Medizintechnik 15.11.2002, 18:22 Uhr

Die Medizin boomt in Schwerin

Mecklenburg-Vorpommern ist ein strukturschwaches Bundesland mit einem verkrusteten Ruf. Die Landesmetropole Schwerin stemmt sich mit touristischen Reizen, Standortvorteilen und Fördermitteln dagegen. Zwischen mehreren norddeutschen Großstädten und ihren Kliniken gelegen, etabliert sich in Schwerin das Technologiezentrum für Medizintechnik.

Dreizehn Jahre nach dem Fall der Mauer kämpft Mecklenburg-Vorpommern immer noch gegen seinen Ruf an. Gegen den Ruf öder Orte, eigenwilliger Landbevölkerung und offener Fremdenfeindlichkeit.
Wie andernorts im gemütlichen „MeckPomm” setzt die Landesmetropole Schwerin einiges gegen dieses Bild. Hier im Landesinneren zitiert man zunächst gerne das „Umfeld, das durch seine Naturschönheiten bekannt ist und durch seine kulturellen Angebote besticht.” Touristische Reize allein reichen aber nicht, und so besinnen sich die Stadtväter auf andere Traditionen zurück: „Hier am ehemaligen Sitz der Fokkerwerke und in der Vaterstadt von Ludwig Bölkow wächst eine moderne Wirtschaftsstruktur, die inzwischen bis zu Spitzenprodukten innovativer Hightech-Unternehmen reicht.”
Wer die Werbung ausblendet und den Blick für die Wirklichkeit schärft, entdeckt den Fortschritt beispielsweise beim „Technologie- und Gewerbezentrum von Mecklenburg-Vorpommern”. Der Betreiber, der TGZ e.V., ist an drei Standorten in Schwerin, Wismar und Malchau präsent und schaut stolz auf die ersten Früchte seiner Arbeit zurück:
„Insgesamt sind 800 Arbeitsplätze in unseren Unternehmen entstanden. Mit den regionalen Dienstleistern ergibt dies eine Zahl von mehr als 1000 Arbeitsplätzen”, verkündete Rainer Beckmann, Vorstandsvorsitzender des TGZ e.V., kürzlich zum zehnjährigen Gründungsjubiläum.
Damit erfüllt er die verständlicherweise dringlichste Forderung des langjährigen Wirtschaftsdezernenten und jetzigen Oberbürgermeisters Norbert Claussen: „Arbeitsplätze, Arbeitsplätze, Arbeitsplätze.”
Diese werden insbesondere durch Firmenexpansionen oder Ausgründungen von Universitätsprojekten geschaffen. Die Firmengründer werden bei ihren ersten Schritten in die Selbstständigkeit vom TGZ rundum betreut. Der Betreiber hilft nicht nur bei Konzept und Marketing, sondern vermittelt auch Fachberater und Branchenkontakte und macht auch noch Fördermittel locker. Mit diesem Angebot konnten einige Betriebe aus der Medizintechnik gewonnen werden. Das Paradebeispiel ist die Firma Andreas Pein Medizintechnik GmbH. Firmengründer Andreas Pein hat ein gutes Händchen für Erfindungen wie z. B. sein Wasserstrahl-Schneidesystem „Helix Hydro-Jet.” Kein Wunder, der gebürtige Lübecker ging mit Fachhochschulreife in eine Lehre als Kfz-Mechaniker, studierte Maschinentechnik an der staatlichen Technikerschule und leitete lange Zeit die Versuchswerkstatt am Medizinischen Laserzentrum Lübeck. Hier lernte er die Nachteile der Lasertechnologie kennen und wandte sich fortan einem anderen Verfahren zu.
„Der Wasserstrahl ist intelligenter als der Laser”, behauptet Pein heute. Dabei verschweigt er, dass er dem Erfolg von Wasserstrahl-Schnitten gehörig nachgeholfen hat. Das Verfahren hatten sich einige Mediziner aus der Industrie und Landwirtschaft abgeschaut, wo etwa gebündeltes Wasser unter Hochdruck verschiedene Materialien wie Stahl fein zerschneidet oder unterschiedliche Schichten sauber trennt.
