Medizintechnik 16.03.2007, 19:26 Uhr

Chirurg gewinnt gegen Robodoc  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 16. 3. 07, cha – „Medizintechnik – mehr als Apparatemedizin“ war das Thema der diesjährigen technikhistorischen Tagung des VDI in Düsseldorf. Es ging um die zentrale Frage, welche Rolle menschliches Befinden in einer hochtechnisierten medizinischen Umwelt spielt.

Es hat immer zwei Lager unter den Ärzten gegeben. Die einen nahmen den ganzen Mensch in den Blick und waren oft skeptisch gegenüber technischen Mitteln – sogar das Fieberthermometer hatte es anfangs schwer. Die anderen griffen jeden technischen Fortschritt sofort auf und setzten ihn in die Praxis um – und mussten sich anhören, sie hätten den Menschen als Ganzes aus dem Blick verloren.

Vor allem in den letzten Jahrzehnten hat sich der Einsatz von Technik in der Medizin enorm beschleunigt. Die Tagung hatte deshalb auch in diesem Zeitraum ihren Schwerpunkt. Als Frage tauchte immer wieder auf, wie das jeweils herrschende Menschenbild sich auf die Medizintechnik auswirkte. Im industriellen Zeitalter entstand die Vorstellung, der menschliche Körper sei eine Art Maschine und entsprechend zu reparieren. Mit dem Aufkommen der Kybernetik interpretierten Mediziner den Prozess zwischen Arzt und Patient als einen kybernetischen Kreislauf, in dem der Patient als Input fungiert, der Arzt seine Therapie als Steuerbefehl abgibt. Auch der menschliche Körper wurde begriffen als kybernetische Biomaschine.

Besonders schönes Beispiel: Mit dem Aufkommen numerisch-gesteuerter Werkzeugmaschinen hielt in vielen Krankenhäusern der Robodoc Einzug. Der operierende Roboter sollte präziser als jeder Chirurg Hüftgelenke einpassen – ein Irrtum, wie sich herausstellte. Der Einsatz von Robodocs ist stark zurückgegangen, die Komplikationen sind größer als angenommen. „Die Roboterrevolution im Operationssaal hat bisher nicht stattgefunden“, so Catarina Caetano da Rosa von der RWTH Aachen.

Ohne Computer ist ärztliche Tätigkeit in Krankenhäusern und Praxen nicht mehr denkbar. Eingesetzt wurde Medizininformatik zunächst zur Verbesserung der Arbeitsabläufe in der Klinik. Am vorläufigen Endpunkt dieser Entwicklung steht heute die Gesundheitskarte auf der Tagesordnung. Sie baut auf einer Telematik-Struktur auf, in der alle Institutionen des Gesundheitswesens, Ärzte, Kliniken, Labors und Apotheken vernetzt sind. Viele Ärzte lehnen sie übrigens ab.

Auch im direkten ärztlichen Einsatz zeigte sich die Informatik bald unentbehrlich. So schilderte Rudolf Seising von der Medizinischen Universität Wien die ersten Versuche von Ärzten, Ende der sechziger Jahre Lochkartencomputer in der Praxis einzusetzen. Bis zu 80 Lochkartenpositionen sollten Patienten ausfüllen, der Computer daraus Art und Anzahl der Medikamente errechnen. Gedacht wurde nach dem Motto: Ärzte können Fehler machen, Computer nicht. Manche Visionäre sahen damals schon Ende des 20. Jahrhunderts den Arzt durch den biotechnischen Ingenieur abgelöst.

Umwälzende Wirkungen in der Medizin haben heute bildgebende Verfahren. Von den schwarz-weißen Röntgenbildern bis zu den bunten Bildern aus der Kernspintomographie ist ein weiter Weg zurückgelegt worden. Martina Blum vom Münchner Zentrum für Wissenschafts- und Technikgeschichte sprach von der „Dominanz der visuellen Sachverhalte und der instrumentengestützten ärztlichen Wahrnehmung“. Die technischen Bilder sind freilich keine Abbilder, sondern visualisierte Rechenmodelle. Und sie bieten, darauf machte der Nürnberger Medizinhistoriker Florian Steger aufmerksam, auch nur Teilansichten, liefern nur ein zergliedertes Bild des Patienten.

Steger sieht als kritisches Korrektiv und als Ausweg aus diesen Spezialisierungen verbesserte Kommunikation zwischen den ärztlichen Disziplinen, zwischen Technik und Medizin und zwischen Arzt und Patient. Ob die Informationstechnologien am Ende die Medizin insgesamt zu einem ganzheitlichen Denken zurückführen können, hinterließ die Tagung als offene Frage.

Das galt auch für die Frage, woher eigentlich der Innovationsdruck kommt. Manchmal spielen Zufall und Forscherehrgeiz eine zentrale Rolle, so bei der Entdeckung des Medikaments Cyclosporin, das Transplantationen ermöglichte, weil es die Immunabwehr unterdrückte. Manchmal kommt der Druck unmittelbar aus der Industrie wie im Fall Robodoc. Nach Ansicht von Prof. Kaiser lässt sich ein Paradigmenwechsel beobachten. Lange Zeit seien technische Lösungen von ungelösten medizinischen Problemen angeregt worden. Inzwischen hätten sich die Ärzte das Heft weitgehend von der Industrie aus der Hand nehmen lassen und praktizierten „nur noch klinische Erprobung für die Industrie“.

FRITZ WOLF

Bildgebende Verfahren auf dem Vormarsch

  • Fritz Wolf

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