Medien 16.06.2006, 19:22 Uhr

Die Grenze zwischen PR und Journalismus schwindet  

VDI nachrichten, Köln, 16. 6. 06, has – Die klare Trennung von redaktionellen und werblichen Inhalten gehört zum journalistischen Grundverständnis. In der Praxis lassen sich Medien viel zu oft von Interessenvertretern instrumentalisieren.

Nicht alles, was als unabhängige Berichterstattung erscheint, hält kritischer Überprüfung stand: Seit Jahren beklagen Kommunikationswissenschaftler und Journalistenverbände den wachsenden PR-Einfluss: Ausgedünnte Redaktionen und immer professionellere Strategien öffnen Lobbyisten Tor und Tür.

Die Öffentlichkeit hört kaum von solchen brancheninternen Debatten. Im Mai war das anders. Zahlreiche Medien berichteten, dass Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann in ihren Talkshows Themen aufgegriffen hatten, die ihnen wohl nicht nur aus journalistischem Interesse am Herzen lagen. So konnte Air-Berlin-Chef Joachim Hunold im November 2005 bei Kerner glänzen. Der wiederum warb einige Monate später für den Börsengang der Fluglinie. Immerhin: Kerner, der als freier Moderator arbeitet, hatte den Werbevertrag erst Anfang Februar 2006 unterzeichnet und dies ordnungsgemäß beim ZDF gemeldet.

Anders Reinhold Beckmann, der – ebenfalls frei – im Ersten moderiert und im März 2006 mit Studiogästen die Zukunft der Rente diskutierte. Was sein Haussender, der NDR, erst nachträglich aus den Medien erfuhr: Beckmann hatte einen Werbevertrag mit der Versicherung WWK, die einen Schwerpunkt in der privaten Altersvorsorge hat. „Schlicht unseriös“, urteilte z. B. die „Frankfurter Rundschau“.

Fremder Einfluss auf Programm-Inhalte auch bei öffentlich-rechtlichen Sendern wurde nicht zum ersten Mal beklagt. Dabei häufiger im Blickfeld: der Sport, für den jetzt strengere Regeln gelten. Das ZDF untersagte Moderatoren und Experten, bei Fernsehauftritten Kleidung mit Reklameaufdruck zu tragen. Bei der ARD dürfen Sportmoderatoren nicht mehr im Umfeld ihrer eigenen Sendungen werben.

Der Zuschauer kann die Interessenkollision in solch offensichtlichen Fällen vergleichsweise einfach erkennen. Viel schwieriger wird es, wenn so genannte Testimonials, also Werbebotschafter, nicht offen als solche auftreten. Und wenn nicht ein Produkt beworben, sondern das Meinungsklima in Deutschland beeinflusst werden soll. Diesem Ziel haben sich seit einigen Jahren zahlreiche Akteure verschrieben, nicht nur mit aufwändigen PR-Kampagnen wie „Du bist Deutschland“ oder „Land der Ideen“, die Selbstbewusstsein verbreiten wollen.

Seit 1999 wurden zahlreiche Initiativen mit klangvollen Namen wie „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, „Konvent für Deutschland“, „Bürgerkonvent“ oder „Perspektive Deutschland“ gegründet. Das Ziel: die breite Öffentlichkeit für den wirtschaftsliberalen Umbau des Sozialstaats gewinnen.

Einigen Initiativen gemeinsam ist, dass der eigentliche Absender nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, viele geben sich den Anstrich von Bürgerbewegungen. „Damit leihen sich die dahinter stehenden Gruppen Glaubwürdigkeit“, erklärt Ulrich Müller von „Lobbycontrol“ das Vorgehen. Der Anfang 2006 gegründete Verein will aufklären, wie Lobbyisten, PR-Agenturen und Denkfabriken Einfluss auf Politik und Medien nehmen.

Als besonders findig gilt die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM), gegründet 2000 von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie. Die INSM setzt auf meinungsfreudige Botschafter und Kuratoren – Prominente aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft wie Lothar Späth (CDU) und Oswald Metzger (Grüne), Ex-Bundesbank-Chef Hans Tietmeyer, Unternehmensberater Roland Berger und Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen, die gerne zu Sabine Christiansen eingeladen werden oder in den Medien als Gastautoren auftreten.

