Medien 16.06.2000, 17:25 Uhr

Zirkulierender „Sondermüll der Berieselung“

Bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik erläuterten zeitgenössische Komponisten ihre Ziele. Sie wollen mit neuen Klängen und Geräuschen den Bildungungsbürger vom reinen Musikkonsum aufschrecken und den „akustischen Sondermüll Musikberieselung“ bekämpfen.

Moderne Musik, bei deren Ausübung Technik eine immer bedeutendere Rolle spielt, kommt heute nur noch in kleinen Zirkeln zu Gehör. Jetzt wollen die der Geräusch-Ästhetik verschriebenen Neutöner aus ihrem Ghetto und melden sich zu Wort. Bei den kürzlich veranstalteten Wittener Tagen für neue Kammermusik schilderten sie ihr Anliegen: Man wolle den „Konsumenten Klassischer Musik“ zu mehr Kreativität ermuntern, aber vor allem eine Gegenwelt schaffen zur Klangkulisse ständiger Musikberieselung in Kaufhäusern und Kneipen.
Fällt heute in Deutschland der Begriff „Moderne Musik“, dann besteht die Gefahr, dass ein Großteil der Bevölkerung aneinander vorbei redet. Junge Leute etwa verstehen hierunter Unterhaltungsmusik, was schlicht falsch ist. Anhänger der Klassischen Musik kennen sich da etwas besser aus. Da sie diese Art von Tonkunst früher quasi unfreiwillig im Rahmen etlicher Symphoniekonzerte serviert bekamen, wissen sie, dass es sich hier um die schwer verständliche, bei Hörern und Berufsmusikern wenig geschätzte Dissonanz-Musik handelt.
Wie in vielen Bereichen unserer Gesellschaft driften also auch in der Musik die Interessen und Bedürfnisse der Menschen immer mehr auseinander. Während sich das Gros der Bevölkerung mit Berieselungsmusik einfachster Klangkombinationen, Melodien und Rhythmen zufrieden gibt, ein etwas kleinerer Teil – meist Jugend – härtere, aber nur geringfügig anspruchsvollere Klänge und Rhythmen bevorzugt, interessiert sich eine Minderheit für Jazz und Klassische Musik, auch Ernste Musik genannt, deren Spektrum von der Barockzeit bis zur Spätromantik reicht. Der auffälligste Unterschied zwischen Unterhaltungsmusik und Ernster Musik: die vielseitigere und kompliziertere Klang- und Rhythmusgestaltung der letztgenannten Gattung, woraus allerdings ein entsprechend höherer Aneignungsaufwand resultiert, der in einer Zeit der Reizüberflutung viele abschreckt. Noch mehr gilt das für die Neue Musik, der sich mittlerweile nur noch eine verschwindend kleine Gruppe Interessierter widmet. Die von Dissonanzen und Geräuschen geprägte Klangwelt der Neuen Musik wurzelt im 20. Jahrhundert und nutzt seit den 60er Jahren neben traditionellen Instrumenten vermehrt technische Gerätschaft. Die Neutöner wollen aber nicht – was die Techno-Musik anstrebt – Wirkungen erzeugen, sondern jenseits traditioneller Tonalität eine neue Hörästhetik ausloten.
Jede dieser Richtungen – ob Unterhaltungs- Rock- und Popmusik, Ernste und Neue Musik – strebt ein ganz spezifisches Ziel an: Die berieselnde Unterhaltungsmusik will entspannen und – so die Neutönen – „einlullen“. Die Rockmusik stand einst für Protest, bietet jetzt aber eher ein Forum für Imponiergehabe und Abreaktion überschüssiger Kräfte. Die Klassische Musik möchte und kann erbauen, trösten und zur Selbstfindung verhelfen, und die Neue Musik will alte Hörgewohnheiten in Frage stellen und beweisen, der Mensch könne sich auch an Geräuschen erfreuen.

