BioNTech vor radikalem Umbau: Werksschließungen, Jobverlust und schwere Vorwürfe
BioNTech plant Werksschließungen und streicht bis zu 1.860 Jobs. Standorte in Marburg und Tübingen betroffen – Kritik, Milliardenverlust und neue Strategie im Überblick.
BioNTech baut massiv um und schließt mehrere Standorte – tausende Arbeitsplätze stehen auf der Kippe.
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Beim Mainzer Biotech-Unternehmen kommt es zu einem größeren Umbau: BioNTech plant, mehrere Standorte zu schließen – darunter auch Einrichtungen des übernommenen Konkurrenten CureVac.
Inhaltsverzeichnis
- Einschnitte in Marburg: Rund 540 Jobs betroffen bei BioNTech
- Ein Sozialplan ist vorgesehen
- Kritik von Betriebsräten und Gewerkschaft an BioNTech-Plänen
- Schwere Vorwürfe nach Übernahme: Ingmar Hoerr kritisiert BioNTech
- Darum verlassen BioNTech-Gründer das Unternehmen
- Neues mRNA-Unternehmen: Ziele, Rechte und Übergang
- Aufsichtsratschef Jeggle lobt Gründer und betont strategische Chancen
- Technologie-Transfer und Kooperationen
- Historie und Erfolge der Gründer
- Fokus auf Krebsmedikamente
Betroffen sind laut Unternehmen rund 820 ehemalige Curevac-Beschäftigte. Besonders einschneidend ist die geplante Schließung des Standorts in Tübingen, dem früheren Hauptsitz von Curevac, bis Ende 2027.
Als Gründe nennt das Management eine zu geringe Auslastung, Überkapazitäten und den Druck, Kosten zu senken. Neben den früheren Curevac-Standorten stehen auch Produktionsstätten von BioNTech in Idar-Oberstein, Marburg und Singapur auf der Liste. Insgesamt könnten bis zu 1860 Arbeitsplätze wegfallen.
„BioNTech plant, die Produktionsstandorte in Idar-Oberstein, Marburg und Singapur sowie an den Standorten von CureVac zu schließen, wovon insgesamt bis zu rund 1860 Stellen betroffen sein könnten. Die Schließung der Standorte in Idar-Oberstein, Marburg und Tübingen ist bis Ende 2027 geplant, während der Betrieb in Singapur voraussichtlich im ersten Quartal 2027 eingestellt wird. Für jeden Produktionsstandort lotet BioNTech Veräußerungsoptionen aus, einschließlich eines teilweisen oder vollständigen Verkaufs“, steht es in der Pressemitteilung.
Hintergrund sind finanzielle Belastungen: 2025 verzeichnete BioNTech wegen hoher Entwicklungskosten einen Milliardenverlust, und auch Anfang 2026 schrieb das Unternehmen weiter rote Zahlen. Langfristig rechnet die Führung jedoch mit Einsparungen von bis zu 500 Millionen Euro jährlich ab 2029. Dieses Geld soll gezielt in die Entwicklung und Markteinführung neuer Krebsmedikamente fließen.
Einschnitte in Marburg: Rund 540 Jobs betroffen bei BioNTech
Die geplante Schließung mehrerer Produktionsstandorte trifft auch den Standort in Marburg hart: Etwa 540 Arbeitsplätze sollen wegfallen. Laut Unternehmen soll der Stellenabbau möglichst sozialverträglich erfolgen.
Als Gründe nennt BioNTech eine zu geringe Auslastung, Überkapazitäten und den Druck, Kosten zu senken.
Das Werk in Marburg wurde 2021 während der Corona-Pandemie aufgebaut und produzierte den Covid-19-Impfstoff, mit dem das Unternehmen große Einnahmen erzielte. Noch in diesem Jahr soll dort die letzte Charge hergestellt werden, anschließend ist der Rückbau geplant. Parallel prüft BioNTech auch einen möglichen Verkauf des Standorts.
Ein Sozialplan ist vorgesehen
Der Stellenabbau bei BioNTech soll durch einen Sozialplan und ein spezielles Unterstützungsprogramm abgefedert werden. Zudem haben betroffene Beschäftigte die Möglichkeit, sich auf andere offene Stellen im Unternehmen zu bewerben.
Das Werk auf dem Gelände der Behringwerke hatte BioNTech einst vom Schweizer Pharmakonzern Novartis übernommen und anschließend Millionen investiert.
