Medien 19.03.1999, 17:20 Uhr

Neue Medien fördern die Emanzipation des Bürgers gegenüber dem Staat

Bessere Information, stärkere Mitsprache, mehr Demokratie, so könnte nach Auffassung des Bundespräsidenten Roman Herzog die informationstechnische Revolution gegen Politikverdrossenheit aussehen. Im Folgenden Auszüge seiner Rede anläßlich der CeBIT- Eröffnung.

Daß eine Branchenmesse in kurzer Zeit zur größten Messe der Welt aufsteigt, ist sicherlich keine Selbstverständlichkeit. Die CeBIT kann diesen Superlativ für sich in Anspruch nehmen, und das wird – so meine ich – noch eine Weile so bleiben.
Für diese Entwicklung sind aus meiner Sicht vor allem drei Gründe verantwortlich. Erstens ist die Informations- und Kommunikationstechnologie-Branche, die sich hier alljährlich trifft, die Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts die Größe des Forums korrespondiert also folgerichtig mit der Bedeutung der Branche. Zweitens dürften nirgendwo sonst so schnell und so viele neue Produkte entwickelt werden, und diese Produktvielfalt braucht naturgemäß ein großes Schaufenster. Und drittens kommt dafür natürlich kein beliebiges Schaufenster infrage man wählt sich vielmehr einen Messeplatz, der bei Ausstellern und Besuchern ausgewiesen ist, und Hannover genießt schon seit langer Zeit einen ausgezeichneten Messe-Ruf und ist längst in den Olymp der Messe-Städte aufgerückt. Wenn Hannover im nächsten Jahr die Welt zur EXPO 2000 empfängt, wird das seinen Ruf noch weiter festigen.
Von den neuen Informationstechniken geht große Faszination aus, vor allem auf die Jugend. Der Phantasie über ihre Einsatzmöglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt, da unterscheiden wir uns kaum von anderen Nationen. Allerdings verbinden manche damit auch Befürchtungen.
Entscheidend ist dabei, daß wir die Möglichkeiten als Chancen begreifen und uns von den Befürchtungen nicht lähmen lassen. Internationalisierung und Globalisierung eröffnen ganz neue Möglichkeiten. Ich sehe sie auch nicht notwendig im Widerspruch zu unserer Sehnsucht nach Überschaubarkeit.
Wenn mittlerweile von der Internet-Ökonomie die Rede ist, so unterstreicht das deren großes wirtschaftliches Potential. Hier ist ein riesiger Markt für neue Unternehmen. Gerade unbekannte Newcomer eröffnen sich oft mit atemberaubender Geschwindigkeit via Internet neue Märkte manche entwickeln sich schnell zu ernstzunehmenden Konkurrenten etablierter Branchenriesen.
Daß wir ingesamt mehr mutige Unternehmer brauchen – und zwar nicht nur im Internet –, habe ich immer wieder betont, und das bedeutet selbstverständlich vor allem auch Neugründungen. Nun kann man zwar zur Existenzgründung ermutigen, aber man kann sie nicht herbeireden. Das hat auch etwas mit dem öffentlichen Meinungsklima zu tun. Irgendwann in den siebziger Jahren wurde das Leitbild Unternehmer und Unternehmensgründer zum Zerrbild für unsere Gesellschaft. Damals setzten viele junge Menschen vor allem auf persönliche Sicherheit. Auch deshalb entstand eine Unternehmerlücke, die wir heute schmerzlich spüren. Aber die Situation bessert sich fühlbar.

