Medizintechnik 16.12.2005, 18:41 Uhr

Ein Ingenieur der Medizin praktiziert in Essen  

Für den amerikanischen Elektro-Ingenieur Mark E. Ladd ist das keine schlechte Wahl, denn der Professor für Biomedizinische Bildgebung an der Universität DuisburgEssen wird ab Januar 2006 ein interdisziplinäres Institut zur Erforschung der 7-Tesla Magnet-Resonanz-Technologie (MRT) leiten, das im ehemaligen Leitstand der Kokerei Zollverein eingerichtet wird.

Nach dem Jahrhundert der Elektrotechnik folgt jetzt das Jahrhundert der Biologie, ist sich Mark E. Ladd sicher. Und dabei werde die Medizintechnik eine „riesengroße“ Rolle spielen, denn wirklich jeder Mensch habe das konkrete Interesse, möglichst lange und gesund durch Leben zu gehen. „Die Frage ist für mich nur: Wer wird die Medizintechnik wirklich realisieren, welche Fachdisziplinen werden gefragt sein?“, erläutert der 37-Jährige. Im Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie am Universitätsklinikum Essen habe die gleichberechtigte Zusammenarbeit zwischen Medizinern, Ingenieuren und Physikern großen Erfolg gebracht, doch um die Potenziale der 7-Tesla-Technologie auszuschöpfen, müssten auch Vertreter der kognitiven Wissenschaften, wie Psychologen und Kommunikationswissenschaftler involviert sein.

Schließlich sei ein Ziel der Forschungsarbeit, herauszufinden, wie das menschliche Hirn funktioniert. „Aber wir brauchen auch Ingenieure, die grundlegende Technik bereitstellen sowie Molekularbiologen und Leute aus der Genetik“, berichtet Mark E. Ladd. Das Anfang nächsten Jahres startende Institut ist eine Kooperation zwischen dem Universitätsklinikum Essen und dem niederländischen F.C. Donders Centre. Die Wissenschaftler und Ärzte aus Nijmegen werden die 7-Tesla-MRT-Apparatur auf Zollverein nutzen, um ihre Forschung zum Verständnis von grundlegenden Hirnfunktionen weiterzuführen, die dazu beitragen soll, neue Therapien bei Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, Autismus und Dyslexie zu ermöglichen. „Vielleicht bin ich naiv, aber ich glaube immer noch, wir werden irgendwann den menschlichen Körper verstehen und die medizinischen Probleme lösen“, konstatiert Ladd, beeilt sich aber gleich hinterherzuschicken, dass er mit dieser Aussage eine lange zeitliche Perspektive verbindet. Den derzeit über die Medien verbreitete Optimismus über die aktuellen Fortschritte der Medizin teile er nämlich nicht. „Der Mensch ist unheimlich kompliziert und die Medizin hat im Moment noch viel Entwicklungspotenzial“, gerade deshalb sei die Integration verschiedener Fachbereiche in die medizinische Forschung und die internationale Kooperation von Wissenschaftlern so immens wichtig.

Voll des Lobes ist der Mann aus Michigan für die Teamarbeit zwischen Ärzten und Technikern im Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie. Dort sei früh erkannt worden, dass die sonst von den Medizinern üblicherweise geforderte hierarchische Struktur, in der die Techniker als untergeordnete Dienstleister betrachtet werden, kaum zu guten Resultaten führt. „Es ist ein Geben und Nehmen mit gegenseitigem Respekt“, beschreibt Mark E. Ladd die Situation. Neben den großen Projekten im Bereich der Magnet-Resonanz-Tomographie ergeben sich viele kleinere, von den Medizinern angeschobene „Aufträge“. „Das erfordert dann vielleicht eine kleinere Modifikation in einer Bildgebungssequenz oder die Medizinerkollegen brauchen eine spezielle Auswertung“, berichtet der Professor.

Ein Ingenieur mit einer Professur in einer medizinischen Fakultät: Das ist noch etwas gewöhnungsbedürftig, aber auch nichts Revolutionäres. Die Medizin hat eine lange Tradition, die Arbeit von Technikexperten zu nutzen, wobei zwischen Ingenieuren und Physikern nicht unterschieden wird und auch Elektrotechniker beispielsweise im alltäglichen Sprachgebrauch als Physiker gelten. Auch konnten Naturwissenschaftler, Ingenieure, aber auch Juristen sowie Geistes- und Sozialwissenschaftler eigentlich schon immer an den medizinischen Fakultäten zum Doctor rerum medicarum, Dr. rer. medic, promovieren. „Die Medizin ist auf jeden Fall darauf angewiesen, dass Naturwissenschaftler in ihrem Fachgebiet mitarbeiten“, erklärt Mark. E. Ladd mit unaufdringlichem Selbstbewusstsein und ohne eine Spur von professoralem Gehabe. Um die zukunftsträchtigen bildgebenden Technologien voranzubringen, hätte die Universität DuisburgEssen bei drohender Konkurrenz aus dem In- und Ausland seine Habilitation und später die Professur in kreativer Art und Weise möglich gemacht.

Zu viel Aufbauarbeit und wohl auch Leidenschaft hat der Amerikaner inzwischen investiert, als dass er in nächster Zukunft daran denken würde, den Angeboten zur beruflichen Neuorientierung intensive Aufmerksamkeit zu schenken. Erst einmal gilt es, das Institut auf Zollverein aufzubauen und zu etablieren. Nach sechs Jahren im Ruhrgebiet klingen seine Erfahrungsberichte über die Forschungs- und Förderlandschaft in NRW, BRD und EU so selbstverständlich, als wäre er an Rhein und Ruhr aufgewachsen. Bei der Frage nach etwaigen Mentalitätsunterschieden zwischen amerikanischen, deutschen und schweizerischen Ingenieuren, die er in seiner Züricher Zeit erlebte, formuliert Mark E. Ladd dann zunächst doch ein Plädoyer für das Modell der gestuften Studiengänge nach amerikanischem Vorbild und kann dabei seine primäre Sozialisation in den USA nicht verleugnen. Aber bestimmt nicht nur aus Höflichkeit konstatiert er ebenfalls, dass die weit reichende Kompetenz deutscher Ingenieure ihn oft beeindruckt – wenn er auch einschränkend hinzufügt, niemals in der deutschen Industrie gearbeitet zu haben.

Überraschend reizvoll seien Landschaft und das urbane Leben im Ruhrgebiet, dabei hatten ausgerechnet die deutschen Kollegen in Zürich nur den Kopf geschüttelt, als er 1999 ernsthaft über einen Wechsel nachdachte. Die sich seitdem rasant entwickelnde Forschungslandschaft an der Ruhr auf dem Gebiet der Medizintechnik mit diversen Instituten an den Hochschulen im Verbund mit anwendungsorientierten Unternehmen sei jedoch sehr hilfreich für die eigenen Vorhaben. Na ja, und der Baldeneysee sei zwar nicht mit dem Zürichsee zu vergleichen, aber auch ganz nett, bekundet Mark E. Ladd.

MANFRED BURAZEROVIC

Ein Beitrag von:

  • Dr. Manfred Bergheim

    Der Autor und Karriereexperte gibt in seinen Artikeln Tipps wie Ingenieure und Ingenieurinnen Ihre Karrierechancen richtig nutzen.

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