Medien 20.11.1998, 17:20 Uhr

Der Sound der Vatikankiller

Trotz spektakulärer Flops wie HDO mausert sich Nordrhein-Westfalen mit Unternehmen wie den „Ruhr Sound Studios“ langsam zu einem ernstzunehmenden Medienstandort.

Nach Hollywood sieht es hier nicht aus. Links und rechts die kleinen Häuschen der Bergarbeitersiedlung, dunkler Backstein, vereinzelt dazwischen ein Neubau in ganz unpassenden Pastelltönen: Dortmund-Dorstfeld, mitten im Revier. Leicht zu übersehen in dieser grauen Gegend das kleine Hinweisschild: „Ruhr Sound Studios“. Denn auch der neue Sound des Ruhrgebiets kommt aus einem alten Fabrikgebäude und verkriecht sich hinter dicken Backsteinmauern.
Aber Fabrik, das will hier niemand mehr hören. Nein, sagt Christiane Schäfer-Winkelmann, die hier die Geschäfte führt: „Wir sind keine Fabrik, wir sind ein kleiner, feiner Laden, der handgefertigte Ware herstellt.“ Den kleinen, feinen Laden „Ruhr Sound Studios“ haben der bekannte Filmregisseur Adolf Winkelmann („Nordkurve“) und seine Frau aufgebaut. Das Unternehmen besteht seit fünf Jahren und ist der Tagtraum jedes Regionalpolitikers: Medienwirtschaft statt Schwerindustrie. Film statt Kohle. Und vor allem neue, spezialisierte Arbeitsplätze, wenn auch nur einige wenige. Und vor allem nicht großsprecherisch und subventionsfressend wie das skandalträchtige Trickfilmstudio von HDO in Oberhausen.
Winkelmanns Sound-Studio hat einen Namen nicht nur unter nordrhein-westfälischen und bundesdeutschen Filmproduzenten. Ein Drittel der Aufträge kommt mittlerweile aus dem Ausland. Der Ton für Kino- und für Fernsehfilme wird hier hergestellt und bearbeitet. Geräusche gehören dazu, Sprachsynchron, Spezialeffekte und die Mischung alles dessen, wonach sich ein Film anhört.
„Kai Rabe und die Vatikankiller“ hält an diesem verregneten Spätherbsttag das Studio auf Trab. Nächste Woche soll der Spielfilm in die Kinos kommen. Regisseur Thomas Jahn, mit seinem Erstling „Knockin` on Heavens Door“ erfolgreich, hat in Köln eine Produktionsfirma, die wiederum Verträge mit Warner Brothers abgeschlossen hat. Die Amerikaner haben seit einiger Zeit ein Auge auf den deutschen Kinofilm geworfen. Ein Hauch von Hollywood liegt über Dortmund-Dorstfeld.
Sound-Designer Dirk Jacob, Tonmeister Stephan Korte und Regisseur Thomas Jahn schuften derweil im Studio 1, die Ton-Mischung geht in die letzte Phase. Immer wieder laufen die gleichen Szenen über die Leinwand. Vorspulen, zurückspulen. Ein Auto fährt mit quietschenden Bremsen vor. Mädchen kreischen los, als der Star auftritt. Feinarbeit ist angesagt. Musik, Sprache, Geräusche, alles muß aufeinander abgestimmt werden. Durchschnittlich 18 Minuten Spielfilm schaffen die drei und ihre Kollegen am Tag. Die gesamte Tonbearbeitung eines Films kann zwei Monate dauern.
Dafür bietet „Ruhr Sound Studios“ als Dienstleistungsbetrieb die komplette Palette – auf digitaler Basis. Ein traditioneller Schneidetisch mit zwei Tonköpfen steht noch in einem kleinen Raum, mehr ein Talisman, der nur in Ausnahmefällen genutzt wird. Das Studio, so Chefin Christiane Schäfer-Winkelmann, ist das einzige in Europa, das digitale Quellen nicht nur zusätzlich zum analogen Standard einsetzt, sondern vom Bildschnitt über die komplette Ton-Postproduktion „ein integriertes, einheitliches digitales Konzept verfolgt“.
Technisches Herzstück des Hauses ist der Projektionsraum. Dort stehen die Abspielmaschinen und die vier AudioVisions-Systeme, über die Tonmischmeister und Sound-Designer jederzeit auf das gesamte akustische Material zurückgreifen können. Ein Taktgenerator synchronisiert alle Geräte im Haus, alle Bild- und Tonmaschinen sind miteinander vernetzt.