Dabei firmieren sie meist nicht als INSM-Botschafter, sondern als Vertreter ihrer Parteien, als Wissenschaftler oder als Experten. Offensichtlich ein erfolgreiches Konzept: Der scheinbar neutrale Absender erleichtert den Weg in die Medien, fand Christian Nuernbergk heraus, der in seiner Magisterarbeit an der Universität Münster die Öffentlichkeitsarbeit der INSM untersucht hat.

Auf prominente Köpfe wie Ex-Bundespräsident Roman Herzog (CDU) als Galionsfigur setzt auch der 2003 gegründete „Konvent für Deutschland“, den Unternehmen wie Deutsche Bank, TUI, RWE und Fraport fördern. Zu den Zielen gehört die Föderalismusreform, für die sich neben Herzog auch Hamburgs Ex-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) einsetzt. Von dem gemeinsamen Engagement erfuhr der Zuschauer nichts, als die beiden – scheinbar parteilich ausgewogen – im Juni 2004 in der Phoenix-Sendung „Unter den Linden“ die Föderalismusreform diskutierten.

Dass die Botschafter der Reforminitiativen oft nicht als Interessenvertreter, sondern als unabhängige Ratgeber wahrgenommen werden, liegt auch an den Redaktionen, die den Zusammenhang nicht transparent machen, kritisiert Müller: „Aufgabe der Medien ist es eigentlich, nicht alles mit sich machen zu lassen.“ Aber auch die Mediennutzer sollten genauer hinschauen: „Sie sind ja nicht ohnmächtig“, so Müller und könnten „z. B. im Internet recherchieren, wer in welchen Zusammenhängen auftaucht.

Ein Anlaufpunkt dafür könnte neben Lobbycontrol die Initiative Nachdenkseiten sein. Dahinter stehen zwei Profis des Politikbetriebs: Albrecht Müller, einst Leiter der SPD-Öffentlichkeitsarbeit und unter Willy Brandt und Helmut Schmidt Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt, und Wolfgang Lieb, unter Ministerpräsident Johannes Rau Regierungssprecher in NRW, später Staatssekretär im Wissenschaftsministerium NRW.

Müller und Lieb wollen mit den Nachdenkseiten die Qualität der öffentlichen Meinungsbildung verbessern und Informationen liefern für alle, die in den meinungsprägenden Medien kein kritisches Potenzial mehr erkennen. CORINNA BLÜMEL

Von Corinna Blümel

Stellenangebote im Bereich Maschinenbau, Anlagenbau

Bundespolizei-Firmenlogo
Bundespolizei Schießstandsachverständige der Bundespolizei (m/w/d) verschiedene Standorte
Bundespolizei-Firmenlogo
Bundespolizei Diplomingenieure / Bachelor (m/w/d) deutschlandweit
Brunel GmbH-Firmenlogo
Brunel GmbH Automatisierungsingenieur Maschinen- und Anlagenbau (w/m/d) München
Erwin Renz Metallwarenfabrik GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Erwin Renz Metallwarenfabrik GmbH & Co. KG Leiter Konstruktion (m/w/d) Mechanik und Elektrotechnik Kirchberg an der Murr
ADMEDES GmbH-Firmenlogo
ADMEDES GmbH Senior Ingenieur (m/w/d) QM & Regulatory Affairs Pforzheim
AbbVie Deutschland GmbH & Co. KG-Firmenlogo
AbbVie Deutschland GmbH & Co. KG Senior EHS Specialist (m/w/d) Ludwigshafen am Rhein
Infineon Technologies AG-Firmenlogo
Infineon Technologies AG Prozessingenieur im Bereich Lithografie (w/m/div) Dresden
KEWAZO GmbH-Firmenlogo
KEWAZO GmbH Produktmanager (m/w/d) Robotik Garching bei München
BAM - Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung-Firmenlogo
BAM - Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung Wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in (m/w/d) der Fachrichtung Werkstoffwissenschaft, Maschinenbau, Physikalische Ingenieurwissenschaft, Produktionstechnik oder vergleichbar Berlin-Steglitz
Völkl Sports GmbH-Firmenlogo
Völkl Sports GmbH Entwicklungsingenieur Ski (m/w/d) Straubing

Alle Maschinenbau, Anlagenbau Jobs

Top 5 Medien

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.