Medien 30.11.2007, 19:31 Uhr

Seit 20 Jahren sieht Japan HDTV  

Seit 20 Jahren steht das hochauflösende Fernsehen auf der Angebotsliste von NHK, dem größten Fernsehsender Japans. Aus anfänglichen Fingerübungen in Sachen HDTV wurde Regelbetrieb – zunächst analog, später in digitaler Technik. Heute ist Digital Hi-Vision die Regel, Standardfernsehen nur stundenweise Ausnahme.

Einige Hunderttausend japanische Fernsehzuschauer trauten am 1. Oktober ihren Augen nicht. Statt des hochauflösenden Fernsehprogramms des japanischen Fernsehsenders NHK (Nippon Hoso Kyokai) gab es nur einen schriftlichen Hinweis, dass die analoge HDTV-Übertragung nach dem sog. MUSE-Verfahren eingestellt sei. Das Hi-Vision-Programm werde jetzt nur noch digital übertragen, hieß es. Bei Fragen könne man sich unter einer Servicenummer direkt beim Callcenter von NHK informieren. Und das passierte auch.

„Anfangs hatten wir täglich etwa 4000 Anrufe, mittlerweile sind es nur noch einige Hundert“, erklärt Kenkichi Tanioka, Generaldirektor des NHK-Forschungslabors STRL. „Die analoge Übertragungstechnik nutzten wir seit etwa 20 Jahren, und jetzt mussten wir den damit belegten Satellitenkanal freimachen. Das war ein Regierungsbeschluss. Ein halbes Jahr ließen wir ein Banner mitlaufen, doch jetzt war Schluss.“ Betroffen von dieser Abschaltaktion waren etwa 500 000 Haushalte, ein Jahr zuvor wären es noch über 2 Mio. gewesen.

Die meisten hatten sich in den 90er Jahren für sehr viel Geld hochauflösende Hi-Vision-Röhrengeräte gekauft, die den MUSE-Decoder gleich eingebaut hatten. Insgesamt dürfte die japanische Industrie etwa 3 Mio. dieser Empfänger hergestellt haben, vermutet Tomoko Takase, Economist bei der Japan Electronics & Information Technology Industries Association JEITA. Mit Ersatz in Form einer kostenlosen Settop-Box können die Betroffenen nicht rechnen. „Wer sich vor Jahren solch ein teures Gerät kaufen konnte, wird sich jetzt auch eine digitale Settop-Box oder einen neuen Hi-Vision-Fernseher leisten können“, mutmaßt Atsushi Yamakita von NHKs International Planning & Broadcasting Department.

Doch diese Abschaltaktion war nur ein Vorspiel des analogen-digitalen Wandels. „Am 24. Juli 2011 werden alle landesweiten analogen Fernsehübertragungen eingestellt – und nicht nur von NHK“, erläutert Junji Kumada, Controller im Transmission Network Department von NHK Integrated Technology. „Schon jetzt gibt es keine Empfänger mit einem analogen Empfangsteil mehr zu kaufen. Wenn so was noch in einem portablen DVD-Player oder einem PC-Monitor steckt, muss darauf hingewiesen werden.“

Abgeschaltet wird aber in 43 Monaten nicht nur die analoge Terrestrik, sondern auch Satelliten- und Kabelsysteme übertragen dann nur noch digitale Signale. Das war Anfang Oktober auf der Ceatec, der Combined Exhibition of Advanced Technologies, in der Nähe Tokios ein Hauptthema. Das Interesse an allem, was künftig digital und zumeist hochauflösend daherkommt, ist gewaltig. Schon jetzt gibt es über 20 Mio. HDTV-Haushalte. Und die Industrie sorgt weiter für entsprechende Nachfrage.

So hat Panasonic eine weltweite Kampagne unter dem Motto „Living in High Definition“ gestartet – Viera-Fernseher, Camcorder und Digitalkamera als Nachfolger der früheren Hausmusik, gewissermaßen als Instrumente der Familienzusammenführung. Die kann offensichtlich auch in der Badewanne erfolgen, selbst dafür gibt es HDTV-Empfänger – freilich nur mit 15 V Betriebsspannung.

Neben ganz großen geht es auch um ganz kleine Bilder, also HDTV und Handy-TV. Etwa 60 % aller Haushalte nutzen den terrestrischen Empfang, der in seiner digitalen Variante am 1. Dezember 2003 schrittweise begann – neben NHK mit seinen beiden Hauptprogrammen sind fünf kommerzielle Anbieter beteiligt.

„Wir haben mit ISDB-T, also Integrated Services Digital Broadcasting, ein System entwickelt, bei dem in den herkömmlichen 6-MHz-breiten UHF-Kanälen jeweils ein HDTV- oder drei SDTV-Programme übertragen werden können“, erläutert Yoshihiro Fujita, Geschäftsführender Generaldirektor des NHK-Forschungslabors. „Den Kanal haben wir in 13 Segmente unterteilt – zwölf für HDTV oder drei SDTV-Programme und eins für Mobile-TV.“

Auf der Ceatec gab es schon die ersten Vorführungen von Car-Hi-Vision: Für die Fondpassagiere sorgt ein HDTV-Fernseher, der terrestrisch versorgt wird. Nur bei sehr hohen Geschwindigkeiten und in Straßenschluchten schaltet der Empfänger um – auf Mobile-Vision mit 15 Vollbildern pro Sekunde. „Meistens wird die 1-Segment-Technik aber in Handys genutzt“, so Fujita. Über 12 Mio. Geräte sollen in anderthalb Jahren bereits verkauft worden sein. RAINER BÜCKEN

Ein Beitrag von:

  • Rainer Bücken

    Freier Fachjournalist in Berlin. Seit über 40 Jahren widmet sich Rainer Bücken mit profunden Fachkenntnissen allen Themen rund um Medien, gewissermaßen von der Quelle bis zur Senke. So begleitete er die Einführung von HDTV in Deutschland von den Anfängen bis zum Regelbetrieb und blickt gespannt auf die Entwicklungen bei 4K sowie 8K. Dabei spielen die Digitalisierung der TV-Landschaft und die Einführung neuer Technologien in allen Stufen der Medienverbreitung, vor allem der Glasfasertechnik, zentrale Rollen. Rainer Bücken studierte Nachrichtentechnik der Ingenieurakademie der Deutschen Bundespost Berlin und anschließend Publizistik an der FU Berlin.

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