Medien 27.09.2002, 18:21 Uhr

Die zwei Leben des Herbert Otto

Der Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober ruft viele Erinnerungen wach. Der Bauingenieur Herbert Otto hat seine schmerzhaften Erfahrungen mit dem DDR-Regime literarisch festgehalten.

Herbert Otto hat sich der Vergangenheit gestellt. Es wäre sicherlich bequemer für den Bauingenieur, das Vergangene ruhen zu lassen, und Gras über seine Geschichte wachsen zu lassen, um sich nach dem Prinzip „Ich weiß von nichts, ich erinnere mich nicht“ Gegenwart und Zukunft zuzuwenden. Schließlich hat niemand den heute 54-Jährigen aufgefordert, sein Leben der Öffentlichkeit preiszugeben. Otto aber macht kein Hehl daraus, dass er ein – wenn auch widerwillig sich drehendes – Rädchen im Getriebe des Staatssicherheitsdienstes der DDR war.
Schon als jungem Mann waren Herbert Otto Mangelwirtschaft und Eingeschlossenheit in der DDR ein Dorn im Auge. Ein Fluchtversuch aus der „Einmauerung“ scheiterte. Die Stasi stellte ihn nach einjähriger Haft wegen versuchter Republikflucht vor die Wahl: Entweder du spitzelst für uns und kannst dir deinen Wunsch eines Bauingenieurstudiums erfüllen oder du malochst auf dem Bau. „Ich entschied mich, für den Staatssicherheitsdienst zu arbeiten. Unter dem Decknamen ,Dieter“ schrieb ich völlig belanglose Berichte, die keinem wehtaten und niemanden belasteten. Nach meinem Studium und nachdem ich als Bauingenieur im Rostocker Betonkombinat angefangen hatte, verlor die Stasi zunächst das Interesse an mir.“
Seine beruflichen Kenntnisse waren jedoch für die Nationale Volksarmee von größtem Wert. Ohne militärische Ausbildung steckte Otto quasi über Nacht in der Offiziersuniform. „Als Bauleiter war ich für die Überwachung beim Bau der ,geschlossenen Deckung Flugzeuge (GDF)“ auf dem Penemünder Militärflughafen zuständig. Wir mussten die Kampf-Flugzeuge Typ Mik durch Bau und Begrünung der Hangars vor den Blicken des ,Feindes“ schützen – eine Lehre aus den verheerenden Angriffen der Israelis auf die Flughäfen der Ägypter, Jordanier und Syrer im Sechstage-Krieg 1967.“ Der Stasi, die jetzt wieder eine weitere Mitarbeit einforderte, erteilte Otto diesmal eine endgültige Absage. „Ich habe danach nie wieder von ihnen gehört.“
Dieser kleine persönliche Erfolg konnte Otto aber nicht von seinem Vorhaben abbringen, dem Unrechtsstaat adieu sagen, auch wenn die Staatsmacht ihm Knüppel zwischen die Beine warf, denn zu begehrt waren seine beruflichen Fähigkeiten und Erfahrungen, zu gut die Schulnoten seiner beiden Söhne, die sie zu wertvollen DDR-Bürgern machten. Ein Zufall kam Otto zu Hilfe. Eine Einladung des britischen Botschafters, die eigentlich für Herbert Otto, den Vorsitzenden des DDR-Schriftstellerverbandes, bestimmt war, landete auf dem Küchentisch seines Namensvetters, des Bauingenieurs Herbert Otto. Was nun folgte, gehört in die Kategorie des Hauptmanns von Köpenick. Salutierende DDR-Soldaten bildeten das Spalier für den Regimekritiker Otto und seine Frau Regine, die sich anschließend ins Ehrenbuch des britischen Botschafters eintrugen. Die Bitte um Hilfe zur Ausreise verhallte nicht ungehört. Ein halbes Jahr nach dem Besuch an hoher Stätte erhielt Familie Otto die Genehmigung. „Was wir mitnahmen, war vor allem die Erinnerung an ständige staatliche Einmischung und Kontrolle. Die Sehnsucht nach Freiheit war groß. Die damalige Solidarität, von der heute viele im Osten reden, ging von einem Gemeinschaftssinn aus, der Menschen in totalitären Staaten zwangsläufig verbindet, um einander zu helfen. Das sage ich, ohne diesen humanen Aspekt schmälern zu wollen.“
Ein halbes Jahr, bevor sich die Mauer öffnete, zog Otto mit seiner Familie in die Nähe von Düsseldorf, nach Ratingen. Der Anfang war vielversprechend: „Nach 14 Tagen hatte ich einen Job als Bauleiter und Kundenbetreuer bei einem Düsseldorfer Unternehmen. Meine Söhne machten hier ihr Abitur mit der Note ,sehr gut“ und meine Frau Regine hatte sofort einen Job als Krankenschwester. Materiell waren wir bestens versorgt, privat fanden wir schnell Kontakt.“ Doch nach zwölf Jahren erging es Otto wie vielen anderen im Bausektor. Der Arbeitgeber geriet in den Sog der Branchenkrise, stellte einen Insolvenzantrag und entließ zahlreiche Mitarbeiter, unter ihnen Otto.
Seine Erinerungen hat Herbert Otto in seinem Buch „Warum ist die Banane krumm?“ zusammengefasst. Es ist mehr als die Lebensbeschreibung eines Mannes, der von einem totalitären Staat gegängelt und gedemütigt wurde es ist eine lebensnahe Aufarbeitung der DDR-Geschichte, wie die Parteiendiktatur ihre Bürger bis in die verwinkeltsten privaten Ecken observierte und dirigierte. Ottos Buch ist eine leicht lesbare Lektüre ohne den Anspruch auf wissenschaftlichen Feinschliff. Seine Geschichte ist anschauliches Beispiel, wie gut die Stasi ihre Spitzel im Griff hatte, und wie einige von ihnen zum „Dienst am Staate“ gezwungen wurden: Erst durch das Buch erfuhr Ottos Ehefrau vom zweiten Leben ihres Mannes.
Das Schicksal hat es nicht immer gut mit Otto gemeint. Das letzte, was der arbeitslose Bauingenieur aber tun will, ist, den Kopf in den Sand zu stecken. Passivität führt zu nichts, weiß Otto aus eigener Erfahrung. „Ich bin mir darüber im Klaren, dass es mit 54 Jahren nicht einfach ist, als Ingenieur wieder Fuß zu fassen. Ich mache mich aber nicht verrückt. Ich habe keine Angst vor der Zukunft.“ Zumindest als Buchautor sieht Otto Perspektiven. „Das Schreiben hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich gerne noch Fantasy-Geschichten oder Märchen folgen lassen würde.“ Das erste Kinderbuch erscheint im März kommenden Jahres.
WOLFGANG SCHMITZ
Otto, Herbert: Warum ist die Banane krumm? Deutsch-deutsche Erinnerungen für die Zukunft Karin Fischer Verlag, Aachen 2002,
ISBN 3-89514-351-0, 224 S., 14 €..

