Medien 21.05.2004, 18:30 Uhr

Gekonntes Spiel mit den Urängsten

New York versinkt erst in den Fluten und erstarrt dann in Schnee und Eis; Los Angeles wird von Tornados, Tokio von Hagelstürmen zerfetzt. Wie realistisch ist das Szenario des Films, der nächsten Freitag weltweit in den Kinos anläuft? Ein Klimatologe und ein Meteorologe nehmen nachfolgend Stellung zu den wissenschaftlichen Hintergründen.

Völlig daneben. So lautet das Resümee des Klimaforschers Prof. Dr. Hans von Storch vom GKSS-Forschungszentrum Geesthacht, zum Emmerich-Film „The Day after Tomorrow“, der am 28. Mai weltweit in den Kinos anläuft. „Der Film ist nicht frei von Wahrheiten, und bei mancher Szene könnte man sagen: Vielleicht ist das in der Art möglich. Aber in der Summe gilt: So ablaufen kann ein Klimawandel auf keinen Fall.“
Im Spielfilm ergibt sich die Dramatik aus der Geschwindigkeit, in der die Ereignisse eintreten: Gewaltige Stürme, die ganze Kontinente umfassen, entstehen dort innerhalb von Stunden. Sie transportieren arktische Kälte in Richtung Äquator, nicht aber – wie in der Realität – gleichzeitig Wärme zu den Polen. In ihrem „Auge“ fällt die Temperatur innerhalb von Minuten in eiserstarrende Tiefen. „Das funktioniert schon aus Gründen der Wetter-Dynamik auf keinen Fall“, so der Klimaforscher. Auch von der Ausdehnung her seien derartige Stürme völlig unrealistisch.
Als Ursache der Extremereignisse nimmt das Film-Szenario einen „Abriss“ des Golfstroms an, der im Moment für das relativ milde Klima in den nördlichen Breiten des Atlantiks verantwortlich ist. Entscheidend für das Klima in Nordeuropa ist dabei die so genannte Thermohaline Zirkulation (THC): Dabei dringen Teile des Golfstroms als relativ warme Strömung bis in hohe nördliche Breiten des Atlantiks vor. Dort geben sie ihre Wärme an die Atmosphäre ab, kühlen aus und sinken in große Tiefen ab. Erst dieses Zusammenspiel zwischen warmer Oberflächen- und kalter Tiefenströmung schafft das heutige Klima in West- und Nordeuropa.
„Dass dieses Strömungsmuster sich infolge der globalen Erwärmung verändert, ist prinzipiell durchaus möglich“, bestätigt der Meteorologe Prof. Dr. Jochem Marotzke. Das Problem sei, niemand könne heute vorhersagen, mit welcher Wahrscheinlichkeit und in welchen Zeiträumen dies eintreten könnte. „Es ist im schlimmsten Fall vorstellbar, dass wir in den nächsten 10 bis 20 Jahren im Nordatlantik eine Abkühlung um 3 °C bis 5 °C erleben. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist zwar gering, aber sie ist nicht gleich Null“, so der derzeitige geschäftsführende Direktor des Hamburger Max-Planck-Institutes für Meteorologie. Wenn dies passiere, seien die Folgen gravierend, selbst wenn ein Teil dieser Abkühlung durch die gleichzeitige globale Erwärmung der Atmosphäre, den Treibhauseffekt, ausgeglichen würde.
Um solche Veränderungen besser voraussagen zu können, muss die Forschung sehr viel mehr über die THC wissen. Marotzke hat dazu gerade in einer internationalen Kooperation ein Mess-System am Ost- und Westrand des Atlantiks installiert, das erstmals Auskunft darüber geben soll, wie die Strömungen sich in ihrer Summe verhalten. „Es ist übrigens verblüffend,“ berichtet der Klimaforscher, „dass in dem Film auf eben solche Messungen Bezug genommen wird – obwohl die Filmemacher von unserem Projekt gar nichts wissen konnten.“
So genannte abrupte Klimaveränderungen sind derzeit in der Klimaforschung ein heißes Thema. Zwar habe die Paläoklimatologie Hinweise dafür geliefert, dass in der Erdvergangenheit abrupte Klimaänderungen abliefen, doch seien diese nur in Kaltzeiten aufgetreten, nicht dagegen in einer Warmzeit, wie sie die Erde in den letzten 10 000 Jahren durchläuft. Dass uns eine neue Kaltzeit bevorstehe, sei zwar nicht ausgeschlossen, so von Storch. Es sei aber zurzeit unmöglich vorherzusagen, ob und wann dies geschehen werde.
Nach von Storchs Auffassung ist es auch wissenschaftlich unzulässig, Wetterextreme, wie sie in den letzten Jahren häufig aufgetreten sind (Hochwasser, Dürren, Stürme u.a.), als Beweis dafür zu nehmen, dass katastrophale Ereignisse bereits zugenommen haben oder sich in Zukunft verstärken werden. „Gehäuft auftretende Wetterextreme sind kein neuartiges Phänomen. Die historische Klimaforschung zeigt, dass solche Extremereignisse in Clustern auftreten. So habe jüngst eine wissenschaftliche Publikation beispielsweise gezeigt, dass Überschwemmungen an der Elbe in solchen Clustern aufzutreten pflegen.
„Da Klimaveränderungen in der Realität eher schleichend verlaufen,“ betont der Klimaforscher, „werden sie von den Menschen als weniger bedrohlich wahrgenommen als katastrophale Ereignisse“. Es gelte jedoch zwei Fragen zu beantworten: Liegen die Veränderungen „im Rahmen des Normalen“? Und welche Ursachen kann man ihnen zuordnen? Aus wissenschaftlicher Sicht ist, so von Storch, eine solche Ursachen-Zuweisung zumindest für die globale Durchschnittstemperatur gelungen: Diese hat sich in den letzten 100 Jahren deutlich erhöht. Ein erheblicher Teil, rund zwei Drittel, dieser Erhöhung beruht dabei ganz offenbar auf der im gleichen Zeitraum gestiegenen Konzentration an Treibhausgasen in der Atmosphäre. Zurzeit sei allerdings noch immer unklar, wie sich diese globale Veränderung in einzelnen Regionen der Erde auswirken werde.
Darüber hinaus könne als sicher gelten, dass der Wasserspiegel der Ozeane angestiegen ist und in Zukunft um einige Zentimeter pro Jahrzehnt weiter steigen wird. „Wir erwarten darüber hinaus, dass mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Häufigkeit und Stärke bestimmter Wetterextreme, zum Beispiel von Starkregen oder Stürmen, bis zum Ende des 21. Jahrhunderts etwas zunehmen werden“, so von Storch. Solche Klimaveränderungen seien nicht mehr vermeidbar, sondern nur in ihrem Ausmaß verringerbar.
Es sei vor allem notwendig, sich auf solche nachgewiesenen – oder zumindest sehr wahrscheinlichen – Veränderungen vorzubereiten. „Da wird z.B. der Küstenschutz an der Nordsee, aber auch in der Dritten Welt, große Bedeutung erhalten“, mahnt von Storch. Insgesamt komme solchen Anpassungsmaßnahmen mindestens gleiche Bedeutung zu wie der Vermeidung von Treibhausemissionen. Das würde dann auch die gegenwärtige Verletzlichkeit von Gesellschaft und Wirtschaft vermindern. Dazu müsse die Wissenschaft aber erst die derzeitigen Wetterrisiken und deren Auswirkungen besser verstehen, um praktikable Adaptionsmaßnahmen zu entwickeln.wip
www.mpimet.mpg.de

