Medien 19.05.2000, 17:25 Uhr

„Für Soundtechniker der Horror schlechthin“

In Europa zählt der Eurovision Song Contest zu den größten Herausforderungen für Techniker und Organisatoren. Fast alles läuft live ab; fast alles kann schief gehen. Nur bewährte High-Tech-Firmen statten den Wettbewerb aus – wie Sennheiser, die seit 16 Jahren für Mikrofone und Übertragungstechnik sorgen.

Fast hätte niemand „Hello Europe“ gehört, mit dem die schwedische Violinistin den Eurovision Song Contest am vergangenen Sonnabend kurz nach 21 Uhr eröffnete. Klebeband war in die Steckverschraubung des Mikrofons geraten, ein übernervöser Techniker hatte nicht aufgepasst. Konsequenz: keine Verbindung, kein Signal am Verstärker. Das Sound-Team aber hatte vorgesorgt. Ein Ersatzmikrofon funktionierte einwandfrei. Deshalb bekam die 15-jährige Blondine auf „Hello Europe“ ihren geprobten Begeisterungssturm von 13 000 Gästen im Stockholmer „Globen“.
Dass vieles trotz tagelanger Proben dennoch schief gehen kann, wissen insbesondere die Tontechniker. Erst 10 Minuten vor dem Start der Sendung haben sie ihren entscheidenden Check. „Dieser riesige Rundbau mag sich für Eishockey gut eignen,“ schimpft Rolf Meyer leise. „Aber für die Soundleute ist er der Horror schlechthin“, ergänzt der Geschäftsführer des Akustikspezialisten Sennheiser electronic aus Wedemark bei Hannover.
Zum Beweis schnippt er vor einer der vielen Proben, mitten im Publikumsbereich stehend, mit den Fingern kurz in die Luft. Die Antwort kommt prompt über die Sound-Anlage in den Saal zurück. Stahl, Glas und Hartholzbestuhlung für rund 13 000 Menschen reflektieren den Schall. „Erst wenn sie alle sitzen, können die Toningenieure checken, wie sie dieses Echo in den Griff bekommen.“ 10 Minuten vor Sendebeginn.
Echos zählen zu den Standardproblemen von Toningenieuren. Aber gerade bei Live-Großveranstaltungen wie dem „Eurovision Song Contest“ kann viel mehr schief gehen. 24 Künstlergruppen brauchten für ihre Live-Auftritte im Sechsminutentakt eine überall perfekt funktionierende Funk-Technik. Das Spannende dabei: Das Chaos muss verwaltet werden. Denn während eine der Künstlergruppen auf der Bühne tobt, wimmelten in den Katakomben dahinter weit mehr als 200, manchmal hypernervöse Künstlerkonkurrenten, Begleiter sowie exzentrische Manager herum. Nur eine organisatorische oder technische Unsicherheit, und der Teufel ist los.
Deshalb haben alle mehr als eine Woche vorher geübt, wieder und wieder: Bis zu den letzten Proben am Sonnabendvor- und nachmittag sangen die Tontechniker bei den meisten Songs zumindest den Refrain souverän mit. Damit hatten sie auch die meisten Pleiten schon hinter sich. Denn gleich am Anfang der Probenwoche mussten Monteure die Bühne umbauen das Stahlgerüst stand zuerst knapp zwei Meter zu weit nach rechts.
Dann immer wieder: Standpositionen der Künstler, Instrumente und Mikrophone auf der Bühnen festlegen Klebestreifen setzen, probieren, korrigieren, neue Markierungen kleben. Tanzeinlagen wiederholen, Kameraleute und Lichttechniker instruieren, Probeaufnahmen ansehen, Korrekturen festlegen. Für jede Gruppe einzeln. Zugleich neue Kabel ziehen, Verbindung, Lichteinsätze, Nebelmaschinen prüfen. Die funkgesteuerten Lichtwände, die den Bühnehintergrund abgaben, haben erst während der Live-Veranstaltung am Sonnabend erstmals ohne Fehler funktioniert.
Schließlich Soundchecks: Stimmt die Höhe der Mikrofonstative? Dominieren Bässe, die die Hochtöne zumindest beim Zuhören stark unterdrücken? Dann den Wechsel üben: Ines aus Estland kommt von der Bühne, Sofia Mestari aus Frankreich muss, am Bühnenaufgang stehend, bereits technisch vollständig ausgerüstet sein. Also: Licht aus, Ines und den Musikern Mikrofone abnehmen, Batterien herausnehmen und neu laden, neue Mikros zusammenschieben und bereitlegen.
Sofias Mikrostative haben die Techniker Minuten vorher entsprechend der Aufzeichnungen ihrer Körpergröße angepasst und am abgesprochenen Platz auf der Bühne aufgestellt. Auch die kleinen Sende- und Empfangsboxen sind schon am Künstlerkörper versteckt. Denn ohne „Knopf im Ohr“ (In-Ear-Monitor) läuft nichts. Hierüber hört der Sänger seine Begleitmusik sowie zwei Sekunden vor dem Einsatz ein Startsignal. In-Ear-Monitore machen unschöne Lautsprechermonitore vor oder unter der Bühne überflüssig.
„Vor einem Jahr in Israel war der norwegische Sänger als neuer Michael Jackson angekündigt“, erinnert sich Klaus Willemsen, Chefingenieur im Sennheiser-Team hinter der Bühne. Dieser Barde schaltete während des Lieds eine Lichterkette im Haar ein – und erwischte schon während der Proben regelmäßig den Schalter für seinen „In-Ear-Monitor“. Da er trotz guten Zuredens nichts ändern wollte, passierte das Unglück auch live während des Wettbewerbs: Funkstille im Ohr, keine Begleitmusik mehr, Singsang ohne Taktbegleitung.
Nach der verpatzten Show tobte der junge Mann hinter der Bühne, gab vor allem den Technikern die Schuld. Ein offizieller Protest hätte seine Dummheit allerdings nur offensichtlich gemacht. Statt eine Eingabe bei den Veranstaltern zu machen, zerschlug er zum Abschied lieber Einrichtungsteile seines Hotels. „Seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört“, sagt Sennheisers Cheftechniker Klaus Willemsen.
In Stockholm hatte Willemsens Crew vor allem Arbeit mit dem Signalsalat. Sennheiser überträgt die kritischste Strecke der Signale per Funk- vom Mikrophon auf der Bühne zur Sende-/Empfangsanlage dahinter sowie zum Teil zurück in den In-Ear-Monitor. Danach geht es mit festen Kabelverbindungen weiter zur PC-gesteuerten Verarbeitung, zu den Mischpulten für die Saalbeschallung, die auch während des Live-Events kurzzeitig aussetzten, und schließlich zum Übertragungswagen. Zugleich jedoch funken Polizei, Radiostationen, Sicherheitsleute, Organisatoren, Bühnenarbeiter oder sonstige Begleiter fast ständig andere an. Chaos, das sich nur mit strikter Frequenzordnung bewältigen lässt.
„Wenn dazwischen jemand mit einer nicht zertifizierten Videokamera auftaucht, hat der Sänger alles andere im In-Ear-Monitor, nur seine Begleitmusik nicht,“ erklärt Willemsen. Passiert ist das ebenfalls 1999 in Israel. Da sich der In-Ear-Monitor automatisch in seinem Frequenzspektrum das stärkste Signal aussucht und wiedergibt, hatte das Sennheiser-Team bange Minuten auszustehen, bis der „Störer“ irgendwo in den Gängen zu den Künstler-Gardroben endlich ausgemacht und rausgeschmissen war.