Von Wolfgang Schmitz

Stellenangebote im Bereich Maschinenbau, Anlagenbau

NEPTUN WERFT GmbH & Co. KG-Firmenlogo
NEPTUN WERFT GmbH & Co. KG Ingenieur (m/w/d) Betriebsmittelkonstruktion Rostock
WEINMANN Emergency Medical Technology GmbH + Co. KG-Firmenlogo
WEINMANN Emergency Medical Technology GmbH + Co. KG Qualitätsmanager (m/w/d) Supply Chain Henstedt-Ulzburg
Albert Handtmann Metallgusswerk GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Albert Handtmann Metallgusswerk GmbH & Co. KG Key Account Manager (m/w/d) deutschlandweit
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck-Firmenlogo
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck Universitätsprofessorin/Universitätsprofessor für Stahl- und Verbundstechnologien Innsbruck (Österreich)
MEMMINGER-IRO GmbH-Firmenlogo
MEMMINGER-IRO GmbH Entwicklungsingenieur Mechanik (m/w/d) Dornstetten
Panasonic R&D Center Germany GmbH-Firmenlogo
Panasonic R&D Center Germany GmbH Engineer (m/f/d) A2W heat pump solutions Langen (Hessen)
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG-Firmenlogo
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG Regionaler Applikationsingenieur (w/m/d) Mannheim
Albert Handtmann Metallgusswerk GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Albert Handtmann Metallgusswerk GmbH & Co. KG Abteilungsleiter (m/w/d) Konstruktion Biberach / Riss
FRITSCH Bakery Technologies GmbH & Co. KG-Firmenlogo
FRITSCH Bakery Technologies GmbH & Co. KG Entwicklungsingenieur (m/w/d) Markt Einersheim (Raum Würzburg)
Albert Handtmann Maschinenfabrik GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Albert Handtmann Maschinenfabrik GmbH & Co. KG Projektleiter (m/w/d) Kundenspezifische Anpasssungen Biberach

Alle Maschinenbau, Anlagenbau Jobs

Top 5 Medien

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.