Existenzgründer finden Chancen auch in etablierten Märkten

Der Wettbewerb in der Internet-Ökonomie ist – wie schon gesagt – vor allem ein Geschwindkeitswettbewerb. Weil die Grenzkosten für Produktion und Vertrieb von digitalen Angeboten gegen Null tendieren, scheinen die Gesetze der klassischen Ökonomie dort nicht mehr zu gelten. In der Internet-Ökonomie ist es möglich, daß sich Newcomer bei entsprechend geschickter Strategie innerhalb kürzester Zeit große Marktanteile erobern und schnell die Gewinnschwelle überschreiten. Genauso schnell kann dasselbe Unternehmen aufgrund des enorm starken Ausleseprozesses aber auch wieder aus dem Markt verdrängt werden.
Wir sollten jedoch diesen Prozeß als etwas ganz Natürliches ansehen. Ein existenzwilliger Jungunternehmer muß nicht immer schon beim ersten Gründungsanlauf reüssieren. Im Informationszeitalter sollte es für ihn eine Chance auf einen zweiten Anfang geben.
Ein weiterer Aspekt, den ich ansprechen möchte, sind die Auswirkungen des Informationszeitalters auf unser Bildungssystem. Es wird sich den neuen Herausforderungen anpassen müssen, besonders weil entsprechend den Erfordernissen der Informationsgesellschaft immer wieder neue Berufsbilder zu entwickeln sind. Auch die Mobilität der Arbeitskräfte zwischen industriellen Tätigkeiten und Dienstleistungstätigkeiten ist bisher viel zu gering. Die Schulen müssen stärker das Lernen und Umlernen lehren der organisatorischen Fähigkeit zur Weiterbildung kommt künftig eine elementare Rolle zu.
Das Bildungssystem muß sich daher nachhaltig mit den neuen Medien auseinandersetzen. Der geübte Umgang mit ihnen wird zu einer elementaren Kulturtechnik wie Lesen, Schreiben und Rechnen.
Die Telekommunikation schafft neue Berufsbilder und öffnet neue Segmente der Beschäftigung. Bislang ist die Nachfrage nach Fachkräften schneller gewachsen als die Ausbildungskapazität von Universitäten und sonstigen Bildungseinrichtungen. Viele Spezialisten haben sich ihr Wissen durch learning by doing erworben. Das war gut so, doch dürfte es auf Dauer nicht ausreichen. Es ist daher zu begrüßen, wenn neue Berufsbilder erstellt werden und auch hierfür berufliche Bildungsangebote vorliegen.

Kommunikationstechnik macht politische Entscheidungen durchsichtig

Lassen Sie mich zum Abschluß einen Blick auf die Veränderungen werfen, die die neuen Medien und besonders das Internet im Verhältnis zwischen Bürger und Staat bewirken. Der amerikanische Vizepräsident Al Gore geht so weit, daß er von einem neuen athenischen Zeitalter der Demokratie spricht demnach würden die Einflußmöglichkeiten jedes einzelnen in die politischen Entscheidungsprozesse auch wieder direkter und viel sichtbarer werden. Man wird abwarten müssen, wie sich das wirklich entwickelt. Ganz sicher kann durch die Anwendung der neuen Medien aber die Emanzipation des Bürgers gegenüber dem Staat fortschreiten. Der Bürger wird zum Kunden und damit zum König, der international agiert. In einer solchen selbstbewußt agierenden Gesellschaft muß der Staat stärker um seine Bürger werben, so daß Verfassungsstaatlichkeit durchaus ein positiver Standortfaktor würde.
Fest steht jedenfalls, daß der Staat und die öffentliche Verwaltung noch lange nicht alle Möglichkeiten ausgenutzt haben, das Internet als Serviceleistung für den Bürger anzubieten. Viele Behördengänge, die dem Bürger bekanntlich mehr Frust als Lust bereiten, könnten durch das Internet problemlos, schnell und effizient erledigt werden. Die öffentliche Verwaltung könnte via Internet über die Haushaltsplanung oder Planfeststellungsverfahren informieren. Die Transparenz würde enorm steigen, und die Einflußmöglichkeiten des Bürgers auf die Entscheidungsprozesse innerhalb ihrer gesellschaftlichen Verbände würden zunehmen. Ich bin sicher, daß das eine gute Medizin gegen die sogenannte Politikverdrossenheit wäre. Bessere Information, stärkere Mitsprache, mehr Demokratie – so könnte ein harmonischer Dreiklang der informationstechnischen Revolution entstehen.
Die CeBIT wird in den nächsten sieben Tagen wieder als globaler Marktplatz fungieren, der Anbieter und Nachfrager auf den Gebieten der Informationstechnik, Software und Telekommunikation aus der ganzen Welt zusammenbringt. Es würde mich nicht wundern, wenn neben den schon feststehenden Rekorden, was die Anzahl der Aussteller und die Größe der Ausstellungsfläche angeht, am Ende dieser Woche wieder ein neuer Besucherrekord festgestellt würde. Das wäre nur Ausdruck der Neugier und Faszination, die man allenthalben dieser Schlüsseltechnologie des nächsten Jahrhunderts entgegenbringt. Es würde gleichzeitig unterstreichen, daß in unserer Gesellschaft Technikfeindlichkeit und Innovationsangst allmählich der Vergangenheit anzugehören beginnen. Das wäre die wichtigste Botschaft, die von dieser Messe ausgehen könnte.
ROMAN HERZOG
Roman Herzog: „…entscheidend ist, daß wir die Möglichkeiten der Informationstechnologie als Chancen begreifen und uns von den Befürchtungen nicht lähmen lassen.

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