Medizintechnik 29.06.2007, 19:28 Uhr

Forscher heizen Krebszellen kräftig ein  

Krebszellen werden so stark erhitzt, dass sie absterben. Und schon ist der Tumor besiegt. Obwohl diese Idee viele Jahre alt ist, ist das Verfahren bis heute nicht ausgereift. Vielfach ist es sogar unmöglich, das bösartige Geschwür vollständig auf 45 °C zu erwärmen. Diese Temperatur wäre jedoch erforderlich, um die Zellen in den sicheren Tod zu schicken.

Umso mehr erstaunt es, dass Forscher weltweit über beachtliche Erfolge bei der Wärmebehandlung von Tumoren, der Hyperthermie, berichten: Die Geschwüre schrumpfen rascher, der Krebs kehrt seltener zurück, die Patienten leben teilweise sogar länger. Michael Bamberg vom Universitätsklinikum Tübingen bezeichnet die Hyperthermie neben der Chirurgie, der Strahlen- und der Chemotherapie deshalb gar als vierte Säule der Krebsmedizin.

Das Erfolgsgeheimnis liegt im Kombinationseffekt: Hyperthermie erhöht die Wirksamkeit der Bestrahlung und der Chemotherapie deutlich. Der Stoffwechsel der Zelle wird durch die Wärme angekurbelt. Die Medikamente passieren die Zellwand leichter. Zudem kommt das Reparaturprogramm der Tumorzellen in der Hitze nur noch verzögert zum Einsatz.

Unterm Strich macht die Wärme dadurch den Krebs verwundbarer gegenüber den gängigen Waffen der Krebsmedizin. „Gerade bei fortgeschrittenen Tumoren können wir mit der Hyperthermie in Kombination mit den anderen Verfahren erstaunliche Erfolge erzielen: Das Spektrum reicht bis hin zur vollständigen Heilung bei manchen Tumorarten“, so Bamberg.

Erst Anfang Juni bestätigte der Mediziner Rolf Issels vom Klinikum München-Großhadern dieses Prinzip in einer groß angelegten Studie. Seine Ergebnisse stellte er auf dem Jahrestreffen der American Society of Clinical Oncology in Chicago vor.

Die 341 untersuchten Patienten litten an so genannten Sarkomen, die mit Geschwüren unterhalb des Beckens und in den Armen einhergehen. Da bei dieser Erkrankung der Tumor schlecht durchblutet ist, lässt er sich besonders leicht mit elektromagnetischen Strahlen erwärmen.

Ähnlich dem Vorgang im Mikrowellenofen wird das Wasser im Krebsgeschwür gezielt erhitzt. Issels kombinierte bei den Patienten die Hyperthermie mit einer Chemotherapie. Die Kontrollgruppe hingegen erhielt nur die Medikamente. Bei allen Patienten wurde der Krebs zudem in einer Operation entfernt.

„Die Kombinationsbehandlung verbessert die Heilungs- und Überlebenschancen“, teilt das Tumorzentrum München mit. Die Medikamente schlugen mit Wärme schneller an und die Patienten blieben nach der Therapie länger gesund.

Auch die Wirkung einer Bestrahlung kann durch Wärme massiv gesteigert werden. Dies belegte die amerikanische Krebsforscherin Ellen Jones vom Duke University Medical Center in Durham, North Carolina, mit einer neuen Studie, die sie auf der Tagung der European Society for Hyperthermic Oncology vom 13. bis 16. Juni 2007 in Prag präsentierte.

Sie behandelte 120 Patientinnen mit wiederkehrendem Brustkrebs mit einer Strahlentherapie und unterzog die Hälfte zusätzlich einer Hyperthermie. Dank der Wärme konnten 68 % der Frauen das bösartige Geschwür besiegen. In der Vergleichsgruppe waren es nur 24 %. Jones erhitzte das Brustkrebsgewebe zweimal pro Woche für die Dauer von max. 1 h.

Sie selbst fühlt sich von den Ergebnissen so ermutigt, dass sie ihre Studie fortsetzen will. „Ich glaube, die Hyperthermie hat eine große Zukunft. Sie verbessert unsere gängigen Therapien. Gleichzeitig bringt sie nur wenige Nebenwirkungen mit sich“, sagte Jones. In den kommenden Monaten möchte sie die Temperatur im Tumor mit Magnetresonanztomografen kontrollieren, um die Dosierung der Wärme exakter steuern zu können.

Jones ist überzeugt, dass die Hyperthermie längst nicht nur bei Brustkrebs und Sarkomen ihre Berechtigung hat. Auch bei Hautkrebs, Hirntumoren, Prostata-, Darm- und Gebärmutterhalskrebs laufen Studien. Der Leiter des Kompetenzzentrums Hyperthermie an der Charité in Berlin, Peter Wust, bestätigt dies. Auch bei Eierstock-, Gebärmutter- und Bauchspeicheldrüsenkrebs hält er das neuartige Verfahren in Kombination mit herkömmlichen Therapien für aussichtsreich.

Gleichwohl stößt sein Team immer wieder an Grenzen. Tiefliegende und ausgedehnte Geschwüre lassen sich damit nicht behandeln, da das Gewebe von den elektromagnetischen Wellen nicht ausreichend erfasst wird.

„Die Biologie ist auf unserer Seite. Die Physik aber ist gegen uns“, meinte er und spielt damit auf die Hyperthermie-Geräte an, die sich in den vergangenen Jahren kaum weiterentwickelt haben. In dieses Feld werde wieder Bewegung kommen, wenn die Hyperthermie den Sprung von der Phase der klinischen Studien in die therapeutische Praxis schafft.

„Das wird in einigen Jahren der Fall sein“, gab sich Wust zuversichtlich. „Wenn erst einmal Geld hereinkommt, werden die Hersteller die Technologie weiterentwickeln und das wird wiederum die Palette der Tumoren erweitern, die sich behandeln lassen.“

SUSANNE DONNER/ber

Gerade bei fortgeschrittenen Tumoren lassen sich erstaunliche Erfolge erzielen

Ein Beitrag von:

  • Bettina Reckter

    Bettina-Reckter

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Forschung, Biotechnologie, Chemie/Verfahrenstechnik, Lebensmitteltechnologie, Medizintechnik, Umwelt, Reportagen

  • Susanne Donner

    Susanne Donner ist studierte Chemikerin und schreibt als Wirtschaftsjournalistin über Technik- und Medizinthemen u.a für die Wirtschaftswoche, GEO, FAZ und ingenieur.de.

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