Medien 30.03.2007, 19:27 Uhr

Internet: Chance und Gefahr für die TV-Sender  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 30. 3. 07, jdb – Auch Fernsehsender setzen aufs Internet als Medium. Doch Videoportale und User Generated Content locken vor allem junge Menschen weg von der „Glotze“. Dabei ließe sich – so meinen Experten – mit TV-Programmen im Internet sogar Geld verdienen.

Genauso wie die Musikwirtschaft nicht willens war, ihr Erlösmodell CD über das Internet selbst anzugreifen und deshalb Opfer von Piraten wurde, überlassen die TV-Stationen in der digitalen Kommunikation anderen das Feld.“ Diese düstere Prognose stammt von Tim Renner, Ex-Geschäftsführer von Universal Music, der jetzt unter anderem über Internet „Motor TV“ betreibt. Renner: „Die besten Ausschnitte aus dem TV-Programm gibt es bei Youtube, nicht auf der Webpage der Sender. Diese halten in der Regel nicht einmal die letzte Folge der selbst produzierten Soaps bereit.“ Statt zu experimentieren, wie sich mit einem Programm, welches nicht mehr linear konsumiert wird, Geld verdienen lässt, verschließe man wie dereinst die Musikindustrie die Augen vor einer unbequemen Zukunft, in der jeder Werbeblöcke überspringt oder ausblendet.

Michael Wurzer, der mit seiner Firma verytv für T-Home einen Service-Kanal produziert, teilt diese Meinung: „Vor allem die jungen Zielgruppen haben sich einerseits daran gewöhnt, selber eigene audiovisuelle Inhalte zu produzieren und andererseits das Liebgewonnene aus der bisherigen TV-Welt mit den Vorzügen des Web zu kombinieren. Dieses Nutzungsverhalten werden sie beibehalten.“ Und aus Sicht von Bavaria-Unternehmenssprecher Tobias Gerlach sind besonders die User Generated Contents „Napster mit Bewegtbildern.“

Dabei haben fast alle Senderchefs in ihren obligatorischen Prognosen für das kommende Jahr betont, dass Internet für das Fernsehen immer wichtiger werden wird. Allein bei Myvideo wurden vergangenen Dezember fast 200 Mio. Videoviews gezählt. Myspace wurde Juli 2003 gegründet, zwei Jahre später für 580 Mio. $ an News Corp. verkauft nach eigenen Angaben hat der Dienst 150 Mio. Mitglieder und wächst stark. Youtube ist seit 2005 am Markt. Google übernahm den Videodienst im Herbst vergangenen Jahres für 1,3 Mrd. $.

Das hat anscheinend auch die Sender beeindruckt, die sich an solchen Portalen beteiligen (z. B. die ProSiebenSat.1-Gruppe an Myvideo) oder selber eigene gründen, wie RTL mit Clipfish. Öffentlich-rechtliche Sender befinden sich in diesem Bereich noch in der Planungsphase. Beim WDR etwa wird zurzeit an einem Internetportal für die junge Zielgruppe gearbeitet. Dort wird es wahrscheinlich für die Nutzer auch die Möglichkeit geben, eigene audio-visuelle Beiträge einzustellen. ARD-Sprecher Peter Meyer schränkt allerdings ein: „Unsere Angebote werden auch in Zukunft dem Journalismus verpflichtet bleiben, einem Journalismus, der abwägt, einordnet und gegebenenfalls auch kommentiert.“

Die Sprecherin von RTL Interactive, Simone Danne, jedenfalls ist über den Trend erfreut: „Zurzeit haben wir bei Clipfish 120 000 registrierte Nutzer und täglich werden es mehr.“ Auf dem Portal gab es beispielsweise ein Online-Casting für „Deutschland sucht den Superstar“, aktuell einen Talentwettbewerb, bei dem Teilnehmer Szenen aus „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ nachspielen müssen. Eine Idee, die gerade auch für „Verliebt in Berlin“ umgesetzt wurde: Die Zuschauer sind auch hier aufgerufen, das „perfekte Fan-Video“ zu Myvideo zuschicken – im Grunde ein Casting für Nachwuchsregisseure und -schauspieler.

