Eigenes Internet-Nachschlagewerk 19.11.2014, 06:55 Uhr

Russland plant Alternative zu Wikipedia

Russland will eine eigene Online-Enzyklopädie mit Informationen über Land und Leute ans Netz bringen. Sie soll zur Alternative für Wikipedia werden, weil diese Informationsquelle nach russischer Ansicht weder zuverlässig noch detailliert genug das Leben in Russland darstelle. Die neue „Nationale E-Bibliothek“ soll dagegen „objektiv und akkurat“ sein.

Mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia ist die Präsidentenbibliothek in St. Petersburg, was die Darstellung russischer Themen anbelangt, unzufrieden und will nun eine eigene „Nationale E-Bibliothek“ starten.

Mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia ist die Präsidentenbibliothek in St. Petersburg, was die Darstellung russischer Themen anbelangt, unzufrieden und will nun eine eigene „Nationale E-Bibliothek“ starten.

Foto: Robert Schlesinger dpa/lbn

In der russischen Ausgabe der Online-Enzyklopädie Wikipedia haben Internet-Nutzer, wie das in dem elektronischen Mitmach-Nachschlagewerk weltweit üblich ist, allen erdenklichen Themen des Lebens in Russland eigene Seiten gewidmet. Zufrieden ist man von offizieller russischer Seite damit offenbar nicht, denn die Präsidentenbibliothek in St. Petersburg will nun eine eigene „Nationale E-Bibliothek“ starten.

Über 500 regionale Nachschlagewerke sollen zusammenfließen

In einer Pressemitteilung ließ die Bibliothek, die nach dem ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin benannt ist, wissen, dass sie Wikipedia hinsichtlich der Einträge über Russland analysiert habe. Mit dem Ergebnis, die Online-Enzyklopädie enthalte „nicht genügend detaillierte und zuverlässige Informationen über die russischen Gebiete und das Leben im Land“. Alexander Vershinin, der Direktor der Präsidentenbibliothek sagte, man werde deshalb mit eigenen Dokumenten eine Alternative zu Wikipedia aufbauen.

Dafür wolle die Präsidentenbibliothek, die sich auf die Digitalisierung alter Medien spezialisiert hat, mit der russischen Nationalbibliothek und dem russischen Bibliotheksverband kooperieren. „Ihnen bieten wir an, dass sie ihre bereits bestehenden regionalen Enzyklopädien in die neue Internet-Quelle einfließen lassen“, sagte Vershinin. Immerhin gebe es mittlerweile nicht weniger als 500 solcher regionaler Enzyklopädien, in denen die Entwicklung lokaler Distrikte, Städte und sogar Dörfer behandelt werde. „Das ist eine wertvolle Informationsquelle über das Leben in Russland“, sagte Vershinin.

Ob Nutzer russischer E-Bibliothek Einträge ändern dürfen, blieb offen

Mit diesen einzigartigen Materialien aus den Regionen, die alle in einer elektronischen Enzyklopädie zusammenfließen, könne man das Land und die Bevölkerung objektiver und genauer darstellen, schreibt die Präsidentenbibliothek. Das eingestellte Material werde ständig aktualisiert und verbessert und stehe den Nutzern von jedem Internetzugang aus offen. Es werde erwartet, so die Präsidentenbibliothek, dass die regionale elektronische Enzyklopädie zu einer der beliebtesten russischen Internet-Ressourcen werde. Inwieweit die neue russische nationale E-Bibliothek auch von den Lesern selbst verändert und ergänzt werden kann, wie bei Wikipedia, ließ die Präsidentenbibliothek offen.

Während Ende Oktober im polnischen Grenzort Slubice das weltweit erste Wikipedia-Denkmal des armenischen Bildhauers Mihran Hakobyan enthüllt wurde, um damit das Internet zu ehren, ist Russland unzufrieden mit dem Mitmach-Nachschlagewerk. 

Während Ende Oktober im polnischen Grenzort Slubice das weltweit erste Wikipedia-Denkmal des armenischen Bildhauers Mihran Hakobyan enthüllt wurde, um damit das Internet zu ehren, ist Russland unzufrieden mit dem Mitmach-Nachschlagewerk. 

Foto: Patrick Pleul/dpa

Unklar bleibt ebenfalls, ob das Projekt in Russland den Zugang zur bestehenden Wikipedia in irgendeiner Form beeinträchtigt. Unlängst hatte Präsident Wladimir Putin das Internet als „CIA-Spezialprojekt“ bezeichnet und der Kreml hatte wissen lassen, dass die russische Online-Hoheit gegen westliche Angriffe geschützt werden müsse.

Seit August 2014 ist außerdem in Russland ein neues Gesetz in Kraft getreten, nach dem Blogger, Twitterer und andere Social-Media-Nutzer sich bei der Presseaufsicht registrieren lassen müssen, sobald sie mehr als 3000 Leser pro Tag haben. Für sie gelten dann dieselben Regeln wie für die großen Medien. Blogger unterliegen nach diesem Gesetz auch einem Klarnamenzwang.

Von Gudrun von Schoenebeck

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