Medien 17.12.2004, 18:36 Uhr

Innovationen brauchen mutige Querdenker

VDI nachrichten, Düsseldorf/Berlin, 17. 12. 04 – Um Innovationen in Deutschland voranzubringen, braucht es nicht mehr nur klassische Forschung, sondern auch das Zusammenspiel verschiedener Disziplinen. Dafür setzen sich Experten jetzt mit einem Buchprojekt ein.

Wir sind der Spinnerclub im Fraunhofer-Institut“, schmunzelt Monika Fleischmann. Doch genau diese Rolle ist der Leiterin des MARS-Exploratory-Labs (Media Arts, Research & Science) wichtig. Denn: „Experimentierlabors und Think Tanks beschleunigen Innovation“, ist Fleischmann überzeugt. Und so arbeitet die Medienkünstlerin zusammen mit Informatikern, Gestaltern und anderen Künstlern daran, auf der Basis digitaler Technik neue Anwendungen zu entwickeln, beispielsweise für Intuitive Interfaces oder Mixed-Reality-Umgebungen. „Wir betreiben Medienkunst als Innovationsforschung“, fasst Fleischmann zusammen.
Die These, dass von Disziplinen wie der Medien- oder Videokunst und dem Zusammenspiel verschiedener Fachbereiche dringend benötigte Impulse auch für Wissenschaft und Wirtschaft ausgehen können, vertritt nicht nur die Laborleiterin am Fraunhofer Institut für Medienkommunikation (IMK), St. Augustin. Auch die Berliner Autorin Ulrike Reinhard vom Whois-Verlag trieb dieser Gedanke. Grund genug für die beiden Frauen, gemeinsam auf die Suche nach Argumenten, bereits umgesetzten Modellen und neuen Ideen zu gehen. Ein Jahr lang befragten sie für das Buchprojekt „Digitale Transformationen“ Wissenschaftler, Unternehmer, Lehrende und Künstler. Heraus kam ein spannender Blick auf digitale Zukunftswelten.
Beispiel 3deluxe: Das Berliner Unternehmen arbeitet im Team aus Mediengestaltern, Architekten, Designern und Informatikern an der Umsetzung multimedialer Technik in Räumen. „Dabei geht es auch um eine Weiterentwicklung der Mensch-Maschine-Interaktion“, erklärt Mareike Reusch von 3deluxe. Man gehe zunehmend weg von klassischen Eingabemedien und bewege sich hin zu sensorischen Elementen, die einfach und intuitiv zu steuern seien.
Einfache Bedienbarkeit steht auch bei „Breeze“ im Mittelpunkt. „Wir nutzen unsere Software selbst für die Weiterbildung unserer Mitarbeiter“, erklärt Ralph Weiß, Geschäftsführer des Unternehmens Macromedia. „Das User-Interface muss gut sein, sonst geht die Motivation verloren und es entsteht die Gefahr von Technikfeindlichkeit und Barrieren“, warnt Weiß. Gerade 40-bis 45-Jährige fänden nur schwer Zugang zu PC und elektronischen Arbeitsmitteln, so die Beobachtung von Weiß. „Dabei sind gerade Beschäftigte in dieser Altersgruppe für Entscheidungen in Unternehmen verantwortlich“, mahnt der Manager.
Wege, die technische Hürde hinabzusetzen, könnten da aus der Medienkunst kommen, so Monika Fleischmann. Gerade bei interaktiven Kunstwerken zeige sich, wie Menschen auf neue Technik reagieren.
Doch noch ist das MARS-Lab darauf angewiesen, auf eigene Faust für Gelder zu werben. Das Dilemma: Fördertöpfe, die eine Zusammenarbeit von Disziplinen vorsehen, sind selten. Mischprojekte sind entweder nicht technisch oder nicht künstlerisch genug, beklagen Forscher. Förderstrukturen sind langfristig vorgegeben und können nur nach und nach aufgeweicht werden, weiß auch Ursula Sowa, Architektin, Mitglied in der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ sowie im Ausschuss für Bildung und Technikfolgenabschätzung. „Um da etwas zu ändern, muss der Nachweis geführt werden, dass zum Beispiel neue Berufsfelder entstehen können“, erklärt die Politikerin von Bündnis90/Die Grünen. Auch habe das Feld „E-Culture“, in das neue Medien und die digitale Transformation eingebettet sind, noch nicht die breite gesellschaftliche Diskussion erreicht.
Ein Faktum, das weit reichende Folgen haben könnte. „Die Digitalisierung ist ein gesellschaftlicher Einschnitt wie der Buchdruck“, mahnt Giaco Schiesser, Leiter des Departements Medien und Kunst an der Hochschule für Gestaltung, Zürich. „Sie zieht sich durch alle Bereiche bis zur Arbeitswelt – doch der Wandel der Prozesse ist oftmals noch nicht begriffen worden, nötige Qualifikationen werden nicht erworben.“
Um die Diskussion, aber auch Forschung und Innovationen voranzubringen, könnten private Stiftungen helfen, meint Wilhelm Krull von der Volkswagen Stiftung. Denn sie könnten Gelder anders als staatliche Stellen einsetzen, auch die Marktmechanismen müssten nicht so stark wie bei anderen Einrichtungen beachtet werden.
Es gilt also, neues Querdenken gezielt zu fördern. Auch Fleischmann appelliert: „Um künstlerische Ansätze in die Forschungs- und Entwicklungsarbeit der Unternehmen zu integrieren, ist die Einrichtung interdisziplinärer Teams erforderlich. Dafür müssen Künstler und Forschungseinrichtungen – gerade in Unternehmen – neue Kooperationsmodelle entwickeln.“
SIMONE ZELL
www.imk.fraunhofer.de/mars

Von Simone Zell

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