Für die Region bleibt die Lage angespannt: Auch CSL plant, seine Forschung und Entwicklung in Marburg einzustellen und die Produktion zu verkleinern.
Kritik von Betriebsräten und Gewerkschaft an BioNTech-Plänen
Wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet, stoßen die angekündigten Werksschließungen auf deutliche Kritik. Die Betriebsräte der betroffenen Standorte bezeichneten die Pläne als inakzeptabel und verantwortungslos. Zugleich kündigten die Arbeitnehmervertreter Widerstand aus der Belegschaft an. Hoffnung setzen sie darauf, dass eine Stilllegung durch den Verkauf der Werke an Investoren noch verhindert werden kann.
Die Gewerkschaft IG BCE hat die Pläne als gesellschaftlich unverantwortlich und als direkten Angriff auf die Beschäftigten bezeichnet.
„Im Konzern haben offenbar endgültig die Rechenschieber das Regiment übernommen“, sagte Roland Strasser. Nach seinen Worten werde aus kurzfristigem finanziellen Kalkül massiv Produktionskapazität abgebaut, was die Stabilität des Pharma- und Biotech-Standorts Deutschland schwäche.
Auch die Situation für die Beschäftigten von CureVac in Tübingen sei laut Gewerkschaft sehr belastend. Catharina Clay, Landesbezirksleiterin der IG BCE in Baden-Württemberg, erklärte, Curevac sei bereits in den vergangenen Jahren durch mehrere Personalabbauprogramme stark geschwächt worden. Der Kauf durch BioNTech wirke vor diesem Hintergrund wie ein Schritt, um Patentstreitigkeiten zu beenden – allerdings zulasten der Beschäftigten.
Schwere Vorwürfe nach Übernahme: Ingmar Hoerr kritisiert BioNTech
Nach der Übernahme des Biotech-Unternehmens CureVac erhebt Gründer Ingmar Hoerr schwere Vorwürfe gegen BioNTech. Auslöser sind die Pläne, den Standort in Tübingen kurz nach der Übernahme zu schließen.
„Ich finde es total unlauter. Das ist fast schon Trickserei meiner Meinung nach, weil wir alle im guten Glauben gehandelt haben, dass die Übernahme im Sinne von Curevac sei und dadurch ein gemeinsames, starkes Unternehmen wird“, sagte Hoerr der Deutschen Presse-Agentur.
Hoerr geht noch weiter und stellt die gesamte Übernahme infrage: „Und das wurde jetzt über den Haufen geschmissen. Dadurch sind alle nachweislich getäuscht worden. Die Übernahme hätte nie erfolgen dürfen.“
Zudem äußert er einen konkreten Verdacht: BioNTech könnte mit dem Vorgehen versuchen, Patentstreitigkeiten mit CureVac zu umgehen. „Die Investoren haben sich mit Versprechungen einlullen lassen. Das könnte Biontechs Strategie von Anfang an gewesen sein.“
Darum verlassen BioNTech-Gründer das Unternehmen
Die Gründer des Mainzer Biotech-Unternehmens BioNTech wollen BioNTech verlassen und ein neues Biotech-Projekt starten. Spätestens Ende 2026 endet ihre operative Rolle, dann laufen ihre aktuellen Verträge aus, wie das Unternehmen aus Mainz mitteilte.
Geplant ist die Gründung einer neuen Firma, die sich auf Medikamente auf Basis der mRNA-Technologie konzentriert – genau auf jenes Forschungsfeld, das Sahin und Türeci berühmt gemacht hat.
Neues mRNA-Unternehmen: Ziele, Rechte und Übergang
„Das neue Unternehmen soll über entsprechende Ressourcen, Geschäftstätigkeiten und Finanzierungsoptionen verfügen, um mRNA-Innovationen der nächsten Generation zu entwickeln. BioNTech plant, entsprechende Rechte und mRNA-Technologien in das neue Unternehmen einzubringen, um eine priorisierte Entwicklung von mRNA-Innovationen der nächsten Generation mit disruptivem Potenzial zu ermöglichen und zu unterstützen“, heißt es in der Pressemitteilung des Unternehmens.
Der Aufsichtsrat von BioNTech hat bereits mit der Suche nach geeigneten Nachfolgerinnen und Nachfolgern begonnen, um einen reibungslosen Übergang und die Umsetzung der Unternehmensstrategie zu sichern. Vollständig trennen werden sich die Gründer jedoch nicht: Als Aktionäre bleiben sie beteiligt und halten derzeit rund 15 Prozent der Anteile.