Die Chirurgen suchten eine Alternative zu Skalpell, Laser, Hochfrequenz- und Vereisungsinstrumenten, um erkranktes Gewebe schonend zu entfernen. Der Laser verdampft dabei schon mal Blutgefäße, zerstört Nervenbahnen und bewirkt sogar Lähmungen. Bei der Operation mit einem wasserbetriebenen Jet-Cutting-System treten hingegen geringere Blutungen, weniger Schmerzen und damit kürzere Liegezeiten auf. Dennoch hatte der Wasserstrahl bisher einen störenden Nachteil: Der Chirurg fühlte sich mehr als Bademeister, wenn das Wasser auf harte Strukturen von Körpergewebe traf und dann gewaltig hoch spritzte. Diesen Nachteil beseitigte Pein wie auch das Operieren mit zu starkem Wasserdruck. Sein „Helix Hydro-Jet” arbeitet mit einem konstanten Druck von bis zu 0,5 bar.
„Das Gerät steuert das Schneidmedium bis 15 mpa bei einer Produktionsgenauigkeit von 0,03 %. Der Druck wird nicht wie bei anderen Wasserschneidanlagen dynamisch, sondern statisch erzeugt. Das sehr kohärente-achsiale Strahlenprofil erreicht nach dem Austritt aus der Düse einen hohen Wirkungsgrad und eine gute Sicht auf das Operationsfeld”, beschreibt Pein sein Produkt. Das Drucksystem bündelt die Wasserstrahlen bohrerförmig und beruht auf einer Softwarelösung.
Die Pein Medizintechnik will nun jährlich 150 bis 200 der 45 000 ` teuren Systeme über eine beauftragte Vertriebsfirma absetzen. Pein fürchtet die ausländische Konkurrenz kaum und sieht sich bereits als Weltmarktführer bei Wasserstrahl-Skalpellen. Dieser Erfolg wurde auch möglich durch die „guten Fördermittel und die sehr konstruktive Zusammenarbeit mit dem Land Mecklenburg-Vorpommern”, sagt Pein. Seine Ingenieure und Techniker arbeiten eng mit den umliegenden Universitätskliniken Lübeck, Rostock und Greifswald zusammen.
„Das ist ein ganz schöner Durchlauferhitzer”, beschreibt Geschäftsführer Pein die exponierte Stellung seiner Firma. Wenn Pein außerdem von der „gewissen Kompetenz der Region” spricht, meint er auch andere Anrainer aus der Medizintechnik. Die MRI Devices Daum GmbH etwa gehört zu den Preisträgern des „Innovationswettbewerbs Medizintechnik”, bei dem das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) nur wenige, lohnenswerte Produktideen auszeichnet. Der Schweriner Preisträger entwickelte einen fernsteuerbaren Träger für Biopsienadeln, der äußerst präzise Gewebeproben und Punktionen an der Prostatadrüse erlaubt. MRI Devices Daum konstruierte in Zusammenarbeit mit der berühmten Berliner Charité aber auch einen titanhaltigen Bohrer, der Knochenteile vorsichtig entnimmt.
Im Bereich der so genannten „Minimal Invase Chirurgie” agiert auch die U.R.S. Universal Robot Systems Holding GmbH. Sie entwickelt, produziert und vertreibt vor allem Robotersysteme für die Neurochirurgie und Orthopädie. Die rechnerunterstützten Geräte leisten präzise Arbeit bei Operationen am Kopf sowie an Hüften, Knien und Kreuzbändern.
Die genannten Beispiele sprechen für den Medizintechnik-Standort Schwerin. Oder anders gesprochen: „Operation TGZ gelungen!”
  ARND WESTERDORF

Ein Beitrag von:

  • Arnd Westerdorf

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