Medien 21.12.2007, 19:32 Uhr

Digitales Kino ersetzt den Film durch schnelle Datenleitungen  

VDI nachrichten, Berlin, 21. 12. 07, jdb – Die „verteilte Produktion“ spielt nicht nur in der Industrie, sondern auch im Medienbereich eine immer wichtigere Rolle. Sowohl die Zuspielung bei Aufnahme und Bearbeitung als auch die Qualitätskontrolle unkomprimierter digitalisierter Kinofilme können grundsätzlich überall auf der Erde und in Echtzeit stattfinden – vorausgesetzt, entsprechend hochratige Glasfaserverbindungen und geeignete Datenprotokolle stehen zur Verfügung. Der aufwendige Transport der Filmspulen oder von Datenträgern kann entfallen – und so manche Reise ebenfalls.

Die Träume von George Lucas, Wim Wenders und Co. werden langsam Realität – die vollelektronische Filmproduktion von Aufnahme über Postproduktion, Schnitt und Projektion im Kino bis zur Wiedergabe. Doch auf dem Weg zum „Digital Cinema“ gibt es noch viele Baustellen, die erst langsam geschlossen werden. Vor allem die Digital Cinema Initiative (DCI) hat diese Entwicklung seit Mai 2002 massiv vorangetrieben.

Dabei ist es egal, ob Filmmaterial – heute ist nur noch Acetat oder Polyester erlaubt – zuerst belichtet und dann abgetastet oder ob gleich digital aufgenommen wird – die Datenmengen sind gigantisch. Auch Nachbearbeitung und Schnitt müssen auf hohem Niveau, also unkomprimiert, erfolgen. So wollte Georg Lucas schon bei Star Wars: Episode II – Attack of the Clones (Angriff der Klonkrieger) vor fünf Jahren die besten Postproduktionshäuser der Welt gleichzeitig am ersten voll digitalen Kino“film“ beteiligen. Doch die Aufnahmen konnten nur auf großvolumigen Datenträgern verschickt werden – wertvolle Zeit ging damit verloren.

Das könnte jetzt anders gehen – eine Entwicklung aus den Laboren der Firma Thomson in Hannover macht es möglich, dass die Filmdaten künftig über Glasfaserleitungen verteilt werden – in Echtzeit und ohne Störungen. „Vor allem für die Beurteilung der jeweiligen Produktionsschritte muss das häufig schon im 4k-Format mit 4096 x 2160 Pixeln aufgenommene bzw. abgetastete Filmmaterial unkomprimiert sowie in voller Auflösung projiziert werden – egal wo und wie lang die Leitungen dazwischen sind“, erklärt Lab-Manager Uwe Riemann. „Für das digitale Kino rücken Aufnahme, Nachbearbeitung, Schnitt und Kontrolle virtuell viel enger zusammen. Während Nachbearbeitung und Schnitt in Hollywood erfolgten, kann die Abnahme durch Regisseur, Kameramann und Produzent z. B. in London oder Berlin erfolgen, wo gerade der nächste Film entsteht.“

Mangel an Glasfaserstrecken gibt es inzwischen kaum noch, die meisten der großen Städte sind über gigantische Glasfasernetze miteinander verbunden. Was bislang fehlte, war vor allem ein Übertragungsprotokoll, das die Datenpakete fehlerfrei und in Echtzeit über die Leitungen bringt. „Auch bei gigantischen Datenraten von 3 bis 8 Gigabit pro Sekunde darf es keine Unterbrechungen geben“, so Ralf Köhler, Senior Technical Advisor im Thomson-Labor. Keine einfache Sache, denn ganz ohne Störungen kommen Datenpakete, die zwischen 8000 und 9000 Bytes umfassen, meist nie durch die Glasfasern.

Deshalb haben die Thomson-Forscher ein intelligentes Transportprotokoll für Datenraten von bis zu 10 Gbit/s entwickelt, das auftretende IP-Paketfehler korrigiert. „Die fehlenden Datenpakete werden erneut angefordert und dann mit übertragen, ohne dass es zu Störungen im Bild kommt“, so Carsten Herpel, ebenfalls Senior Technical Advisor der Thomson-Crew. Die für die „Re-Transmission“ benötigte Laufzeit (Latenz) wird durch kurzfristige Erhöhung der Datenrate wieder reingeholt. Bei 2000 km Faserlänge sind das immerhin etwa 10 ms. Ein Bildspeicher puffert den Vorgang zudem noch elegant ab.

In Hannover können sich Interessenten diese Technik nun ansehen, kann Thomson da doch auf einen hausinternen, permanenten 10 Gigabit-Anschluss des Telekommunikationsanbieters LambdaNet Communications zurückgreifen. Das Unternehmen unterhält in Deutschland ein Leitungsnetz von 6500 km, und für eine erst kürzlich stattgefundene Vorführung nutzte Thomson gerade mal 2000 davon. Die Strecke führte von Hannover über Braunschweig, Magdeburg, Berlin, Dresden, Leipzig bis nach Erfurt und wieder zurück.

Doch selbst bei 10 000 km macht das Protokoll nicht schlapp, die vom schwedischen Fernsehen produzierten Bilder auf der riesigen Leinwand bleiben ungestört. Selbst eingeschleuste Fehlerraten von einem Promille bleiben wirkungslos. Anders bei den im Vergleich gezeigten Internetprotokollen TCP (Transmission Control Protocol), UDP (User Datagram Protocol) oder RTP (Real-Time Transport Protokol) – da ruckelten die Szenen immer wieder vor sich hin, halt wie im richtigen Internet.

Für die Zuspielung zu den derzeit weltweit etwa 5000 digitalen Kinos reicht übrigens eine Datenrate von 250 Mbit/s aus. Die Bilder sollen künftig JPEG2000-komprimiert und mehrere Male verschlüsselt nachts über Satellit oder via Datenträger auf große Server überspielt werden. Erst bei der Wiedergabe mit D-Cinema-Projektoren erfolgt die Entschlüsselung.

So ein elektronischer Bildwerfer steht z. B. bei Sony für schlappe 66 750 $ in den Preislisten und das ist längst nicht das teuerste Modell. Hinzu kommen noch die Kosten für Satellitenempfang und die Server – alles Gründe dafür, dass Kinobetreiber beim letzten Schritt noch zögerlich sind. Daher wird bis heute in den allermeisten Fällen für Verteilung und Vorführung nach wie vor auf Film belichtet – und das sind bis zu 3000 m für einen klassischen Kinohit, aufgeteilt auf fünf 600-m-Spulen, insgesamt 30 kg schwer und 1000 € teuer.

Die Thomson-Entwicklung dürfte indes bei D-Cinema zumindest Produktion und Qualitätskontrolle deutlich beschleunigen. Dabei haben die Entwickler aus Hannover nebst ihren Marketingkollegen vor allem noch ein Problem – sie müssen einen gängigen und bislang ungeschützten Namen finden. Denn mit dem nüchternen Titel „Echtzeit Datenübertragung für unkomprimierte 4k-Digital-Film-Daten über ein IP-Netzwerk“ ist schlecht werben. RAINER BÜCKEN

Von Rainer Bücken

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