Medien 31.12.1999, 17:23 Uhr

Neue Systeme verschaffen Übersicht im TV-Überfluss

Quantität schlägt Qualität – das bleibt auch im Jahr 2000 Rechtfertigung bundesdeutscher Medienpolitik. Was fehlt ist ein System, das Klarheit in den Dschungel des Angebots bringt.

Kein Wunder, dass viele erstmal dorthin schauen, wo Überfluss an TV-Kanälen und Programmen zur Lebensmaxime zu zählen scheint, nämlich in die USA. Bei Hunderten von Kanälen sind selbst die agilsten Zapper überfordert. Technik muss her, wo das Drücken auf die Kanaltasten keine Antwort bedeutet. Das bietet TiVo, ein Videoserver, der ständig eingeschaltet bleibt und dafür zu sorgen hat, dass nur ja kein interessantes Programm verpasst wird. „Mit TiVo sehen sie nicht mehr kanal-, sondern nur noch genreorientiert. Sie interessieren sich z.B. für eine bestimmte Show oder für die News. Und die können Sie komplett sehen, sobald Sie zu Hause angekommen sind“, verspricht Karen Wolff, Marketing Coordinator von TiVo Inc. im kalifornischen Sunnyvale.
„Während die Sendung weiter aufgezeichnet wird, sehen Sie gerade den Anfang.“ Mit normaler Videotechnik wäre das jedenfalls nicht möglich, denn ein Videoband lässt nur eines zu – Aufnahme oder Wiedergabe. Anders das TiVo-Gerät – die Bezeichnung soll übrigens keinerlei tiefere Bedeutung haben. „Dabei handelt es sich um einen Computer, und der kann beides gleichzeitig“, erklärt Wolff stolz. Möglich wird das durch eine recht großzügig dimensionierte Festplatte mit 13,6 GByte oder 27,2 GByte, die immerhin über 26 Stunden Programme speichern kann. Alte Sendungen werden überschrieben – oder müssen auf einen normalen Videorecorder aufgezeichnet werden. In vier Qualitätsstufen (mit 2 Mbit/s bis 6 Mbit/s) lassen sich die Programme ansehen, wobei in mittlerer Qualität – sie entspricht unserem VHS-Niveau – eine Fernsehstunde etwa ein Gigabyte benötigt.
Programmiert wird TiVo von einem Zentralrechner, der einmal in aller Frühe über die Telefonleitung das TiVo-Gerät aktualisiert wird. Aus den tausenden Events, die täglich fernsehmäßig passieren, bleiben nur die wirklich interessierenden übrig, was natürlich Geld kostet. 500 Dollar kostet die kleine, 1000 Dollar die große TiVo-Version. Wer dann außerdem 199 Dollar für das automatische Updaten bezahlt, soll bis ans Lebensende der Box ausgesorgt haben. Ansonsten wären monatlich 10 Dollar fällig.
Philips hat angekündigt, TiVo auch nach Deutschland bringen zu wollen. „Wir werden dieses System im kommenden Jahr in die d-box integrieren. Allerdings denken wir auch über eine Stand-alone-Version nach“, so Philips-Pressesprecher Klaus Petri. Dabei ist TiVo grundsätzlich sowohl für analoge als auch digitale TV-Programme geeignet. Dass solche Aufzeichnungstechniken den Videorecorder-Absatz stören könnten, ist für den Philips-Mann kein Argument. „Besser wir kannibalisieren unsere eigenen Produkte als dass es andere tun!“ Für den Programmierservice muss jedenfalls ein „leistungsstarker Partner mit Programmerfahrung“ her – Philips möchte ins Geschäft mit den elektronischen Programmführern, auch EPG genannt, nicht selbst einsteigen.
Bei der Kirch-Tochter BetaResearch ist man an der Funktionserweiterung der d-box interessiert, dürfte das doch neue Kunden bringen. Derzeit soll es für Premiere World etwa 1,2 Mio. d-box-Nutzer geben, über 900 000 sehen die Programme nach wie vor nur in analoger Form. „In der neuesten d-box-Generation ist bereits ein V90-Modem integriert, und da bietet sich die TiVo-Technik förmlich an“, erklärt BetaResearch-Pressesprecher Thomas Empt. Auch Pay-TV-Filme könnten dann zu jeder beliebigen Zeit gesehen werden.
In den USA hat TiVo inzwischen Konkurrenz bekommen – ReplayTV bietet ein ähnliches System für 699 Dollar – dafür ohne weitere monatliche Kosten. Allerdings kann Replay derzeit nur 20 Stunden speichern. Panasonic hat sich in den USA für diese Technik entschieden, Sony freilich für TiVo. Berührungspunkte darf es zwischen den japanischen Konzernen eben nicht geben. Auch die Werbeindustrie scheint von der neuen Fernsehtechnik begeistert, kann doch jetzt endlich zielgruppenorientiert geworben werden. „Singles brauchen nun mal keine Babywindeln – und auch keine Werbung dafür!“ Ein schlagendes Argument.
Schon jetzt bereiten sich hierzulande Unternehmen wie Axcent und Fast auf die neue Art des Fernsehens vor. Während das Paderborner Unternehmen mit seinem InsertMediaTV alle digitalen FreeTV-Programme über Satellit entsprechend aufbereitet, will Fast in München einen TV-Server anbieten, der sowohl vor Ort als auch von unterwegs aus über das Internet programmiert werden kann. „Fernsehen – was sie wollen, wann sie wollen, wie sie wollen“ wird versprochen. Und natürlich wird auch hier jeder sein eigener Programmdirektor. So schnell kann das gehen, und ganz und gar ohne Ausbildung.
Die Aktualisierung der Programmdaten soll über das Fernsehprogramm erfolgen, das dann freilich eine gewisse Zeit eingestellt sein muss. Der Vertrieb soll Mitte des Jahres 2000 beginnen. Der Server soll für eine 30-stündige Aufnahmekapazität zunächst knapp 5000 DM kosten. Allerdings wird Fast Lizenzen vergeben, damit die einschlägige Industrie „Geräte mit TV-Server-Funktionalität zu einem wesentlich niedrigeren Preis“ anbieten kann.
In Japan laufen die Entwicklungen der Home-Server-Technik bereits auf einem höheren Niveau. Die japanische Fernsehanstalt NHK (Nippon Hoso Kyokai) hat vor einem Jahr das Konzept ihres Hi-Vision-Home-Servers vorgestellt. Da im Land der aufgehenden Sonne NTSC als Standardfernsehen in wenigen Jahren durch digitales HDTV abgelöst werden soll, steht die gesamte Technik vor einer radikalen Umstrukturierung. „In der nächsten Phase unserer Hi-Vision-Technik werden wir die gesamte Studiotechnik und alle Übertragungswege für das hochauflösende Fernsehen auslegen. Außerdem haben wir das Konzept eines Heim-Servers entwickelt, mit dem die Zuschauer jederzeit Zugriff auf die interessierenden Fernsehprogramme in bester Qualität haben“, so NHK-Direktor Junji Kumada. Er steht mit seinem Namen für den Fortschritt in der Fernsehtechnik – Junji heißt nämlich progressiv. RAINER BÜCKEN
Fernsehen wird sich im nächsten Jahrtausend zu einem zielgruppenorientierten Medium entwickeln. Schließlich, so die Argumente der werbungtreibenden Industrie, brauchen Singles keine Babywindeln und keine Werbung dafür.

Von Rainer Bücken

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