Der Schritt erfolgt in einer Phase, in der BioNTech wirtschaftlich unter Druck steht: Für 2025 meldete das Unternehmen einen Verlust in Milliardenhöhe.
„In den vergangenen 18 Jahren haben wir BioNTech von einem Start-up zu einem globalen biopharmazeutischen Unternehmen mit einer starken und diversifizierten Pipeline aufgebaut. Während der COVID-19-Pandemie haben wir unser Engagement über die Onkologie hinaus erweitert und den ersten zugelassenen mRNA-Impfstoff entwickelt, der zum Schutz von Menschen weltweit beigetragen hat“, sagte Prof. Dr. Ugur Sahin, CEO und Mitgründer von BioNTech.
Heute sei das Unternehmen sehr gut aufgestellt, seine Mission weiter voranzutreiben und sich zu einem kommerziellen Biopharma-Unternehmen mit mehreren zugelassenen Produkten zu etablieren. „Für uns ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die Übergabe des Staffelstabs vorzubereiten“, erklärte Sahin.
Aufsichtsratschef Jeggle lobt Gründer und betont strategische Chancen
Helmut Jeggle, Vorsitzender des Aufsichtsrats von BioNTech, sagte: „Ugur und Özlem haben im Laufe ihrer Karriere immer wieder ihre außergewöhnliche Innovationskraft unter Beweis gestellt. Während BioNTech mehrere Produktkandidaten in der späten klinischen Phase in Richtung Kommerzialisierung vorantreibt, unterstützen wir ihre Entscheidung, die Chance zu ergreifen, ihre Stärken und volle Aufmerksamkeit einem neuen Unternehmen zu widmen, um das volle Potenzial von mRNA-basierten Technologien auszuschöpfen.“
Zugleich betonte er, dass dieser Plan sowohl für BioNTech als auch für das neue Unternehmen großen Mehrwert schaffen könne. Beide Organisationen hätten so die Chance, weiterhin wichtige Beiträge für Patientinnen und Patienten zu leisten. Außerdem freue man sich auf mögliche Kooperationen, etwa bei Kombinationstherapien.
Technologie-Transfer und Kooperationen
BioNTech plant, bestimmte Rechte und mRNA-Technologien in das neue Unternehmen zu übertragen. Im Gegenzug erhält BioNTech eine Minderheitsbeteiligung sowie Lizenzgebühren. Zudem sind Meilensteinzahlungen vorgesehen, die bei Erreichen festgelegter Entwicklungsschritte fällig werden. Eine verbindliche Vereinbarung wird bis Ende des ersten Halbjahres 2026 erwartet.
Historie und Erfolge der Gründer
Sahin und Türeci hatten BioNTech 2008 gegründet, ursprünglich für mRNA-basierte Krebstherapien. Während der Corona-Pandemie verlagerte das Unternehmen alle Ressourcen auf die Entwicklung des Covid-19-Impfstoffs – mit Erfolg. Zusammen mit dem US-Partner Pfizer erhielt BioNTech als erstes Unternehmen die Zulassung für einen mRNA-Covid-19-Impfstoff.
Nach dem Impfstoff-Erfolg erzielte BioNTech Milliardenumsätze. Die Gründer wurden vielfach ausgezeichnet: 2021 erhielten sie das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, 2022 folgte der Paul-Ehrlich- und Ludwig-Darmstaedter-Preis gemeinsam mit Katalin Karikó
Fokus auf Krebsmedikamente
Heute konzentriert sich BioNTech wieder verstärkt auf mRNA-Therapien gegen Krebs und andere Krankheiten. Der Corona-Impfstoff bleibt das einzige regelmäßig weiterentwickelte Produkt. Mehrere späte klinische Studien in der Onkologie sollen bis 2030 zu Zulassungsanträgen führen.
Die Forschung ist kostenintensiv: 2025 meldete BioNTech einen Nettoverlust von 1,12 Milliarden Euro, der Umsatz stieg leicht auf 2,87 Milliarden Euro. Für 2026 werden Erlöse zwischen 2,0 und 2,3 Milliarden Euro erwartet, die geplante F&E-Kosten von 2,2 bis 2,5 Milliarden Euro weitgehend decken sollen.
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