Als die Winkelmanns 1990 das Studio planten, war es nicht selbstverständlich, auf digitale Produktionstechnik zu setzen. Tongestaltung war ohnehin das Stiefkind der Filmproduktion. Dolby A zur Rauschunterdrückung war das höchste der technischen Gefühle. Mehr als zwei Tonspuren gleichzeitig konnten nicht am Schneidetisch bearbeitet werden. Einen differenzierten und komplizierten Ton herzustellen war mühsam. Außerdem war kaum Bedarf da. Die großen Kino-Multiplexe mit ihren erstklassigen Sound-Anlagen gab es – zumindest in Deutschland – noch nicht, und die Schachtelkinos, in denen jahrelang die Kinokultur beerdigt wurde, machten ohnehin jede Anstrengung um einen guten Klang hinfällig.
Aber offenbar lag Veränderung in der Luft. „Wir wollten nicht etwas Altes“, erinnert sich Christiane Schäfer-Winkelmann, „wir wollten etwas Neues“.
Da paßte es, daß sich auch die Stadt Dortmund ähnliche Gedanken machte, um den Strukturwandel in der Region anzuheizen. Also gab die Stadt Geld, dazu kamen Fördermittel der Europäischen Union, etwa 2,5 Mio. DM waren es insgesamt in der Aufbauphase. Inzwischen sind digitale Tonbearbeitung und Mehrkanal-Technik internationaler Kinostandard. „Godzilla“ brüllt sich über acht Tonkanäle in die Kinos. Wie „Lola rennt“, das hört man über ein Sechskanal-System.
Mehr als 5 Mio. DM stecken in den technischen Anlagen der „Ruhr Sound Studios“. Weil sich aber die Technik schneller weiterentwickelt als sie sich amortisiert, müssen die „Ruhr Sound Studios“ bald eine weitere Million investieren.
Diese Summe ist derzeit allein kaum zu erwirtschaften, Verhandlungen über eine Förderung durch das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium stehen bevor. Doch das ist nicht das einzige Problem, die Konkurrenz ist hart und grast an üppigen Fördertöpfen. In Babelsberg, ärgert sich Christiane Schäfer-Winkelmann, werde die Postproduktion für Bild und Ton mit 150 Mio. DM subventioniert. Da könne ein Unternehmen, das sich allein auf dem Markt behaupten muß, schwer mithalten. Doch in der Branche hat das Dortmunder Studio einen guten Ruf. Vor allem junge Filmemacher kommen. „Lola rennt“ erhielt hier den letzten Tonschliff, ebenso „Die Apothekerin“ und „Das Trio“. Das Renommee von Adolf Winkelmann wirkt sich aus, schließlich läßt er seine eigenen Filme auch hier endfertigen. Und nicht nur der Regisseur bekam für den Fernseh-Mehrteiler „Der letzte Kurier“ einen Adolf-Grimme-Preis, auch Sound-Designer Dirk Jacob durfte sich einen Spezialpreis abholen.
Zu den Kinofilmen kommen Fernsehproduktionen, „Tatorte“, die „Bubi-Scholz-Story“ und jüngst drei Filme aus der Konsalik-Collection. Auf der Leinwand in Studio 1 kreischen derweil immer noch die Mädchen. Dabei sind sie es nicht einmal selber. Es ist eine falsche Vorstellung, zu denken, beim Film sei meist der Originalton zu hören, so wie er beim Drehen aufgenommen wird. Im Gegenteil. Mehr als zwei Drittel werden extra angefertigt oder aus dem Archiv zusammengebaut. Was bei den Dreharbeiten an Atmosphäre und Geräuschen über Mikrophone mitgeangelt wird, hört sich in der Regel lächerlich dünn an. Also wird das Kreischen digital verdoppelt, nochmal sogar mit in-house-Kräften nachgebessert: „Ich bin oft in dem Film drin“, lächelt die Sekretärin.
Und wenn in einem Film ein alter VW über das Pflaster rollt und sich das genauso anhören soll? Dann organisieren die Tönemacher sich eben einen Käfer, fahren raus aufs Pflaster und lassen rollen. Der Käfer-Sound kommt dann nach Verwendung ins Archiv. Das Studio verfügt inzwischen über ein großes Archiv an Tönen, die alle in digitaler Form vorliegen. Auch das gehört zum Dienstleistungsangebot.
Wenn dann noch etwas fehlt oder neu gebastelt werden muß, dann geht der Sound-Designer in die kleine Geräuschecke in Studio 2. Ein unscheinbarer, unaufgeräumter Winkel, allerlei Zeugs liegt rum, Plastikbecher mit Steinen, Papierknäuel, Holzstücke, ein Stöckelschuh. In den Holzboden eingelassen sind ein Stück Marmor und ein Stück Straßenbelag. Da sitzt, meist nachts, der Sound-Designer und läßt den Stöckelschuh über Kacheln klappern oder einen Turnschuh über Asphalt schlappen. Findet das Geräusch Gnade vor seinen Ohren, wird es über Mikrophon direkt ins System eingespeist und digitalisiert. Wie ein Film klingt, wie er sich anhört, das zu gestalten ist Aufgabe des Sound-Designers. Er sollte, wie der Drehbuchautor, der Regisseur und der Kameramann, auch seinen eigenen Film im Kopf haben. Jeder Film hat seine eigene Ton-Philosophie, sagt Christiane Schäfer-Winkelmann. „Kai Rabe und die Vatikankiller“ ist eine schrille Komödie, die auch klingen soll wie ein Comic.
