Medizin 30.04.2010, 19:46 Uhr

Fieberfrei! Afrika sagt der Mücke den Kampf an

Afrika und Malaria gehören zusammen – denkt man. Doch das ändert sich. Mit denselben Methoden wie 20 Jahre zuvor in Lateinamerika wird der Krankheit der Kampf angesagt: mit der Behandlung Infizierter, der Einbindung lokaler sozialer Gruppen und gezielten Umweltmanagementmaßnahmen.

Kenia. Der Blick auf den Indischen Ozean ist traumhaft. Zikaden summen. Es ist warm. Das Leben lässt sich so genießen. Doch im Hintergrund lauert ein Schreckgespenst: Malaria.

„Die Krankheit ist immer noch der absolute Dauerbrenner“, sagt Peter Schmitz. Er leitet den Ärztlichen Dienst des Deutschen Entwicklungsdiensts (DED). Er und sein Team sind zuständig für die Gesundheitsberatung und Notfallbetreuung der rund 2500 Fachkräfte und Freiwilligen des DED, die in tropischen Regionen Afrikas, Lateinamerikas und Asiens arbeiten. „Das Thema Malaria ist in der Vorbereitung und auch vor Ort immer beratungsintensiv.“ Wie kann ich mich schützen, muss ich die nebenwirkungsreichen Medikamente einnehmen?

Vor den gleichen Problemen stehen Ingenieure, wenn sie in den Tropen arbeiten. Der beste Schutz ist, Insektenstiche zu vermeiden – etwa durch hautbedeckende Kleidung und das Schlafen unter Moskitonetzen. Malariamedikamente sollten vorbeugend eingenommen oder mitgeführt werden. Und bei jedem unklaren Fieber – auch nach der Rückkehr – sollte ein Arzt aufgesucht werden. Eine nicht rechtzeitig behandelte Malaria tropica kann tödlich sein.

Malaria gilt zwar als Krankheit der Armen, doch auch Entwicklungshelfer sind vor Moskitostichen nicht gefeit, weiß Schmitz. Erkranken sie, erhalten sie jedoch im Gegensatz zu Einheimischen meist schnelle Hilfe. Schwere Malariafälle sind beim DED zum Glück selten, so Schmitz. Der letzte ihm bekannte Todesfall liegt schon Jahre zurück.

Dabei sterben weltweit jährlich rund 900 000 – oft arme – Menschen am Sumpffieber. Die meisten davon südlich der Sahara. Das darf nicht so bleiben. In Afrika beginnen nun die Menschen sich selbst zu helfen. Etwa in Malindi im Nordosten Kenias.

Die katholische Mission St. Francis Xavier liegt in der besseren Gegend der lauten Hafenstadt. Hinter seinen Mauern verschwinden die Geräusche der Straße. Hier trafen sich letzten Dezember 24 Gleichgesinnte zu einer Fortbildung. Sie haben die gleiche Vision: eine malariafreie Heimat.

Sie lernten dort, was der „Globale Fonds zur Bekämpfung von HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria“ (GFATM) ist und wie sie dort Gelder beantragen können. Der Fonds ist der größte Geldgeber weltweit für Anti-Malaria-Vorhaben.

Die „Stop Malaria Now“-Kampagne des deutschen Medikamenten-Hilfswerks action medeor hat den Workshop organisiert. „Ohne den Einsatz auf Gemeindeebene kann der Kampf gegen Malaria nicht gewonnen werden“, erklärt Antje Mangelsdorf vom Kölner Kampagnenbüro. Bislang profitierten gemeindebasierte Organisationen (CBOs) jedoch kaum von den Finanzmitteln des GFATM. Das will Mangelsdorf ändern.

Ein malariafreies Malindi ist keine Utopie. Das zeigt das Distriktkrankenhaus. Vor zehn Jahren mussten Ärzte noch 10 000 Malariapatienten jährlich behandeln. Malaria war die häufigste Todesursache. Jetzt versorgen die Ärzte nur noch wenige hundert Patienten pro Jahr. Malaria steht nur noch an Nummer 5 der Todesursachen. Im Krankenhaus selbst starb 2009 niemand an Malaria, sagt Direktor Maurice Buni stolz. „Deswegen sage ich: Wir gewinnen den Kampf gegen Malaria.“

Die Erfolgsgeschichte von Malindi hat viele Gründe: Die kenianische Regierung verschenkt Bettnetze, engagierte Bürger klären Mitbürger auf, Infizierte gehen früher zum Arzt und werden umsonst behandelt, „Moskito-Scouts“ durchkämmen Stadt und Umgebung nach Brutplätzen von Malariamücken.

Drei Beispiele: In Barani, Malindis Armenviertel, wohnen 20 000 Menschen. Zu ihnen gehört der 40-jährige Mohammed Salim. Er ist Anti-Malaria-Kämpfer und steht stolz auf einem zentralen Platz im Slum. Man trifft sich hier, kauft ein, Kinder spielen. Früher war der Platz voll mit „taka-taka“ – so heißen Abfälle auf Kisuaheli. In Plastiktüten, Dosen, Flaschen und Altreifen sammelt sich Regenwasser – ideale Brutstätten für Moskitos. Das hat Salim gestört. Er will mit seiner Frau und sieben Kindern in einer gesunden Umgebung leben, hat 2004 die „Barani Gesundheitsarbeiter“ gegründet und dem Müll den Kampf angesagt.