Technik-Ausstatter profitieren vom Signalgewimmel

Das Signalgewimmel bringt jedoch auch Gutes. Wenn es ums Geschäft geht. Wer es wiederholt neu schafft, den Ton vom Mikrofon exzellent bis zum Übertragungswagen vor dem Gebäude und schließlich zu den TV-Geräten in die Wohnzimmer weltweit bringt, dem gehört die Spitze. In der Fachwelt spricht sich so etwas herum und Toningenieure sind – neben den Künstlern – die wichtigsten Kaufentscheider. Technische Mängel akzeptieren weder sie noch die Veranstaltungs- oder Musikermanager. Ein grober Technikfehler eines der vielen freiberuflichen Toningenieure, und der Anschlussauftrag bleibt wahrscheinlich aus – gleichgültig, wie lange er zuvor hervorragend gearbeitet hat. Deshalb lieben die Tontechniker Anlagen und Teams, die sich unter Extrembedingungen bewährt haben.
Kein Wunder, dass Sennheiser den „Eurovision Song Contest“ sponsort, in diesen Fall mit rund 250 000 DM. Klappt alles bestens, entscheiden die Toningenieure beispielsweise von „Radio Sweden“ oder einem Theater in Stockholm, das Sennheiser-Equipment anzuschaffen. Und danach, das weiß auch Sennheiser-Chef Rolf Meyer, werden diese Leute immer wieder einmal um Rat gefragt, wenn irgendwo auf der Welt ein neues Musical anläuft, Stars aus den USA kommen oder ein neuer Gesangsstar gen Pop-Himmel strebt.
Erfahrung schafft in dieser Branche einen guten Namen, und sie zahlt sich auch, nicht nur in bilanzierten Umsatzzahlen, aus. Denn während der zwölf Proben schwächte sich in Stockholm immer wieder das Signal der Bühnenmikrofone ab. Bis jemand kleine Wassertropfen auf einer Antenne der sechs Sende-/Empfangsstationen direkt hinter der Bühne entdeckte. Die Geräte standen genau in der Schusslinie des Kunstnebelwerfers. Ein Handgriff, ein neuer Standort für die Anlagen, dann war auch das Problem gelöst.
„Der Künstler muss sich auf der Bühne sicher und wohl fühlen. Stimmt etwas nicht, macht er allen die Hölle heiß, zuerst jedoch der Technik“, weiß Chefingenieur Willemsen – und nimmt allerdings den deutschen Eurovisionsteilnehmer Stefan Raab auch von dieser Regel aus. Um künstlerische Qualität geht es dem schließlich nicht. Deshalb war es Raab auch fast egal, mit wessen Gerätschaft er die CD „Wadde hadde dudde da“ aufnehmen konnte: Die Mikrofone jedenfalls stammten vom Sennheiser-Konkurrenten AKG. „Die haben mir das Mikrophon ja auch geschenkt“, sagt er hinter der Bühne kurz vor der Generalprobe.
Sennheiser-Geschäftsführer Rolf Meyer zückte daraufhin seine Visitenkarte: „Na, dann werden wir Ihnen auch mal ein Mikrophon schenken.“ Und Raab strahlte. Die beiden Herren sehen sich in den kommenden Wochen bestimmt wieder. DOROTHEA WENDELN-MÜNCHOW
Live-Spektakel vor Millionen-Publikum: Hinter der Bühne hörten sich die Tontechniker jede Stimme auf den jeweiligen Einzelfrequenzen über Kopfhörer an. Jedes mal, wenn sie die Raab-Begleitsängerinnen zuschalteten, klopften sie sich prustend auf die Schenkel. Immerhin gab Stefan Raab nachher zu: „Die können das auch gar nicht singen.“
Denmark twelve points: Die dänischen Sieger dürften am Samstag Abend mit den Leistungen der Techniker zufrieden gewesen sein.

Von Dorothea Wendeln-Münchow

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