Beschallung „zum Zwecke höherer Konsumbereitschaft“

Ein Problem bei dieser Vielfalt: Aufgrund von Hörgewohnheiten verharrt der Mensch auf seinem einmal eingeschlagenen Weg. Und der Hörfunk mit seinen unterschiedlichen Sparten unterstützt ihn dabei, da er für alle Zielgruppen etwas Passendes bereit hält. Bald weiß der eine Musikkonsument überhaupt nicht mehr, worüber der andere redet. Zeitgenössische Komponisten halten längst nicht mehr hinter dem Berg mit ihrer Meinung, dass ihr Wirken frontal gegen den „zirkulierenden akustischen Sondermüll“ gerichtet sei. Gefälliger Wohlklang, Berieselung und Ablenkung ist denn auch ihre Sache nicht, aber dafür die Erschließung neuer und unverwechselbarer Klangwelten. Gezielter Technikeinsatz wird dabei immer mehr zu einem tragenden Element.
Witten an der Ruhr war Anfang Mai der Pilgerort für die Liebhaber avantgardistischer Tonkunst („Wittener Tage für neue Kammermusik“). Die Charakterisierung „Neue Musik“ greift da möglicherweise gar zu kurz, wenn „Klanginstallationen“ ertönen und wenn Peter Ablinger, Jens Brand, Christina Kubisch und Andreas Oldörp eine Brücke zwischen Akustik und Optik schlagen. Andreas Oldörp etwa installierte im Park das „Wittener Aggregat“: fünf Klangquellen, meterhohe Metallstäbe, die wie Orgelpfeifen einzelne Töne erzeugen, scheinen aus dem Boden zu wachsen.
Klang wird bei Oldörp zur Skulptur, und beim Gang durch den Park wird der Hörer zum Mit-Komponisten, während er den Zwischentönen experimenteller Installation lauscht. Das Prinzip dislokal-akustischer Musik liegt dem Werk „Motoren, Styropor & Schellen“ des Dortmunder Künstlers Jens Brand zugrunde, herrührend von auf zwei Ebenen computergesteuerten Getriebemotoren. Brand gibt sich sybillinisch: „Das Betrachten des Klangkörpers hat das Betrachten des eigenen Körpers zur Voraussetzung.“ Sinnigerweise sind die Motoren über Garderobenspiegeln positioniert.
Der Pulsschlag der Neuzeit ist in der Tat technischer Natur, und die uns umgebende Geräuschkulisse ist zu einem Großteil vom Menschen gemacht. Stille bleibt die Ausnahme, und Zwischentöne werden im Lärm zermahlen. Bleibt der musische Mensch damit auf der Strecke, kann er sich beim Teilhaben am Musikleben nur noch in die vertraute Klassik flüchten, auf neue Zeiten hoffen, oder bleibt ihm – nach Auffassung der Neutöner die schlimmste aller Varianten – allenfalls noch das „gefällige Mediengedudel der Gebrauchsmusik“? Doch der Trend zur Berieselung, zur funktionalen Musik ist nicht aufzuhalten. So bespielt der Konzern MUSAC unentrinnbar Kaufhäuser und Bars, beschallt sogar Kühe, damit sie bessere Milch geben. Mit dem empfindsam-kunstsinnigen Hören habe das Wahrnehmen dieser unterschwellig-berieselnden Klänge fast gar nichts mehr zu tun, urteilen Musikpsychologen, aber alles mit Beeinflussung, kritisieren Neutöner. Desensibilisierung im großen Stil statt Sensibilisierung laufe da ab.
Eine Initiative hat gegensteuernd die Probe aufs Exempel gemacht. Im Museum Insel Hombroich bei Neuss wurde auf der ehemaligen Raketenstation eine Musikreihe gegründet, die Komponisten, Interpreten („Quartett Avance“) und Zuhörer interagierend zusammengespannt hat. „Ohne Pädagogik wird gezeigt, wie man ein offenes Ohr bekommt,“ berichtet Komponist Christoph Staude von ausgefallenen Klängen, die man in Abonnementkonzerten „nie zu hören bekommt“.

„Reaktion gegen das, was akustisch sowieso geschieht“

Donaueschingen ist eine weitere Chiffre für die Adaptation neuer Musik. Mit den Tücken der Technik wurde kürzlich auf den dreizehnten Tagen für Neue Musik in Weingarten bei Ravensburg gekämpft. Glasplatten, -röhren, -glocken, Glastuten, -ratschen, -trommeln, Wein-, Schnaps- und Einmachgläser bis hin zu Murmelbahn und Scherbenspiel wurden hier aufgeboten. „Bis Glas in Stimmung kommt“, sagt Komponistin Adriana Hölsky, „das dauert“.
Christoph Staude bricht eine Lanze für solche musikalische Experimentierfreude. Musik, wie er sie versteht, müsse eine Reaktion bilden gegen das, was akustisch sowieso geschehe. Dafür stehen beispielsweise die Kompositionen von Herbert Lachenmann, speziell ein Stück für zwei Geigen. Das ist so leise bis an der Grenze des Wahrnehmbaren, dass man ganz genau hinhören muss, wenn man überhaupt etwas mitbekommen will.
So wird der Konzertbesucher faktisch zum Zuhören und zum Betreten neuer Klangwelten gezwungen. Der musikalische Technikeinsatz auf der Theaterbühne, die steuernde Klangregie müssen sich vor solcherlei geschulten Ohren erst einmal bewähren. Staude: „Wenn der Berg kreißt, und es kommt ein Mäuslein wie beim Musical heraus, dann ist das unverhältnismäßig.“ Technik, mahnen andere, dürfe in der Musik nie Selbstzweck, sondern immer nur Mittel zum bestimmten Zweck sein.
Welcher Zweck beabsichtigt ist, verdeutlichte Komponist Georges Aperghis in Witten ganz drastisch: „Die Zuhörer sollen während der Aufführung so kreativ wie möglich sein. Das ist wichtig, weil sonst in der Regel das Gegenteil bezweckt wird.“ Im konventionellen Musikbetrieb würde das Publikum „wie eine Herde Schafe behandelt“.
Derlei Überheblichkeit begegnen etliche Konzertbesucher mit dem Verweis auf den nicht unbeträchtlichen inneren kreativen Prozess, der sich einstellt etwa beim Erklingen einer Bruckner- oder Mahler-Symphonie oder gar bei der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach, dessen 250. Todestag jetzt begangen wird. Friedrich Nietzsche rief einst nach dem Besuch einer „Carmen“-Vorstellung in Turin aus: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum!“ Dabei galt der Komponist der Oper – George Bizet – damals alles andere als ein Avantgardist.
Bei heutigen Neutönern ist Fortschritt jedoch Vorschrift. Da ist man auch bereit, gegen Windflügel anzukämpfen.“Auf das Hören hören“, nennt Christoph Staude das Anliegen seiner Zunft. „Lieber Don Quichotte als ein Messias“ will er sein, wenn es um die Weiterentwicklung ernst zu nehmender Musik geht. KLAUS NIEHÖRSTER/ ELMAR WALLERANG
Schulende Wahrnehmung von Tönen: Bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik sollte nicht zuletzt das „richtige Hören“ gelernt werden.
Wind macht die Musik: Der einzelne Ton einer einzigen Orgelpfeife zwingt zur Bescheidenheit.

Von Klaus Niehörster/Elmar Wallerang

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