Medien 08.06.2007, 19:28 Uhr

Vom Elend des Wirtschaftsjournalismus  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 8. 6. 07, has – Mehr Pluralität und weniger vorauseilenden Gehorsam vor Anzeigenkunden fordert die Journalistenvereinigung „Netzwerk Recherche“ in der Wirtschaftsberichterstattung.

Helge Sodan ist Rechtsprofessor und war bis Ende April 2007 Präsident des Berliner Verfassungsgerichts. Als Wissenschaftler verfasst er Gutachten über das Gesundheitswesen. So auch letzten Herbst für die private Krankenversicherung DKV. Sein Zweifel, ob die Gesundheitsreform verfassungsgemäß sei, wanderte als Meldung in Presse und Agenturen – als Expertise des Verfassungsrichters. Kein Journalist interessierte sich mehr dafür, welcher Auftrag hinter dieser Meldung stand. Und die DKV, die dazu Stellung nehmen konnte, kam auf diesem Weg zu kostenloser Eigenwerbung.

Das ist eine von zahlreichen Geschichten über kritikwürdige Zustände im Wirtschaftsjournalismus. Zusammengetragen hat sie die Journalistenvereinigung „Netzwerk Recherche“, die auf gründliche Recherche und journalistische Unabhängigkeit drängt, insbesondere für das Problemressort Wirtschaft. „Wirtschaftsjournalismus ist in der Tendenz unkritischer und affirmativer als die Berichterstattung in anderen Ressorts“, heißt es in einer Studie der Netzwerker. Thomas Leif, Netzwerk-Vorsitzender, hat ein Beispiel: „Wie die Süddeutsche kritisch über Siemens berichtet, das sollte der Normalfall sein – es ist aber die Ausnahme“.

Wirtschaftsjournalisten sehen das Problem durchaus. „Gerade bei nutzwertigen Finanzgeschichten findet man Beiträge, die wirken, als wären sie in der PR-Abteilung einer Bank geschrieben“, sagt Klaus Schweinsberg, Chefredakteur von „Capital“. Wolfgang Kaden, Ex-Chefredakteur von „Spiegel“ und „Manager-Magazin“ sieht „mit einiger Betrübnis, wie wenig der Unternehmens-Journalismus dieser Tage aus dem Inneren der Unternehmen aufdeckt.“

Dabei haben Wirtschaftsthemen Konjunktur in den Medien, Manager sind zu zentralen politischen Akteuren avanciert, die Macht der Ökonomie diktiert die Politik und wirtschaftliche Entscheidungen haben oft schwerwiegende Folgen. Zugleich damit ist auch der Druck der Wirtschaft auf die öffentliche Meinung stärker geworden. Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit sind in den Unternehmen massiv aufgerüstet worden. „30 000 bis 50 000 PR-Mitarbeiter versorgen inzwischen rund 48 000 hauptberufliche Journalisten mit Informationen“, schätzt Thomas Leif. Lutz Frühbrodt, Autor eines Fachbuchs über Wirtschaftsjournalismus gibt an: „80 % bis 90 % der Exklusivstorys im Wirtschaftsjournalismus lancieren die Unternehmen, Politiker oder Verbände selbst.“

Problematisch ist der Vormarsch des Nutzwertjournalismus in den Wirtschaftsredaktionen. Meldungen und Berichte sollen den Lesern unmittelbaren Nutzen bringen. Erkenntnisse über Strukturen und größere Zusammenhänge sind dabei weniger wichtig. Aufschwung erlebte die Jagd nach dem Nutzwert mit dem Börsenboom und der New Economy. Viele Medien haben damals den Hype noch verstärkt. Und einige Journalisten mit Insider-Kenntnissen hatten auch ihren persönlichen Nutzwert im Sinn.

Wirtschaft ist freilich ein komplexes Thema. Gerade volkswirtschaftliche Themen haben es schwer gegen Wirtschaftsgeschichten, die sich personalisieren lassen. „Wenn Konzerne wie ABB, Novartis oder DaimlerChrysler medial fast ausschließlich über ihre jeweiligen Unternehmensleiter wahrgenommen werden, wird damit zwangsläufig eine hochkomplexe Unternehmenswirklichkeit verzerrt“, analysierte die „Neue Züricher Zeitung“. Besonders das Fernsehen macht eine schlechte Figur. Wirtschaftsthemen sind fast vollständig auf Service, Verbraucherberatung und Börsenberichte reduziert.

Allerdings treffen Wirtschaftsjournalisten in ihrem Metier auch auf besondere Bedingungen. Recherchen sind aufwendig. Unternehmen sind nicht auskunftspflichtig und Informanten in der Regel zurückhaltender. Nicht selten drohen Unternehmen neugierigen Publizisten mit Rechtsanwälten oder boykottieren Interviews. Welche Aktivitäten Lobbyisten entfalten können, war in den letzten Jahren deutlich zu sehen in den Debatten um Reach, das Europäische Gesetz zur Registrierung, Evaluierung und Autorisierung von Chemikalien, das eben in Kraft getreten ist. Hier wurde mit allen Mitteln, auch der Manipulation von Zahlen und öffentlicher Meinung gearbeitet, so die Studie des Netzwerks.

Aber das ist eben auch das Dilemma. Selten beschreiben Wirtschaftsjournalisten, wie solche Prozesse funktionieren und transportieren lieber interessengebundene Informationen weiter. Wirtschaftsjournalisten folgen heute weitgehend dem neoliberalen Mainstream. Wissenschaftler aus der Memorandumgruppe etwa, die jährlich das alternative Wirtschaftsgutachten abliefern, kommen in den Medien fast gar nicht mehr vor. Memorandumsmitglied Heinz Bontrup: „Die Massenmedien grenzen uns bewusst aus.“ Die Folgen könne man beispielsweise daran sehen, sagt der Wirtschaftsprofessor von der FH Gelsenkirchen, „in welchem Maß es gelungen ist, Lohnnebenkosten zu einem negativen Begriff zu machen“.

„Die klassische Kontrollfunktion der Medien – gerade im Feld der Wirtschaft – braucht einen Konjunkturaufschwung“, lautet die Schlussfolgerung vom „Netzwerk Recherche“. Vorsicht vor der Übermacht der Public Relations, mehr Zeit und mehr Geld für Recherche, weniger vorauseilenden Gehorsam vor großen Anzeigenkunden und eine Pluralität der Positionen – das sind Forderungen, um die Defizite des Wirtschaftsjournalismus aufzuheben. FRITZ WOLF

Nutzwertartikel wie von PR-Fachleuten verfasst

Zusammenhänge spielen kaum noch eine Rolle

Von Fritz Wolf

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