Medien 29.09.2006, 19:24 Uhr

Manager im Haifischbecken  

Weil die Gratis-Telefonie per Internet naht, müssen bei T-Com und in anderen Bereichen 32 000 Mitarbeiter gehen. Daimler streicht derweil 8500 Stellen in der Verwaltung, auch Siemens ist Dauergast in Spalten mit Entlassungsmeldungen.

Die aktuelle Entwicklung drückt auf die Stimmung. Management ist keine Wohlfühlaufgabe mehr – sondern ein harter Kampf. „Die einen müssen entlassen, die anderen werden entlassen“, fasst Roland Gieske, Unternehmensberater in Bremen, das Stimmungsbild zusammen. Die Buchbranche hat sich auf das raubeinige Klima eingestellt. Ihre wichtigste Messe beginnt nächste Woche in Frankfurt (4. 10. bis 8.10.), in den Regalen der Stände steht eine neue Sorte Literatur: Sie bedient den Killer-Instinkt, den der Angestellte in der modernen Großorganisation braucht.

Denn der neue Manager ähnelt dem Raubfisch. Er muss zusehen, dass er überlebt – und nicht selbst gefressen wird. Führungsmethode der Wahl ist „Shark Leadership“ (Orell Füssli Verlag, 232 S., 29,80 €). Mit diesem Buch will Autorin Sonja A. Buholzer zeigen, was man von ihrem Titelhelden, dem Hai (Shark) lernen kann. Gute Beute rechtzeitig wittern, unauffällig angreifen, möglichst immer siegen, das können sich Führungskräfte beibringen, die sich den Fisch zum Vorbild nehmen, vor dem jeder Angst hat.

Wem das noch nicht reicht, der greift zum Lügen-Ratgeber. Denn wer morgen ein Werk dichtmachen muss und das auf der Betriebsversammlung verkünden soll, sagt: „Wir sitzen alle im gleichen Boot.“ Das klinge gut, ist Balsam für die geschundenen Seelen der Mitarbeiter – und ist die Wahrheit, zumindest, bis die Betriebsversammlung zu Ende ist, sagen Mathias Schütz und Daniel C. Heine, Autoren des Buches „Lügen in der Chefetage“ (Wiley-Verlag, 250 S., 24,90 €). In turbulenten Zeiten sollte das jeder Vorgesetzte im Schrank haben und besser vor den Blicken der Mitarbeiter versteckt halten. Denn der Lügenführer bedient viele typische Alltagssituationen im Management, er zeigt, was man sagen muss, um Unangenehmes durchzusetzen und dennoch gut dazustehen. Die Empfehlungen sind überall einsetzbar – gegenüber Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten und Investoren ebenso wie gegenüber dem Aufsichtsrat, der Bank oder den Medien.

Dass solche Ratgeber mehr Leser finden als ein Buch über Werte in der Führung, erklärt die aktuelle Situation. Denn die Zeiten, als es noch kuschelige Unternehmenskultur gab („Wir sind alle eine Familie“), sind in den meisten Großbetrieben vorbei. Den Nachweis führt Svenja Hofert. Sie hat sich in der Szene umgeschaut – und ihre Ergebnisse in „Jeder gegen jeden. Der neue Klassenkampf in den Unternehmen“ zusammengefasst (Redline-Verlag, 200 S., 22,90 €). Hoferts Thesen: Ausbeutung durch die Vorgesetzten ist der Alltag, sie drücken, mobben und hetzen ihre Unterlinge. Die Mitarbeiter quittieren das auf ihre Weise: Dienst nach Vorschrift, freche Gehaltsforderungen und Anschwärzen von Kollegen breiten sich aus.

Da ist es wieder, das alte Muster: beißen und gebissen werden. Unter Druck ständiger Kostensparprogramme leben die Urinstinkte auf. Auch für dieses Thema gibt es ein vertiefendes Buch, Titel: „Was für ein Affentheater“ (Campus-Verlag, 280 S., 19,90 €). Richard Conniff hat es geschrieben, als Zoologe ist er der Mann vom Fach und kann problemlos das Versprechen des Untertitels einlösen: „Wie tierische Verhaltensmuster den Arbeitsalltag bestimmen.“

Neil Glass wendet diesen Gedanken auf Unternehmensberater an. Diese haben, wie ein Wolf, einen ausgeprägten Jagdinstinkt. Denn wichtigstes Ziel der Consultants sei, so Glass, aus Beute noch mehr Beute zu machen. Deshalb steuern sie die Beratung so, dass Folgeaufträge sicher sind. Sein Buch nennt er denn auch „Die große Abzocke. Die skandalösen Praktiken der Unternehmensberater“ (Campus-Verlag, 260 S., 19,90 €). Er entlarvt die Branche als Lügner und Betrüger, die ihren Kunden oft das Blaue vom Himmel verspräche. Nur eines stört an diesem Werk: Der Autor ist selbst Unternehmensberater. Warum schwärzt er mit dem Buch seine Wettbewerber an?

Ein weiteres Schwarzbuch analysiert die Vorgänge in der Lebensmittelindustrie. Auch hier haben die Manager schon das Lügen in ihren Alltag aufgenommen, sagen zumindest die Autoren. Kunden werde die Unwahrheit gesagt über Inhaltsstoffe, Betrug sei an der Tagesordnung. „Die Gesundheit der Kunden ist zum Spielball kommerzieller Interessen geworden“, sagt Marita Vollborn. Sie hat „Die Joghurt-Lüge“ zusammen mit Vlad Georgescu geschrieben und ist durch einschlägige Vorkenntnisse qualifiziert (Campus-Verlag, 300 S., 19,90 €). Als studierte Lebensmittel-Technologin und ehemalige Managerin bei Unilever wird sie sich ihr Urteil erlauben können.

Aber gebeutelte Manager und Kunden werden nicht alleingelassen. Ein Therapeutikum für all diese Missstände ist rasch bei der Hand – es kommt vom Mvg-Verlag und verspricht nicht weniger, als den ganzen Gram aus dem Business wieder zu vertreiben. „Jeden Tag weniger ärgern“ (Mvg-Verlag, 12,90 €) nennt Vera Birkenbihl ihr neues 200-Seiten-Werk, eine Anleitung zum Stimmungsmanagement. Ganz neu ist Birkenbihls Idee nicht. Günter F. Gross, der Doyen der immer praxistauglichen Einzelberater, vermarktet schon seit vielen Jahren sein „Anti-Ärger-System“. Nachzulesen ist es in „Beruflich Profi – privat Amateur?“ (MI-Verlag, 300 S., 24,90 €). Dieses Buch ist so erfolgreich, dass es schon in der 19. Auflage erscheint. AXEL GLOGER

Von Axel Gloger

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