Medien 06.12.2002, 18:22 Uhr

Wenn Pay-TV-Piraten die Bildschirme entern

Der Bezahlsender Premiere und andere Programmanbieter, die ihre Sendungen verschlüsselt anbieten, wollen Hackern künftig wirksamer das Hand- werk legen. Die Organisation Aepoc kämpft gegen die kriminellen TV-Machenschaften.

Rund 1,5 Mio. Premiere-Zuschauer sehen bald nur noch Schnee. Diejenigen nämlich, die derzeit den deutschen Pay-TV-Sender mit Hilfe manipulierter oder gefälschter Smart Cards in ihren Dekodern illegal und kostenlos empfangen. Premiere wird den „TV-Piraten“ im nächsten Jahr mit einem neuen Sicherheitssystem zu Leibe rücken – und hofft, dass sich der eine oder andere der „Schwarzseher“ ein echtes Premiere-Abonnement zulegt.
Alle Premiere-Abonnenten bekommen im Jahr 2003 neue Smart Cards zum Einstecken in ihren Pay-TV-Decoder. Darauf enthaltene Sicherheitsschlüssel werden nach und nach freigeschaltet, um so den „Hackern“ eine Zeit lang voraus zu sein. „Vier bis fünf Jahre Ruhe“ vor den TV-Piraten erwartet Dr. Helmut Stein, Technik-Geschäftsführer bei Premiere.
Der französische Pay-TV-Sender Canal Plus hat das kürzlich vorgemacht und dabei laut Jean Grenier, Präsident der European Association for the Protection of Encrypted Works and Services (Aepoc), als angenehmen Nebeneffekt hunderttausende illegaler Zuschauer als Abonnenten gewonnen.
Das Grundproblem allerdings ist der Kampf gegen die TV-Piraterie. Mit technischen Mitteln allein ist er auf Dauer nicht zu gewinnen. Denn die illegalen Entschlüssler und Vertreiber von Smart Cards für das Bezahlfernsehen profitieren vor allem vom mangelnden Unrechtsbewusstsein der Verbrauchern. Die meisten „Schwarzseher“ begreifen ihr Handeln nicht als Diebstahl, sagt Aepoc-Präsident Grenier.
Dem Ausmaß der kriminellen Aktivitäten wird diese Einschätzung nicht gerecht. Geschätzten 1,5 Mio. illegalen Premiere-Zuschauern stehen 2,5 Mio. echte Abonnenten gegenüber – und die zahlen die Gebühren für die Piraten mit. Allein in Italien werden 2,5 Mio. „Schwarzseher“ vermutet, weitaus mehr als zahlende Pay-TV-Zuschauer. Den europaweit angerichteten Schaden durch gefälschte Zugangssoftware schätzt der Aepoc-Präsident auf jährlich 1 Mrd. ®. Dahinter stecken längst nicht mehr nur ein paar Freaks, sondern das organisierte Verbrechen.
Als Geschädigte sind die Pay-TV-Produzenten Teil einer Gruppe, zu der auch die Software-Firmen sowie die Musik- und Film-Konzerne gehören: Eben alle, die ihre medialen Dienstleistungen nur einer zahlenden Kundschaft über „Conditional Access“ (CA) zur Verfügung stellen, also per Smart Card oder anderer Identifizierungsverfahren. Für die Piraten hat sich dabei das Breitband-Internet geradezu als Turbo erwiesen, weil große Dateien im Web vergeschoben werden können.
Den Umfang der kriminellen Aktivitäten erkennen Justizbehörden erst allmählich. „Mancher Staatsanwalt ist sich des Problems gar nicht bewusst“, so Stein. Damit sich das ändert, bietet Premiere Schulungen an, auch für die Mitarbeiter von Ermittlungsbehörden. In diesem Jahr sind in Deutschland vermehrt Täter zu Haftstrafen und Schadensersatz verurteilt worden. Einen neuen Maßstab setzte im November das bislang höchste in den USA verhängte Urteil – neun Jahre Haft. Es traf eine 52-jährige Frau, die mit ihrer Gruppe gefälschte Windows-Software aus Taiwan vertrieben und dabei einen Schaden von 98 Mio. Dollar anrichtete.
Juristische Strenge fordert auch Dr. Marcus Englert, Vize-Präsident des Verbandes Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT): „Mit der Bagatellisierung von Piraterievergehen muss Schluss sein.“ In einem Gutachten empfiehlt der Medienrechtler Prof. Dr. Ulrich Sieber von der Ludwig-Maximilians-Universität München die Umsetzung der europäischen Cybercrime Convention aus dem Jahr 2001 in deutsches Recht sowie die Anpassung des vorliegenden Regierungsentwurfs zum Urheberrecht. Und laut Helmut Stein wäre es „sinnvoll, den Besitz der Mittel zur illegalen Software-Entschlüsselung strafbar zu machen.“ T. FINKEMEIER

Smart Cards
„Das schwächste Glied in der Kette“
Laut Dr. Manfred Müller, Marketing-Chef von SCM Microsystems, profitieren die Schwarzseher in Deutschland auch davon, dass zum einen viele alte Karten kursieren, deren Verfallsdatum von den Fälschern auf „unendlich“ gestellt wurde und zum anderen vorprogrammierte Pay-TV-taugliche Smart-Cards auf dem Schwarzmarkt und über das Internet angeboten und gehandelt werden.
„Neuere Smart Cards sind technisch viel schwieriger zu fälschen“, sagt Müller. So wurde das vor einigen Monaten eingeführte System von Canal+ bisher nicht geknackt. Allerdings ruht der Hacker-Ehrgeiz nicht. „Wenn“s ein Jahr hält, wär“s der Wahnsinn.“ Die Smart Cards der neuen Generation arbeiten mit hoch entwickelten Verschlüsselungs-Algorithmen wie Triple-DES, RSA und großen Schlüssellängen. Damit sind sie auch gegen mit massiver Rechnerleistung vorgenommenen Entschlüsselungsversuche recht gut gewappnet.
Um sich vor Piraten zu schützen, besteht für die Pay-TV-Sender neben dem regelmäßigen Austausch der im Markt befindlichen Smart Cards eine letzte Möglichkeit im Wechsel zu einem neuen Conditional-Access-System in den Settop-Boxen ihrer Kunden. „Moderne Free-to-Air-Empfänger haben ein Common Interface für das Conditional-Access-Modul (CA)“, erläutert Müller. Das CA-Modul ist eine streichholzdicke Steckkarte, die in den Common-Interface-Schlitz der Settop-Box eingeschoben und selbst wiederum einen Schlitz für die Smart Card hat. Neue Sicherheits-Software kann dem CA-Modul in vielen Fällen auch vom Pay-TV-Sender über Satellit oder Kabel aufgespielt werden. Auch die Umprogrammierung von CA-Modulen der neueren Generation durch Hacker wird heute massiv erschwert. Sorgen macht Müller das allgemein „fehlende Rechtsbewusstsein“ gegenüber der Pay-TV- und Software-Piraterie. tf

 

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