Medien 01.09.2006, 19:23 Uhr

Unter der Lupe: Handy-Fernsehen  

VDI nachrichten, Berlin, 1. 9. 06, rb – Nachdem das Runde den Weg ins Eckige fand, drängt nun das Große ins Kleine. Die Standards DMB und DVB-H sollen Fernsehen aufs Handy bringen. So ist denn auf der IFA 2006 (1. 9. bis 6. 9.) auch das Mobil-TV einer der Schwerpunkte. Die VDI nachrichten haben die verschiedenen Techniken unter die Lupe genommen.

Weil eine für DAB vorgesehene bundesweite Senderkette umgewidmet und von den Landesmedienanstalten weitgehend dem Plattformbetreiber Mobiles Fernsehen Deutschland (MFD) zugeteilt wurde, konnte der DMB-Dienst „Watcha“ Ende Mai starten. Mit vier TV- und einem Radioprogramm ist die Kapazität der zugeteilten Frequenz jedoch erschöpft.

Wohl etwas vorschnell wurde das SGH-P900 von Samsung als bisher einziges TV-Handy geordert. Der Korea-Import schwächelt nicht nur im Randbereich des Sendegebietes. Innerhalb von Gebäuden läuft bei DMB ohnehin fast nichts, denn die Sendeleistung ist – aufgrund der internationalen Vorgaben für DAB und DMB – äußerst gering.

Ein großer Baum am Straßenrand und in Luftlinie zwischen Sender und Empfänger kann schon in geringer Entfernung vom Sender kurze Störungen verursachen. Ein weiterer Mangel ist der fehlende VHF-Tuner. Denn DMB-Handys können auch alle DAB-Radiosendungen zu Gehör bringen, die nicht nur im L-Band, sondern auch auf VHF ausgestrahlt werden. Den VHF-Empfang und allgemein bessere Empfangseigenschaften soll das V-9000 TV-Handy von LG Electronics bieten, das Debitel für September ankündigt.

Bandbreiten- und Leistungsprobleme kennt der Fernsehabkömmling DVB-H kaum, wie Tests in Berlin seit 2003 zeigen. Ein weiterer „Pilot“ wird bis Ende August in vier Spielstädten der Fußball-WM von den Mobilfunkbetreibern T-Mobile, E-Plus, O2 und Vodafone mit 14 TV- und sechs Radioprogrammen durchgeführt. Bis zu 40 TV-Stationen, ersatzweise ein Mehrfaches an Radiosendern, lassen sich in einem DVB-H-Kanal unterbringen. Die Sendeleistung erlaubt den Indoor-Empfang.

BenQ, Nokia, Motorola und Sagem haben DVB-H-Geräte im weltweiten Projekteinsatz. Samsung und LG wollen auf beiden Märkte dabei sein. Das Samsung SGH-P910 für DVB-H gewinnt Qualität schon durch die kleine Tele- skopantenne, die seinem DMB-Pendant fehlt. Der Wettbewerber N92 von Nokia besticht durch den größeren Bildschirm, von dem der Textbalken von N24 problemlos abgelesen werden kann. Beide Geräte bieten zusätzliche Videofunktionen wie die TV-Aufnahme auf eine Chipkarte.

DVB-H punktet gegenüber DMB in Theorie wie Praxis. Dies sehen auch die Mobilfunk-Netzbetreiber T-Mobile, E-Plus, Vodafone und O2, für die DVB-H wegen der höheren Programmzahl attraktiver ist. Ein jüngstes gemeinsames Pilotprojekt wurde als Erfolg bewertet. Mit etwa 1000 Geräten mehrerer Hersteller war DVB-H während der Fußball-WM in vier Städten getestet und vorgeführt worden. Um die Investitionen zu begrenzen, will das Provider-Quartett nun eine gemeinsame Technikplattform schaffen, die im kommenden Jahr kommerziell starten könnte.

Für das Mobilfernsehen ist der Termin der nun jährlich veranstalteten Internationalen Funkausstellung aber eher ungünstig. DMB ist schon am Markt. Doch genaue Teilnehmerzahlen werden nicht verraten, was nicht für Erfolg spricht. Für den DVB-H-Dienst der Mobilfunkbetreiber muss das „Okay“ des Bundeskartellamtes abgewartet werden, dem die Frequenzzuteilung durch die Bundesnetzagentur und die Lizenzierung einer Programmplattform durch die Landesmedienanstalten folgen.

Dennoch muss die IFA-Abwesenheit von Debitel und MFD verwundern; „Watcha“ wird nur bei den Zulieferern Samsung und LG vorgeführt. Wenige weitere Hersteller zeigen DMB-Empfänger für die unverschlüsselten Programme ZDF und BigFM2see.

Aber auch die Konkurrenz ist zurückhaltend. DVB-H-Pionier Nokia oder Sagem und der Berliner Senat, dessen letztjährige DVB-H-Präsentation gut besucht war, passten. Die Lücke füllen unter anderem O2, die ARD und die Berliner Softwarefirma Condat, die ein Szenario für Crossmedia-Publishing über DVB-H vorstellt.

Siemens Communications demonstriert seine Sendeplattform „Media Delivery Solution“ mit Handys mehrerer Hersteller Votings sollen die Interaktivität von DVB-H deutlich machen. Auf beiden „Hochzeiten“ tanzen hingegen das ZDF und Netzdienstleister T-Systems. Wie das Rennen zwischen DVB-H und DMB ausgeht, ist ungewiss. Im Hintergrund diskutierte Kompromisse zielen auf ein Nebeneinander beider Techniken – etwa DMB für regionale, DVB-H für überregionale Inhalte. Mehrere Chiphersteller entwickelten Lösungen, die beide Verfahren auf kleinstem Raum vereinen.

Den Zuschauern kann es egal sein, welche Technik im Gerät steckt. Entscheidend für den Erfolg werden Programmangebot und Preis sein.

PETER DEHN

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