Mehr Frauen, weniger PR 25.11.2013, 12:36 Uhr

Wikipedia auf der Suche nach neuen Autoren und mehr Qualität

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia gehört zu den am häufigsten aufgerufenen Seiten im Internet. Aktuell mangelt es dem Nachlagewerk aber an Autoren. Die Qualität der Artikel nimmt ab, der Frust der freiwilligen Autoren nimmt zu. Auf der Konferenz „WikiCon“ in Karlsruhe berieten die Wikipedianer jetzt über die Zukunft ihres Projektes.

Autoren der Online-Enzyklopädie Wikipedia diskutierten drei Tage lang im Karlsruher Institut für Technologie (KIT) in Karlsruhe über die Qualität der Artikel. Derzeit gehen der Plattform die Autoren aus.

Autoren der Online-Enzyklopädie Wikipedia diskutierten drei Tage lang im Karlsruher Institut für Technologie (KIT) in Karlsruhe über die Qualität der Artikel. Derzeit gehen der Plattform die Autoren aus.

Foto: Uli Deck/dpa

Wikipedia hat weiterhin ansteigende Besucherzahlen im Millionenbereich aufzuweisen, schwächelt allerdings bei den freiwilligen Autoren: Die Zahl der aktiven Schreiber und Bearbeiter von Artikeln ist nach einer Untersuchung des MIT zur englischsprachigen Ausgabe seit 2007 um ein Drittel zurückgegangen.

Die Qualität leidet durch den Autorenschwund

Auf der Konferenz der deutschsprachigen Wikipedia-Autoren „WikiCon“ mit Vorträgen, Workshops und Podiumsdiskussionen rund um freies Wissen weist einer der Referenten nach, dass auch die Qualität der Artikel in der freien Enzyklopädie gemessen am eigenen Maßstab der Zahl „exzellenter Artikel“ in der deutschsprachigen Ausgabe zurückgeht: Die meisten der so ausgezeichneten Artikel wurden schon 2004 erstellt, nämlich mehr als 450 davon. Im aktuellen Jahr 2013 erhielten bis jetzt nur sechs Beiträge diese besondere Auszeichnung.

Für viele dieser Freiwilligen ist das Schreiben eines Wikipedia-Artikels eine Sache, die mit persönlichem Stolz verbunden ist – was anderen dann nicht unbedingt gefällt. „Streit ist das Treibmittel unserer Redaktionstätigkeit“, erklärte ein Wikipedia-Autor bei dem Treffen.

Allerdings sagen auch so manche WikiCon-Teilnehmer, dass sie sich aus Angst vor Pöbeleien nur noch auf Nischenthemen konzentrieren und sich von politisch umstrittenen Themen weit fernhalten.

Sowohl diese Pseudo-Streitkultur als auch die  Anonymität und die Textlastigkeit der Wikipedia stoßen besonders Frauen ab, die mit unter 10 % der Autoren klar unterrepräsentiert sind. Der Durchschnittsautor der Wikipedia ist männlich, gebildet und Mitte 30.

Verdacht auf bezahltes Schreiben hält viele Autoren ab

Ein weiteres Problem schreckt potentielle Autoren ab: Das bezahlte Einstellen und „Durchprügeln“ von Artikeln durch Mitarbeiter von Agenturen, die sich auch gerne mal einen regelrechten Stall voll Fake-Accounts halten, um sich gegen die „normalen“ Autoren durchsetzen zu können. Ganz aktuell ist hier der Fall der Agentur „Wiki-PR“, die seit letzter Woche keine Artikel mehr in der Online-Enzyklopädie veröffentlichen darf.

Für eine gute Sache schreibt man ja auch ganz gerne, besonders wenn es zu Ruhm und Ehre gereicht. Da mag man vielleicht sogar manche Anpöbelei im Bearbeitungsprozess in Kauf nehmen. Wenn man sich aber alleine durch seine Mitarbeit an der Wikipedia schon dem Verdacht aussetzt, gegen Geld freundliche Einträge in der Online-Enzyklopädie zu platzieren, kann sich auch eine noch so hohe Motivation schnell verflüchtigen.

Es waren zwar nur einige der vielen Autoren, die sich in der Vergangenheit mit „bezahltem Schreiben“ in der Wikipedia ein Zubrot verdient haben, aber dem Image von Wikipedia hat es schwer geschadet. Warum sollte man freiwillig und unentgeltlich mit viel Aufwand Artikel für eine Plattform des freien Wissens schreiben, wenn der Dank sich in Pöbeleien beim Editierprozess innerhalb und in einem Generalverdacht auf „Bestechlichkeit“ außerhalb der Enzyklopädie manifestiert?

Wikipedia will das überladene Regelwerk straffen

Jetzt will die deutschsprachige Wikipedia-Gemeinschaft ihr unübersichtliches Regelwerk von immerhin 7000 Seiten straffen und verständlicher gestalten. Als inhaltliche Ziele nannte der maßgeblich daran beteiligte Sozialwissenschaftler Dirk Franke besonders die Eindämmung der PR-Einflüsse und Verbesserungen in der Streitkultur.

„Wir versuchen, die 7000 Regelseiten einfacher und verständlicher zu machen. Und dabei wollen wir den PR-Leuten klar sagen, was geht und was nicht“, so Franke. Er moderiert die Beratungen der Wikipedia-Community zur Neufassung ihrer Regeln. Ein erster Versuch zur Änderung des Regelwerks der Wikipedia vor zwei Monaten habe keine Mehrheit gefunden. Schon bis zum Jahresende will Franke das neue Regelwerk vorstellen.

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