Medien 02.09.2005, 18:40 Uhr

„Journalisten, die die Welt der Ingenieure verstehen“  

Technikjournalisten. Bislang sind es oft Seiteneinsteiger, die die Szene beherrschen. Doch das Thema ist so wichtig, dass seit einigen Jahren einige Fachhochschulen und Universitäten beginnen, systematisch Fachkräfte an der Schnittstelle zwischen Technik und Medien ausbilden.

Jetzt müssen Sie aufpassen, Sie wären nicht der Erste, der sich hier verläuft“, warnt Andreas Schümchen, als wir vom Hauptflur in den Seitenflügel einbiegen, in dem sein Büro liegt. Ein langgezogener Viertelkreis hier oben im zweiten Geschoss reiht sich Büro an Büro. In den beiden Etagen darunter Fernsehstudios, Seminarräume, Techniklabore. Wir sind an der Fachhochschule (FH) Bonn-Rhein-Sieg im Fachbereich Elektrotechnik, Maschinenbau und Technikjournalismus (EMT).

Schümchen, an der FH Professor für Journalistik – insbesondere Printmedien und Redaktionsmanagement -, lehrt Technikjournalismus. Eine übersichtliche Lehrtätigkeit, denn er kennt, wie seine Kollegen, die meisten Studierenden mit Namen. 27 stiegen im Wintersemester 1999 in den ersten Lehrgang ein. Heute drängen jedes Semester rund 200 Bewerberinnen und Beweber auf die 60 Studienplätze/Semester.

„Warum Technikjournalismus? Die Frage höre ich immer wieder“, seufzt Giso Deussen, bis August wie Schümchen Professor an der FH, Initiator des Studiengangs und inzwischen emeritiert. „Es gibt einfach viel zu wenig ausgebildete Journalisten, die profund etwas von Technik verstehen, die auch weitergehende Technikkenntnisse haben.“ Und es gebe heute einen großen Bedarf von Institutionen wie Pressestellen, PR-Agenturen und großen Firmen. „Die Unternehmen haben erkannt, dass die Erklärung ihrer Produkte wichtig ist.“ Doch diese Fachleute seien sehr selten und meistens Seiteneinsteiger.

Prof. Sabine Lepper, Dekanin des Fachbereiches EMT, sieht eine gesellschaftliche Aufgabe für die angehenden Technikjournalisten. „Der Umgang mit technischen Produkten ist heute schon vom Kindesalter an selbstverständlich. Trotzdem kann man gleichzeitig beobachten, dass naturwissenschaftlich-technische Fächer in Schulen eher unbeliebt sind.“ Das sei besonders vor dem Hintergrund unverständlich, dass die technischen Branchen eine hohe wirtschaftliche Bedeutung für den Standort Deutschland besäßen.

Die angehenden Journalisten sitzen unterdessen die Hälfte ihrer Zeit in eigenen Elektrotechnik- und Maschinenbauvorlesungen. Sie werden nicht verschont von den Grundlagen wie Mathematik und Physik. Sabine Lepper erläutert: „Die Phänomene und Prinzipien stehen im Vordergrund, weniger die Details.“ Das heißt: Die Technikjournalisten lernen weniger formal und stärker anschaulich, mit „erheblich geringerem mathematischen Anspruch“ als die Ingenieurstudenten.

„Die Studierenden sollen z. B. nicht lernen, eine Maschine zu konstruieren, aber sie sollen einen Konstrukteur verstehen, der ihnen seine Maschine erläutert“, gibt die studierte Physikerin Lepper die Zielrichtung an. „Wir wollten einen Studiengang, bei dem Absolventen herauskommen, die als Journalisten die Welt der Ingenieure kennen“, ergänzt Giso Deussen.

Die nötige journalistische Praxiserfahrung holen sich die FH-Studenten in 20-wöchigen Praktika im fünften oder sechsten Semester, die sie großteils selbst organisieren, oft im Ausland, wie Schümchen betont. „Der Übergang in den Beruf ist dann teilweise sehr fließend.“

Außerdem bringen Studienprojekte Abwechslung. „Bei Studienprojekten beteiligt sich der Auftraggeber auch an der Ausbildung“, betont Andreas Schümchen. Dann fließt kein Geld. Die Auftraggeber binden vielmehr eigenes Personal in die Ausbildung während des Projektes mit ein.

Die Zielgruppe der Studierenden für den Technikjournalismus unterscheidet sich nach Angaben von Prof. Lepper erheblich von der der klassischen FH-Ingenieur-Studiengänge, etwa durch den höheren Frauenanteil. Und die Frauenförderung schreibt sich die FH – besonders in technischen Berufen – auf die Fahne. „Die Frauen gehen gerne in die Öffentlichkeitsarbeit. Dort technischen Sachverstand zu haben ist immer von Vorteil. Texter bekommen sie en masse, aber kaum technisch versierte Leute“, weiß Andreas Schümchen.

Wichtig ist den Lehrenden auch der Unterschied zum Wissenschaftsjournalismus. „Die berichten über Technik, die noch kommt, Technikjournalisten über die des Alltags“, erklärt Deussen. Deshalb suche auch die Lokalpresse zunehmend Leute, die etwas von Technik verstehen. „Eine Müllverbrennungsanlage ist immer auch ein lokales Thema, das interessiert die Leute.“

„Die Nachfrage nach unserem Studiengang ist weiterhin hoch“, ist Giso Deussen stolz. Und sind die neuen Studenten dann einmal in der FH, sei die Abbrecherquote gering. Allerdings sei der Studiengang bisher vor allem regional bekannt, bedauert Andreas Schümchen und begleitet den Besuch wieder zum Hauptgang – sicherheitshalber: „Bevor Sie sich zum guten Schluss noch verlaufen“, schmunzelt er.

STEPHAN W. EDER

Von Stephan W. Eder

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