Medizintechnik 05.07.2002, 18:20 Uhr

Elektronische Verbindung zur tönenden Welt

Cochlear-Implantate ermöglichen vielen Gehörlosen überhaupt erstmals das Hören. Dennoch bleiben die Patienten aber oft stark beeinträchtigt. Übertriebene Erwartungen in die Technik sind daher vorerst fehl am Platz.

Ich weiß nicht, ob ich mich heute noch einmal für ein Cochlear-Implant (CI) entscheiden würde. Aber ich bin froh, dass ich es getan habe.“ Wenn Erik Dittmann über die vier Jahre spricht, die er mit seiner digitalen Hörhilfe lebt, dann merkt man ihm an, was er geleistet hat. Mit 16 Jahren hat er noch einmal begonnen, sprechen und hören zu lernen. Bis dahin kannte er seine eigene Stimme nicht. Heute ist er bis auf ein kleines schwarzes Gerät hinter seinem linken Ohr ein normaler 20-Jähriger. Er fährt Auto, lernt Tischler, telefoniert mit Freunden und manchmal geht ihm der Lärm der Stadt auf den Geist.
Durch eine Virusinfektion verlor Erik im Alter von acht Monaten sein Gehör. Mit Hörgeräten konnte er zwar Reste hören, aber die Geräusche prasselten auf ihn ein, ohne dass er sie den Dingen zuordnen konnte. „Ich habe meine Mutter oft gefragt, ob es nicht etwas gibt, damit ich besser hören kann“, erinnert er sich. Im Alltag holte er sich täglich neue Frustrationen ab. Man verstand ihn nicht, weil seine Aussprache wegen des fehlenden Gehörs sehr undeutlich war. In Läden bekam er nicht, was er wollte, in der Schule schnitten ihn viele Mitschüler, und weil sich Lehrer und Eltern nicht über seine Fähigkeiten einig waren, wechselte er fünf Mal die Schule.
Kurz vor der mittleren Reife hörte er dann von der Möglichkeit, sich eine Innenohr-Prothese einsetzen zu lassen. Nach vielen Beratungsgesprächen und einer günstigen ärztlichen Prognose entschied er sich schließlich für die Operation, trotz großer Angst, dabei sein Restgehör einzubüßen. Wie bei heute über 30 000 CI-Trägern weltweit, überwog auch bei Erik schließlich die Hoffnung, (wieder) hören zu können.
Vor zu großer Hoffnung allerdings warnt Klaus Berger, Pädagogischer Leiter des Cochlear-Implant-Centrums (CIC), Berlin Brandenburg. „Immerhin 15 % der von uns betreuten Kleinkinder können auch nach zwei Jahren mit CI keine Sprache verstehen.“ Dennoch sind die Erfolge gerade dann enorm, wenn das CI schon vor dem Spracherwerb eingesetzt wird. Laut Berger erreichen gut zwei Drittel der so früh operierten Kinder nach etwa drei Jahren ein offenes Sprachverständnis, das heißt, sie verstehen ohne Blickkontakt in den Folgejahren lernen sie meist auch völlig normal zu sprechen.
„Trotz der Erfolge sparen die Krankenkassen zunehmend bei den Reha- Maßnahmen, die das A und O der CI- Versorgung sind“, so Berger. Verteilt über drei Jahre verbringen die Operierten gut 80 Tage in Reha-Zentren, wo man das CI in vielen Sitzungen individuell auf sie einstellt und wo sie Sprach- und Hörübungen absolvieren insgesamt kostet die Versorgung mit einem CI rund 50 000 !. Wie nötig die Maßnahmen sind, hat Erik am eigenen Leib erfahren. Als er zwei Wochen nach der Operation sein Gerät in Betrieb nahm, haben ihn Frequenz und Lautstärke fast erschlagen. Erst nach und nach fand er mit seinen medizinischen Betreuern die richtige Einstellung heraus. Danach fing die Arbeit richtig an: „Ich musste mühsam lernen, welcher Ton wozu gehört.“ Das war extrem erschöpfend.
Gerade bei Jugendlichen, die wie Erik schon länger taub waren, führt die plötzliche Umstellung auf das Hören auch zu enormen psychischen Belastungen. Sie wissen nicht mehr recht, in welche Welt sie gehören, zumal die CI- Technik unter Gehörlosen heftig umstritten ist. Vor allem die Verbände lehnen die Verbreitung der Implantate ab, weil sie befürchten, dass damit die Akzeptanz für ihre Behinderung schwindet. Setzt sich der Siegeszug des CI fort, werden nur wenige Gehörlose übrig bleiben, bei denen eine Implantation aus medizinischen Gründen unmöglich ist. Sie hätten es dann doppelt schwer, etwa die Verbreitung der Gebärdensprache zu erkämpfen. Marcel Karthäuser, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Schwerhörigenbundes, rät CI-Trägern aus einem ganz anderen Grund, Gebärdensprache zu lernen. Als Schwerhöriger weiß er aus eigener Erfahrung, wie erholsam es ist, nach einem langen Tag in der lauten Welt mit Gebärden zu kommunizieren.
PETER TRECHOW

Hören mit einem Cochlear-Implantat
So funktioniert die digitale Hörhilfe
Bei vielen Gehörlosen verweigert die Hörschnecke (lat. Cochlea) den Dienst, während der Hörnerv intakt ist. Eine funktionierende Schnecke wandelt die Schwingungen des Trommelfells in elektrische Impulse um, die der Hörnerv ans Gehirn weiterleitet. Im Großhirn werden die Informationen zur Hörwahrnehmung zusammengefügt. Ein Cochlear-Implantat ersetzt die Schnecke und reizt den Hörnerv direkt. Dafür wandelt ein tragbarer Sprachprozessor akustische Signale in elektrische Impulse und sendet sie drahtlos durch die Kopfhaut an eine in den Schädelknochen eingelassene Empfangsspule. Diese speist die Impulse in bis zu 22 Mikroelektroden ein, die bis auf eine Referenz-Elektrode direkt in die etwa 3 cm lange Schnecke eingeführt werden. Die Anordnung der Elektroden und verschieden starke Impulse an den Hörnerv lassen im Gehirn einen Höreindruck entstehen, der es sogar ermöglicht, zu telefonieren oder Musik zu hören. pt

CI so früh wie möglich
Möglichst keine Zeit verlieren
Grundsätzlich gilt beim CI: je kürzer die Hörstörung, desto besser das Ergebnis. Heute wird oft schon vor dem Spracherwerb implantiert, weil Kleinkinder mit CI gute Chancen haben, hören und sprechen zu lernen. In den ersten Lebensjahren kompensiert das Gehirn ausgedünnte akustische Informationen durch kognitive Leistungen. Deshalb ist es so wichtig, dass überhaupt Informationen im Gehirn ankommen – erst dadurch kann sich ein Sprachverständnis entwickeln. Doch auch mit CI bleiben die Kinder ein Leben lang hörgeschädigt! Übersteigerte Erwartungen der Eltern oder der Umwelt sind völlig verfehlt. pt

Von Peter Trechow
Von Peter Trechow

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