Derzeit arbeiten in den „Ruhr Sound Studios“ zehn Festangestellte, dazu kommen, je nach Anforderung, freie Mischtonmeister. Das Studio hat sich die Spezialisten selbst herangezogen und den Nachwuchs fest im Blick. Vier Praktikanten im Jahr können sich hier jeweils drei Monate lang umtun. Ein Azubi im neuen Berufsbild „Mediengestalter“ ist auch eingestellt. Interessenten kommen teils aus Institutionen wie der Robert-Schumann-Fachschule in Düsseldorf, wo Tonmeister und Toningenieure ausbildet werden. Teils handelt es sich auch um Seiteneinsteiger. Dirk Jacob zum Beispiel war seinerzeit als Musiker und Computerfreak vorstellig geworden, hat sich in der Arbeit qualifiziert – und es schnell zum Preisträger gebracht.
Qualität ist jedenfalls das wichtigste Element in der Arbeit des Studios. „Der Kunde will immer ein besonderes Produkt“, sagt Christiane Schäfer-Winkelmann, „und wir müssen einfach sehr gut sein“. Dazu kommt, daß Dortmund abseits der Medienmetropole Köln liegt. Da kommt nicht einfach mal ein Kunde mit einem schnellen Auftrag für Synchronisation vorbei. Also lebt das Studio von langfristiger Planung und von dem Ruf, sich um die Regisseure auch wirklich zu kümmern und ihnen die besten Arbeitsbedingungen zu schaffen. Da ist bisweilen auch schon mal Seelenmassage angesagt – einen spanischen Filmregisseur im November in Dortmund bei Laune zu halten, ist nicht ganz einfach. Andererseits hat die Stadt mit ihren früh hochgeklappten Bürgersteigen auch einen Vorteil: Es gibt weniger Ablenkung. Der Unterschied zu Hollywood ist eben doch – noch – nicht zu übersehen.
FRITZ WOLF/moc
NRW-Medienindustrie – Starker europäischer Auftritt
HDO – High Definition Oberhausen ist in den letzten Wochen schwer ins Gerede gekommen. Ursprünglich konzipiert als technisches Dienstleistungs- und Produktionszentrum für das hochauflösende Fernsehen, ist das Unternehmen, das nunmehr als Zentrum für digitalen Zeichentrickfilm figuriert, mit mehr als 100 Mio. DM subventioniert worden. Nur 25 feste Arbeitsplätze wurden geschaffen.
Köln gilt mittlerweile als die Nummer Eins unter den europäischen Produktionsstätten. Hier werden täglich 140 Stunden Fernsehen produziert. Mehr als 910 Mio. DM geben die TV-Sender für Shows, Serien und Fernsehfilme im Jahr aus. Die Multimedia-Branche dazu gerechnet, arbeitet inzwischen jeder zehnte Beschäftigte in Köln in der Medienwirtschaft. Seit diesem Herbst wird in Köln-Ossendorf die größte Studiolandschaft Europas aus dem Boden gestampft. 32 Film-, Fernseh- und Fotostudios sollen hier entstehen. Die Landesregierung rechnet mit 7000 bis 8000 neuen Arbeitsplätzen.
MMC, die Magic Media Company, finanziert das neue Projekt und ist eines der größten Medienunternehmen der Region. Die MMC hatte 1997 einen Umsatz von rund 60 Mio. DM. Das Unternehmen gehört zu je 25 % den Fernsehsendern RTL und Pro7 sowie der Kölner Stadtsparkasse. Den Rest teilen sich die Brüder Breuer, die als Branchenfremde den Medienstandort Köln-Hürth ausgebaut haben. Demnächst soll der Westdeutsche Rundfunk 10 % der Anteile der Stadtsparkasse übernehmen. Bei der MMC werden über 40 verschiedene Sendungen für sieben TV-Sender produziert, darunter „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, „Hans Meiser“ und „Bärbel Schäfer“.
Die Filmstiftung schließlich hat die Aufgabe, Filmproduktionen ins Land zu holen. Mit einem jährlichen Fördertopf von rund 65 Mio. DM (1977) kann die Stiftung inzwischen auch große Filmproduktionen ins Land holen. Sie arbeitet nach dem Prinzip „Eins zu Einskommafünf“. Für jede Fördermark, die ein Produzent für einen Film erhält, muß er das 1,5-fache im Land ausgeben.

Von Fritz Wolf/Wolfgang Mock

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