Medien 19.01.2001, 17:28 Uhr

Inhalte statt technologischer Sackgassen

Die Suche nach Schlüsseltechnologien und langfristigen Technologietrends hat nicht selten etwas vom Stochern im Kaffeesatz. Der Autor des nachfolgenden Beitrags, Dr. Dieter Klumpp, ist Geschäftsführer der g.Alcatel SEL Stiftung.

Zu einer Zeit, in der Experten nicht einmal mehr aktuelle Entwicklungen der I&K-Branche erklären können – bestes Beispiel ist der Absturz der Nokia-Aktie nach Bekanntgabe eines Rekordergebnisses – tun sich die Experten mit Prognosen noch schwerer als früher. Da kommen selbst von den mutigen Amerikanern Gemeinplätzchen und Kaffeesatzlesungen, gepaart mit unverhohlenen Stoßgebeten für ausgewählte Aktienkurse.
Eine Prognose der späten Achtziger hat sich jedoch erfüllt: Nicht mehr die Schlüsseltechnologien der Zukunft, sondern die Anwendungen der Telekommunikationsdienste sollten im Vordergrund stehen. Das ist eingetroffen.
Jetzt aber gähnt im Vordergrund ein großes schwarzes Loch, in das immer wieder neue bunte Leuchtraketen geschossen werden. Interaktive Breitbanddienste, WAP-Applikationen und eine erstaunliche Anzahl von Unterhaltungsdiensten per UMTS, mit denen die Handy-Kids jedes Taschengeldbudget sprengen können. Nicht nur die Hersteller und Betreiber zünden händeringend die Pyrotechnik der „New Economy“, sondern auch und vor allem die „Neue-Medien-Medien“, die täglich und manche sogar stündlich neues Futter für hungrige (Farb-)Seiten oder Online-Pages brauchen.
Dabei ist schon heute ein Prognosemuster klar. Neue Dienste leben tatsächlich nicht von der Technik, sondern von den Inhalten, dem „Content“. Und dabei ist vor allem derjenige Content immer wieder der Erfolgreichste, der von Millionen Benutzern selbst gemacht werden kann: Telefon, Mobiltelefon, Telefax, E-Mail, SMS und das wilde Napstern von MP3-Musikclips sind selbst gemachte Contents, die zu Netzeffektgütern werden und boomen. Wo immer Content produziert werden muss, reicht die finanzielle Vorleistung von Hollywoods Filmemachern bis zu den WAP-Aufbereitern von Internetseiten. Da aber tritt jeder Finanzgeber gerne zur Seite, um dem anderen den Vortritt zu lassen. Und wo kein Content ist, da werden die Businesspläne recht wolkig.
Weil Prognosen zur technischen Entwicklung nicht mehr gefragt sind, werden gut klingende Substitute gesucht
Selbstverständlich wird die Zahl der Handys schon bald die der Festnetztelefone überschreiten. Dies sagt allerdings noch nichts über das Gebührenaufkommen aus: Millionen abgeschalteter Prepaid-Handys liegen in Schubladen oder Handschuhfächern. Für Handyhersteller gibt es nach dem regulatorisch gewollten ruinösen Wettbewerb nichts mehr zu verdienen, sie werden sich wie die Tankstellen um Zusatzgeschäfte wie Schokoladenriegel kümmern müssen. Welche Samsungs, Ericssons oder Nokias übrig bleiben, ist ein beliebiges Rubbellos.
Die Milliarden SMS werden tatsächlich bald an die physischen Grenzen stoßen: Mit Sehnenscheidenentzündung in den Fingern freut man sich über berieselnde Unterhaltungsangebote mit einem einzigen Knopfdruck. Auch der e-commerce wird sich in der realen Warenwelt schwer tun, bei der Kommerzialisierung der „virtuellen“ Waren wie zum Beispiel dem Wissen gibt es Probleme mit dem Grundsatz „erst die Ware, dann das Geld“.
Alle Prognosen zur interaktiven Fernsehwelt stimmen natürlich, weil sie allesamt aus derselben Luft gegriffen sind. Dabei ist noch nirgends auf der Welt bisher der Digitalisierungsruck durch die Kabelnetze gegangen. Die Abneigung der Firma Microsoft gegenüber allem, wo nicht Microsoft drin ist, gehört zum MS-Geschäftsprinzip, welch eine Prognose! Dass DVD die VHS-Kassette ablösen wird, ist ebenso unausweichlich wie die Ablösung der LP durch die CD.
Die buntesten prognostischen Leuchtraketen schießen die Verkehrstelematiker ab. Weil einerseits Abermillionen von Autos schon von der Stückzahl her neue Chipproduktionen verlockend machen, und andererseits die fahrzeugautonomen Systeme eher in die Kategorie „Fancy-Zubehör“ fallen als in die der nachhaltigen Problemlösungen für den Verkehr der Zukunft, geht es ohne Hochglanzbroschüren für die Analysten nicht weiter.
Motorola hätte die Power, die tollsten Chiplösungen zu bieten, wenn es denn auch nur ahnungsweise wüsste, welche Probleme es zu lösen gilt. Die amerikanischen OnStar-Services merken bereits, dass ihre Kunden öfter Hotelzimmer oder Restaurants brauchen als die Alarmmeldung durch den ausgelösten Airbag – leider haben das auch die Kunden begriffen und fliehen in die elektronische Abstinenz.
Industrien, die es derzeit nicht einmal schaffen, „intelligente Trassen“ zu entwickeln, mit denen sich wirklich ein geldwerter Content für Verkehrssteuerung, Straßensicherheit, Logistik und Verbraucherinformationen darstellen ließe, sind eben dazu gezwungen, den Stau durch Elektronik im Auto wenigstens unterhaltsam zu machen. Die Technik dafür ist ausgereift.
Eine Langzeitprognose sei gewagt: So lange jede technologische Grundlagenforschung erst einmal ein daraus resultierendes Produkt vorzeigen muss, das innerhalb von 18 Monaten im Markt zu sein hat, wird es keine „Schlüsseltechnologien“ mehr geben, sondern nur noch technologische Korridore für den „großen unbekannten Dienst“, von denen manche eben Sackgassen sein werden. Aber vielleicht zündet ja einmal die Idee, dass die Informationsgesellschaft uns nicht in den Schoß fällt, sondern hart erarbeitet werden muss. DIETER KLUMPP

Von Dieter Klumpp

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