Medien 28.11.2003, 18:27 Uhr

Von Gutenberg zu Bill Gates

Die digitale Fachinformation auf dem Hochschulserver ist im Vormarsch. Deutsche Wissenschaftsorganisationen von der Max-Planck-Gesellschaft bis zur Hochschulrektorenkonferenz sehen in der Internet-Publikation eine preiswerte Alternative zur herkömmlichen Verlagsdruckerei.

Zunehmend mehr Wissenschaftler an Hochschulen und andere Forschungsstätten veröffentlichen ihre Erkenntnisse in Zeitschriften und Büchern, die teurer und teurer und deshalb für die Bibliotheken unbezahlbar werden. Abo-Kündigungen sind die Folge. „Meine Studenten verlieren den Zugang zu den Forschungsergebnissen“, klagt etwa Martin Grötschel, Mathematikprofessor und Leibniz-Preisträger der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).
Jetzt rufen alle deutschen Wissenschaftsorganisationen von der Max-Planck-Gesellschaft bis zur Hochschulrektorenkonferenz in einer „Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen“ zur Publikation im Internet auf, als preiswerter Alternative zur herkömmlichen Verlagsdruckerei. Wer von Buchstaben auf Bits und Bites, von Gutenberg auf Gates umschwenkt, der erreicht die Fachwelt zudem viel schneller als bisher.
Tatsächlich gibt es hierzulande bereits beachtliche Internetportale, die beispielhaft vormachen, was der Aufruf nunmehr generell fordert. So können Ingenieure und Naturwissenschaftler Beiträge sofort und kostenlos über  „Getinfo“ ins Netz stellen. Das ist ein besonderer Service mehrerer öffentlicher Fachinformationszentren und der Technischen Informationsbibliothek Hannover. “ Die zentrale Deutsche Bibliothek in Frankfurt hat eine eigene elektronische Plattform für Doktorarbeiten, an die 78, also gut drei Viertel aller promotionsberechtigten Hochschulen, angeschlossen sind. Wer digital publiziert, muss nur fünf statt sonst ein paar hundert gedruckte „Pflichtexemplare“ seiner Dissertation abliefern und spart damit eine Menge Geld. Außerdem betreiben inzwischen gut zwei Dutzend Hochschulen einen eigenen elektronischen Universitätsverlag, der neben den Promotions- auch Habilitationsschriften, Diplomarbeiten und wissenschaftliche Aufsätze veröffentlicht. Neuerdings präsentiert die Max-Planck-Gesellschaft ihre Forschungsergebnisse unter eigener Webadresse.
Was die alternativen Publikationen wirklich kosten, hat noch niemand in voller Gänze durchgerechnet. Die technische Infrastruktur vom PC bis zum Rechenzentrum stellen beispielsweise die Hochschulen, ohne die Autoren dafür zur Kasse zu bitten. Das tut aber etwa die nichtkommerzielle amerikanische „Public Library of Science“. Sie nimmt vom Autor 1500 Dollar je Artikel, damit die Leser gebührenfreien Zugang haben. Formatieren, katalogisieren, archivieren, verwalten, das geht nicht zum Nulltarif. „Getinfo“, das von öffentlichen Subventionen und Benutzungsgebühren lebt, braucht für den Einzelabruf zwischen 15 € und 25 €. Demgegenüber bieten große Fachverlage wie Springer die elektronische „Campus-Lizenz“ einer Zeitschrift, also den Zugang für alle Hochschulmitglieder, für einen Aufschlag von 10 % auf das Druck-Abo, je nachdem zwischen 80 € und 400 € im Jahr.
Springer-Geschäftsführer Dietrich Götze würde auf Druckerzeugnisse völlig verzichten und nur noch elektronische Produkte vertreiben, wenn die Nachfrage entsprechend wäre. Im Weltmarkt ist es aber nicht so. Götze verweist auf die osteuropäischen EU-Beitrittsländer, die in ihren Hochschulen nicht die IT-Strukturen haben wie deutsche Universitäten, so dass etwa 100 Studenten gleichzeitig auf denselben Artikel zugreifen könnten.
Vor zehn Jahren war das auch für deutsche Studenten nur ein Traum. Fachinformationen rein digital publizieren heißt also, den wissenschaftlichen Abstand zwischen technisch fortgeschrittenen Ländern und den meisten anderen in der viel zitierten „nachholenden Entwicklung“ weiter zu vergrößern statt zu überbrücken.
„Wer die Preise verlangt, der muss der Schwarze Peter sein.“ Dieser Schluss, meint Götze, ist viel zu oberflächlich. Wenn sich mit der Wissensexplosion in zehn Jahren die Zeitschriftenumfänge verzehnfachen, muss das zu Kostensteigerungen führen. Die Fachgebiete werden ihre eigenen Organe ins Leben rufen kleine Auflagen erfordern einen hohen Preis. Was und wie viel publiziert wird, bestimmen aber letztlich die Wissensproduzenten selber. Sie können sich bei ihren Entscheidungen nicht länger um die Kosten drücken.  HERMANN HORSTKOTTE

Ein Beitrag von:

  • Hermann Horstkotte

    Hermann Horstkotte ist freier Journalist und  lehrte als Privatdozent an der RWTH Aachen. In Bonn arbeitet er als Bildungs- und Wissenschaftsjournalist.

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