Das Besondere an diesem Magnet-Resonanz-Verfahren ist, dass auch die Bewegung der durchs Gewebe geschickten Wellen dargestellt werden kann. „Das ist vergleichbar mit einem Stein, den man in ruhiges Wasser wirft. Die Wellen breiten sich gleichförmig aus, solange sie nicht auf ein Hindernis im Wasser stoßen“, erklärt Christiane Kuhl, Ärztin an der Radiologischen Universitätsklinik Bonn. Werden die Strahlen im Gewebe von einer Wucherung abgelenkt, kann man am Wellenmuster erkennen, ob es sich um eine harmlose oder gefährliche Geschwulst handelt. Eine klinische Prüfung des Geräts steht noch aus, jetzt wollen die Forscher erst einmal zeigen, dass das Prinzip überhaupt funktioniert. Für ihre Entwicklungsarbeit wurden die Ärzte auf der medica mit dem hoch dotierten Innovationspreis für Medizintechnik des Bundesforschungsministeriums ausgezeichnet.
Ebenfalls vom Forschungsministerium preisgekrönt wurde ein Fuzzy-Logic-Gerät, das Mundbakterien und Zahnstein gründlicher und schonender als bisher beseitigt. Den Zähnen fehlt – im Gegensatz zur Mundschleimhaut – die Fähigkeit zur Selbstreinigung. Dies nutzen viele Bakterien schamlos aus und bevölkern massenweise Zähne und Zahnfleisch. Nur allzu oft führt dieser Biofilm zu massiven Entzündungen.
Forscher der Universität Greifswald und der TU Clausthal entwickelten nun gemeinsam ein Ultraschallgerät, das den Zahnstein mit dem optimalen Druck entfernt, ohne die Zahnoberfläche zu zerstören. Dabei kombinierten die Wissenschaftler Piezokeramiken als Sensorelemente mit einer auf Fuzzy-Logic basierenden Messwert-Verarbeitung.
Auch in den Tiefen der Zahnfleischtaschen, also dort, wo selbst der Zahnarzt normalerweise nicht hinkommt, kann der Ultraschall die störenden Beläge erfassen und entfernen. Dazu wird die Spitze des Gerätes, das mit einem piezokeramischen Schwingungserreger betrieben wird, auf die zu behandelnde Oberfläche aufgesetzt und das Gesamtsystem zu Schwingungen angeregt. Unterschiedliche Zahnoberflächen reagieren darauf mit jeweils charakteristischen Schwingungsbewegungen, die von Topographie, Elastizität und Kristallstruktur der Zahnsubstanz abhängen.
Hinzu kommen Unterschiede etwa bei der Zahnbeschaffenheit und der Mundfeuchte. Diese Fülle von relevanten Daten soll Fuzzy-Logic nun so verarbeiten, dass das Gerät selbst den für die jeweilige Behandlung notwendigen Druck optimal einstellt.
Und noch eine Neuheit: Ein schlauer Chip verhilft Röntgenbildern in die dritte Dimension. Die grundlegende Idee des Forscherteams aus Mannheim, Heidelberg und Forchheim besteht darin, aus mehreren Röntgenaufnahmen ein dreidimensionales Bild des Körpers zu berechnen. Bisher ist das nur mit einem sehr teuren Computer-Tomographen möglich. Das neue Verfahren soll nun auch mit „normalen“ Röntgengeräten den 3D-Blick in den Körper freigeben.
Ob Beinbruch oder Tumorknoten: Ohne Röntgengeräte und Tomographen ist eine saubere Diagnose nicht möglich. Damit der Arzt aber eine räumliche Vorstellung bekommt, müssen die herkömmlichen Röntgenbilder aufwendig aufbereitet werden. Die nötigen Spezialcomputer sind teuer.
Die Wissenschaftler der Universität Mannheim planen deshalb in Kooperation mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg und der Siemens AG, mit Hilfe einer preisgünstigen PC-Einsteckkarte jeden beliebigen Rechner so aufzurüsten, dass er der neuen Aufgabe gewachsen ist. Der Clou sitzt dabei auf der PC-Karte: ein Hochleistungs-Chip, dessen Hardware mit einem Computerprogramm zu einem Spezialprozessor konfiguriert wird. So kann auch ein normaler PC die an ihn gestellten Aufgaben so schnell abarbeiten wie ein Spezial-Computer. Das neue „Rekonstruktionsverfahren“ verschont Patienten und OP-Team vor übermäßiger Strahlenbelastung und ist zudem preisgünstiger.
Erschreckende Zahlen liefert übrigens die Deutsche Krankenhausgesellschaft in einer neuen Studie: Etwa 1 Mio. Patienten fangen sich jedes Jahr im Krankenhaus eine Infektion ein, 40 000 sterben daran. Grund genug für die 3M Deutschland GmbH, sich der Materie anzunehmen. Sie entwickelten eine antiseptische Abdeckfolie, die – großzügig auf den zu operierenden Hautbereich geklebt – vorhandene Keime abtötet und den Eintrag neuer Bakterien durch OP-Besteck verhindert. Gut die Hälfte aller Infektionen wäre damit vermeidbar, sind die Experten überzeugt. ber

Von Bettina Reckter
Von Bettina Reckter

Stellenangebote im Bereich Medizintechnik, Biotechnik

seleon gmbh-Firmenlogo
seleon gmbh Teamleiter Mechatronik (m/w/d) Dessau, Heilbronn
seleon gmbh-Firmenlogo
seleon gmbh Senior-Softwareentwickler (m/w/d) Heilbronn
MED-EL Medical Electronics-Firmenlogo
MED-EL Medical Electronics Systems Mechatronic Engineer (m/f) Innsbruck (Österreich)
UROMED Kurt Drews KG-Firmenlogo
UROMED Kurt Drews KG Entwicklungsingenieur Medizinprodukte (m/w/d) Oststeinbek

Alle Medizintechnik, Biotechnik Jobs

Top 5 Medizin

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.