Medien 08.11.2002, 18:22 Uhr

Meinungsmacht der Medien konzentriert sich

Die großen Verlage und Medienhäuser kämpfen um ihre Marktanteile. Die finanziellen Schwierigkeiten einiger Unternehmen führen zu neuen Beteiligungsstrukturen.

Groß, größer, am größten: Die Konzentration auf dem deutschen Medienmarkt erreicht mit der Übernahme der Fernsehgruppe ProSieben/Sat 1 und der Filmbestände der bankrotten KirchMedia durch den Hamburger Heinrich-Bauer-Verlag wohl ihren vorläufigen Höhepunkt. Der nach der Auflage größte Zeitschriftenverleger Europas („Playboy“, „Bravo“, „TV Movie“) will sich den Einstieg bei einer der größten Sendergruppen Europas sichern, in vier bis sechs Wochen soll der Deal unter Dach und Fach sein.
Horst Röper, Experte für Medienkonzentration vom Dortmunder Formatt-Institut, hat hier größte wettbewerbsrechtliche Bedenken, obwohl „es noch kein Instrument zur Messung von Marktmacht gibt, vor allem wenn es sich um die Kombination so unterschiedlicher Medien wie TV-Sender und Zeitschriften handelt.“
In diesem Jahr wechselten bereits Regionalzeitungen den Besitzer (Gruner und Jahr verkaufte die Sparte an Holtzbrinck), wurden Anzeigenvermarktung (Süddeutsche Zeitung/Frankfurter Rundschau) und ganze Redaktionen (Berliner Morgenpost/Die Welt) zusammengelegt. Der Einstieg des Senders RTL beim Nachrichtenkanal n-tv scheint sicher, genau wie die damit verbundene Verlust von mindestens 140 Arbeitsplätzen. Ein weiterer Baustein in der Senderfamilie von Bertelsmann ist somit gelegt.
Dazu fallen Lokal- und Regionalzeitungen dem Rotstift der größeren Verlage immer häufiger zum Opfer, die Zahl der sog. „Einzeitungskreise“, also die Zeitungen, die zwar noch einen eigenen Namen führen, aber den allgemeinpolitisch- und wirtschaftlichen Teil („Mantel“) von anderen Redaktionen beziehen, wächst beständig. Dieser Trend wird durch die aktuelle Werbekrise verstärkt, warnen Experten.
Die gesellschaftlichen Folgen der Medienkonzentration untersuchte nun auch eine gleichnamige Studie, die das Marktforschungsinstitut Prognos und das Institut für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich im Auftrag der Landesanstalt für Medien (LfM) Nordrhein-Westfalen erstellt haben. „Konzentrierte Medien gewinnen an Macht und sind eher in der Lage, die eigenen Ziele durchzusetzen und die Erwartungen der anderen gesellschaftlichen Institutionen an die Medien mitzubestimmen“, schlussfolgern die Autoren.
Überraschend: Neben der Globalisierung und Deregulierung sehen sie auch in der einheitlichen Verwendung von digitalen Technologien einen wichtigen Grund für die Konzentration: Sie ermögliche oder zwinge die Unternehmen sogar, in vor- und nachgelagerte Märkte zu investieren und crossmediale Verwertung zu betreiben.
Die LfM-Untersuchung zeichnet ein entsprechend düsteres Bild einer von wenigen Riesen dominierten Medienlandschaft. In Deutschland waren das bisher im TV-Markt Bertelsmann und Kirch. Allgemein müssten Kunden künftig weiter und sogar häufiger mit ausgedünnten Angeboten und standardisierten Inhalten rechnen.
Politische Alternativen gehen dabei schnell verloren. Nachrichten, hochwertige wissenschaftliche und kulturelle Beiträge, Hintergrundinformationen würden von Unterhaltung und als Journalismus getarnter PR verdrängt, abweichende Positionen hätten geringere Veröffentlichungschancen. Die Herstellung einer politischen Öffentlichkeit und Kontrolle sowie der Bildungsauftrag würden weniger ernst genommen. Medien wandeln sich vom Kultur- zum Konsumgut.