Danne: „Wir verdienen noch kein Geld mit Clipfish, da die Vermarktung über die IP gerade erst anläuft. Das war eine bewusste Entscheidung, denn im ersten Schritt stand der Aufbau einer möglichst stabilen, großen und vor allem aktiven Community im Fokus. Jetzt geht es darum, Werbekunden in das Projekt einzubeziehen und mit ihnen gemeinsam zu einem Videoportal passende Werbeformen zu entwickeln.“ Das könnten beispielsweise „Themenchannels“ sein, bei denen Markenartikler Clipfish-Aktionen präsentieren. „Zudem bietet es sich natürlich an, Werbespots prominent zu platzieren, z. B. als ¿Spot-Tipp des Tagens¿.“ Eine weitere Möglichkeit der Refinanzierung sei, so Danne, die Einbindung kostenpflichtiger Download-Inhalte, wie Musikvideos. „Hier führen wir Gespräche mit der Musikindustrie.“

Der Trend hat auch die UFA aktiviert. Eigentlich als Web-2.0-„Research-Projekt“ mit eigener Website gestartet, hat die Produktionsfirma das Format „Jens-Uwe-Hansen-Show“, eine Art Video-Blog, mittlerweile bereits auf dem Videoportal Myvideo und auf Stern.de etabliert. Auch der Sprung ins Fernsehen ist mit dem Pay-TV Sender Sat.1 Comedy gelungen. Eine Verlängerung aufs Mobile und ins Free-TV etwa über die „MyVideo-Show“ bei Sat.1 oder „Talk, Talk, Talk fun“ auf ProSieben ist denkbar.

Jens-Uwe Bornemann, Leiter der Abteilung Business Development & Strategy bei der UFA, zum Hintergrund: „Die junge Zielgruppe erreichen wir im Fernsehen immer weniger, die halten sich eher bei Myvideo oder Youtube auf. Und so haben wir ein Format aufgesetzt, das sich an diese Zielgruppe richtet, mit allen Kommunikationstools und Mitgestaltungsmöglichkeiten des Web 2.0.“

Das Format soll im Test bis Ende Februar laufen. Dann wird nachgerechnet, ob es sich mit den Partnern wirtschaftlich alleine tragen kann. Weitere Projekte sind schon vorbereitet: angefangen bei Shows bis hin zu Castings. Bornemann: „Internet ist für uns ein wichtiges Medium, weil unsere zukünftige Zielgruppe sich jetzt bereits dort vorwiegend aufhält. Daraus können wir Schlüsse für unser Kerngeschäft TV ziehen. Die Zuschauer werden es gewohnt sein, ihre Lieblingsformate auf allen Plattformen zu erleben, das ist ein essentieller Baustein für die Zukunft und ein Wachstumsfeld für originäre neue Formate, die nur im Internet stattfinden oder aus dem Internet den Sprung ins Fernsehen schaffen.“

Die Agentur Bruce Dunlop & Associates (BDA) betreut in England den dort größten IP-Provider, die British Telecom. Paul Awe von BDA München glaubt nicht, dass Web 2.0 nun endgültig das Ende des klassischen Fernsehens einläutet: „Das Gegenteil ist der Fall. Youtube, Myspace oder Myvideo sind die besten Marketingplattformen, die sich ein TV-Sender wünschen kann. Promotion in Form von Bewegtbild war bisher nur auf dem eigenen Sender möglich, wofür die Sender wertvolle on-air-time abknapsen müssen. Jetzt geht das Ganze cross-medial und (noch) kostenlos, es geht schnell und es erreicht Millionen.“

Awe verweist auf CBS: „Dort wurde mit einfachen Outtakes der David Letterman Show auf YouTube die Quote um 7 % gesteigert. Mehr Aufwand betrieb Channel Four On Demand, die ihr neues Angebot über Google Video bekannt gemacht haben.“ Dass User Generated Content die großen Free-TV-Sender in Bedrängnis bringen wird, bezweifelt Thomas Hohenacker, der mit seiner Firma Telcast mit über 70 Kameras auf fünf Kontinenten Earth TV betreibt und in rund 200 Länder ausstrahlt, ebenfalls: „Die Endgeräte werden immer besser. Die großen Free-TV-Sender werden diesen High-QualityStandard verstärken und damit einen entscheidenden Mehrwert bieten.“

Noch ungeklärt ist die Rechtefrage von Inhalten, die im Netz hochgeladen werden (s. Kasten). Ob die unüberschaubare Menge von audiovisuellen Inhalten im Web überhaupt kontrolliert werden kann, wird von verytv-Chef Wurzer bezweifelt: „Man kann sich den neuen digitalen Möglichkeiten nicht mit Restriktionen widersetzen, man muss mitmarschieren, ob es einem passt oder nicht. Diese Welle ist mit keinem Damm der Welt mehr aufzuhalten.“ WILFRIED URBE

Von Wilfried Urbe

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