Vor drei Jahren war es so weit: Die Gesundheitsarbeiter konnten die Kommune und die Leute überzeugen, diesen Platz sauber zu halten. Nicht nur das. Die Selbsthilfetruppe hat einen Service eingeführt: Für 50 kenianische Shilling (knapp 50 Cent) holen sie von Familien den Hausmüll ab, leihen sich alle zwei Wochen einen Müllwagen von der Stadt aus und bringen den Abfall zur nächsten Deponie. „Doch nicht alle Bewohner können oder wollen sich den Service leisten“, sagt Salim. Es gibt also noch viel zu tun. Es fehlt an Geld – noch.

Kakanjuni, zwei Busstunden von Malindi entfernt. Im Schatten einer Baumgruppe, am Rande eines Bolzplatzes, hat sich das Dorf versammelt. Es ist Festtagsstimmung. Das Jugendtheater Jua Arts spielt Szenen aus dem Alltagsleben afrikanischer Familien. In einer Story hält ein Ehemann nichts von Moskitonetzen, seine schwangere Frau erkrankt daraufhin an Malaria ein Arzt klärt ihn auf und behandelt seine Frau. In der zweiten Geschichte weigert sich ein Junge, unter Moskitonetzen zu schlafen. Sie brächten ihm Albträume die Eltern schaffen es, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Die Zuschauer kommentieren die Szenen sehr lebhaft.

Aus Gesprächen vor und nach den Auftritten weiß der 23-jährige Schauspieler Kattungo Mwamuye: „Heute nutzen mehr Menschen hier Bettnetze als noch vor einem Jahr.“ Verhaltensänderungen bräuchten aber Zeit. Eine Theateraufführung kann nicht von heute auf morgen alles verbessern. Er würde gerne öfter spielen!

Zurück nach Malindi. Der 46-jährige Anton Shida betritt eine verlassene Hotelanlage. Prüfend blickt er auf trübes Regenwasser im Swimmingpool. Shida taucht eine Kelle hinein, zieht eine Probe und schaut genau hin. Er kann zwischen verschiedenen Moskitolarven unterscheiden: Enthält ein Pool, ein Tümpel, ein Reisfeld oder ein Sumpfgebiet Larven jener Moskitos, die die Malariaparasiten übertragen können, handelt Shida.

Er holt Tabletten aus der Tasche, löst sie auf und kippt die Lösung in das Wasser. Die Tabletten enthalten natürliche BTI-Bakterien – BTI steht für Bacillus thuringiensis israelensis – in getrockneter Form. Im Darm der Larven schlüpfen die Bakterien aus einer schützenden Eiweißhülle und zerstören in kurzer Zeit durch ein Gift, das als ökologisch unbedenklich gilt, die Moskitolarven.

Shida ist einer von 16 Moskito-Scouts. Jeder von ihnen späht jeweils in einem Gebiet von rund 1 km2 in und außerhalb Malindis nach Moskitos. Dafür erhalten die Scouts von der Schweizer Organisation Biovision monatlich 7200 kenianische Shilling (etwa 70 €).

Dahinter steht ein einfacher Gedanke, sagt Charles Mbogo, Moskitofachmann vom Medizinischen Forschungsinstitut Kenias KEMRI (Kenya Medical Research Institute). Die Krankheit sei einfacher zu kontrollieren, wenn man die Larven bekämpft. „Wenn in einem Tümpel 100 Moskitoweibchen jeweils 200 Eier legen, entwickeln sich daraus 20 000 Larven.“ Dafür reicht eine BTI-Tablette. Die Scouts klären auch auf und empfehlen etwa Wassertonnen abzudecken, damit Moskitos keine Eier ablegen können. „Die Leute müssen selbst Verantwortung übernehmen und dürfen nicht darauf warten, dass die Regierung etwas unternimmt“, so Mbogo. Die Zahl an Moskitos kann so um 70 % und mehr sinken.

Solche Projekte tragen dazu bei, dass Malaria in und um Malindi nicht mehr so häufig vorkommt wie noch vor wenigen Jahren. Es könnte sogar noch weniger Patienten geben, ist sich der Arzt Maurice Buni sicher. „Um die Krankheit vollständig zu besiegen, müssen wir wirklich alle Menschen informieren. Alle müssen die Malariakontrollstrategien auch anwenden – vor allem dann, wenn es regnet.“

Für den Arzt ist der Schlüssel zum Erfolg das soziale Engagement. Doch Leute wie Mohammed Salim können kaum noch mehr tun als bisher. Sie arbeiten oft ehrenamtlich und müssen auch ihren Lebensunterhalt verdienen. Das soll nicht so bleiben.

In der Mission St. Francis Xavier ging es letzten Dezember heiß her. Die 24 Teilnehmer der Fortbildung fragten den Leiter, Maurice Odindo, Löcher in den Bauch. Was ist der Fonds, wie sehen Antragsformulare aus? Und gibt es überhaupt für kleine Projekte eine Chance, Gelder zu erhalten? „Die Antwort lautet: ja“, so Odindo.

Auch Mohammed Salim nahm am Workshop teil. Das hat ihm Mut gemacht. Er will im Sommer gemeinsam mit anderen Gelder beantragen. „Wir sind motiviert und wissen, wo wir die Informationen bekommen und dass wir unseren Antrag auch rechtzeitig abschicken müssen.“ Doch jetzt wird es ernst. Salim und seine Kollegen müssen sich zusammensetzen und ihre Anträge formulieren. In wenigen Jahren könnte die Malaria in und um Malindi also der Vergangenheit angehören. RALPH AHRENS

Von Ralph Ahrens
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