Aus ökonomischer Sicht bedeuteten Fusionen und Aufkäufe hohe Marktzutrittsbarrieren. Kleinere unabhängige Mitbewerber werden vom Markt verdrängt, weil die Konzerne in der Lage sind, interne Quersubventionierung und Crosspromotion zu betreiben. Der Jobverlust für qualifizierte Journalisten ist die Folge, dominante Verleger und Sendergruppen könnten dazu auch Medienpolitik blockieren.
Angesichts der wirtschaftlichen Krise vieler Zeitungshäuser hat auch der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck beim Mainzer Mediendisput vor den Gefahren der Konzentration gewarnt: Die Medien seien „für das Funktionieren einer freiheitlichen Gesellschaft von unabdingbarer Bedeutung“, so der Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder.
Die Studienautoren schlagen deshalb eine Art Selbstverpflichtung der Unternehmer vor. Sie sollen ihr wirtschaftliches und publizistisches Handeln offen legen und Maßnahmen gegen die gesellschaftlichen Risiken ergreifen. Auf diese Weise würden sie den staatlichen Regulierungsversuchen zuvorkommen und den Ruf nach mehr „Kontrolle für die Kontrolleure“ entschärfen.Diesen Ansatz begrüßt Horst Röper. „Wir haben zu wenig Transparenz im Medienbereich“, sagt er.
Die Verlage sind derzeit nicht verpflichtet, ihre Bilanzen offen zu legen. Sie schuldeten aus seiner Sicht jedoch Klarheit sowohl den Mitarbeitern als auch der Öffentlichkeit. So wäre es möglich, Schieflagen und Krisen in der Medienindustrie frühzeitig zu erkennen. Röper bezweifelt allerdings, dass die Medienhäuser sich freiwillig dieser Pflicht unterwerfen. In diesem Fall wäre der Gesetzgeber gefragt. An ihn auch die Forderung festzulegen, wann ein „Zuviel“ an Konzentration gegeben sei. Solche Begrenzungen gebe es bislang nur im TV-Markt: Dort dürfen die Sender eines Unternehmens maximal 25 % der Zuschauer erreichen.
Die Kölner Forscher Lutz Hachmeister und Günther Rager sehen als Aufgabe des Staates, durch eine vernünftige Mittelstandspolitik „Vielfalt zu sichern und gegenzusteuern“. Ansonsten könne er kaum in die Strategien international agierender Medienkonzerne eingreifen. Laut ihrer aktuellen Untersuchung über die 50 führenden Medienunternehmen der Welt (siehe Kasten) hat die globale Konzentration in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Top 50 hätten ihre Umsätze zwischen 1997 und 2001 um 157 % auf 415 Mrd. ® steigern können.
Zu den weltweit führenden Medienunternehmen gehören laut Hachmeister und Rager dabei AOL Time Warner mit einem Umsatz von 42,7 Mrd. ® im Jahr 2001. Und sogar Microsoft erreichte allein mit den Aktivitäten im Medienbereich einen Umsatz von 31,7 Mrd. ®. So entwickelt sich Bill Gates also auch im Mediengeschäft zu einem der einflussreichsten Spieler.
  M. JORDANOVA-DUDA/zel

Literatur und Onlinetipps
Links zur Medienmacht
In vergangenen Wochen haben Forscher neue spannende Ergebnisse zum Thema Konzentration im Medienmarkt vorgestellt.
Lutz Hachmeister und Günther Rager stellen in der aktuelle Ausgabe von „Wer beherrscht die Medien? – 2003″ (Beck“sche Reihe) die 50 weltgrößten Medienkonzerne vor.
In der Schriftenreihe „Medienforschung der Landesanstalt für Medien NRW“ erschien „Die gesellschaftlichen Folgen der Medienkonzentration – Veränderungen in den demokratischen und kulturellen Grundlagen der Gesellschaft.“
Horst Röper vom Dortmunder Institut Formatt beschreibt in der Fachzeitschrift Media-Perspektiven die Krise im Zeitungsmarkt 2002. zel

Von M. Jordanova-Duda/Zel

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