Stellenangebote im Bereich Maschinenbau, Anlagenbau

WIRTGEN GmbH-Firmenlogo
WIRTGEN GmbH Projektingenieur im Bereich Kaltrecycling (m/w/d) Windhagen
BEUMER Maschinenfabrik GmbH & Co. KG-Firmenlogo
BEUMER Maschinenfabrik GmbH & Co. KG Director (m/w/d) Engineering Conveying & Loading Systems Beckum
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)-Firmenlogo
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) Projektleitung (w/m/d) für den Aufbau eines Reinraumzentrums Eggenstein-Leopoldshafen
Orion Engineered Carbons GmbH-Firmenlogo
Orion Engineered Carbons GmbH Projektingenieur für den Bereich Chemieanlagenbau (m/w/d) Köln
XENIOS AG-Firmenlogo
XENIOS AG Prozessingenieur / Produktionsingenieur (m/w/d) Medizintechnik Heilbronn
Orion Engineered Carbons GmbH-Firmenlogo
Orion Engineered Carbons GmbH Projektingenieur (Rohrleitungstechnik) (m/w/d) Köln
DLR Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V.-Firmenlogo
DLR Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. Leiterin oder Leiter Strategieabteilung Luftfahrt Köln
Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB)-Firmenlogo
Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) Ingenieur (m/w/d) der Fachrichtung physikalische Technik, technische Optik, Elektrotechnik Braunschweig
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG-Firmenlogo
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG Softwareingenieur modellbasierte Entwicklung für Steuerungstechnik (w/m/d) Bruchsal
RENK Aktiengesellschaft-Firmenlogo
RENK Aktiengesellschaft Vertriebsingenieur (m/w/d) als Produktmanager – Maschinenbau / Elektrotechnik Augsburg

Alle Maschinenbau, Anlagenbau Jobs

Top 5 Medien

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.