Medien 23.04.1999, 17:21 Uhr

Der Krieg und die Macht der Bilder

TV-Sendern fehlt es an Bildern aus dem Kosovo. Nach den Erfahrungen des Golf-Kriegs halten sich die Militärs mit Informationen zurück.

Bilder bewegen Politik, mit Bildern wird Politik gemacht. Bilder sind Politik. Im Kosovokrieg wird gerade ein neues Kapitel darüber geschrieben, wie die modernen Bildmedien Teil der Kriegführung werden. Die schrecklichen Berichte aus den Flüchtlingslagern befördern die Hilfsbereitschaft und sie legitimieren den Luftkrieg. Diese Legitimation muß in Demokratien täglich neu erworben werden und schwebt täglich in Gefahr, durch andere Bilder wieder unterlaufen zu werden.
Fernsehbilder können den Verlauf von Kriegen beeinflußen, das ist eine Binsenweisheit mit Geschichte. Vietnam sah den ersten TV-Krieg. Reporter berichteten von der Front und lieferten Szenen vom Töten und Sterben in die Wohnzimmer. Eine schockierte amerikanische Öffentlichkeit begann sich abzuwenden. Die Bilder beschleunigten das Ende des Krieges. Im Falkland-Krieg hatte die Thatcher-Regierung daraus Schlußfolgerungen gezogen: keine Live-Berichterstattung. Im Golfkrieg begannen die US-Militärs, die Bilder komplett zu kontrollieren. Sie servierten den Krieg als sauberes Video und als Infografik-Sandkastenspiel Der unabhängige Journalismus erlebte ein Desaster. Noch heute bekommen Journalisten rote Ohren, wenn sie daran denken.
Auch in den Kriegen auf dem Balkan haben TV-Bilder eine Schlüsselrolle gespielt, so bei dem Massaker auf dem Marktplatz in Sarajewo. Bis heute weiß niemand, welche Kriegspartei es angerichtet hat. Sicher ist, daß die grausigen Bilder die Intervention der Nato auslösten und zum Abkommen von Dayton führten. Auch der Kosovokrieg hat eine Schlüssel-Szene: das Massaker von Racak. Nach der Ermordung albanischer Zivilisten wurde OSZE-Chef William Walker ausgewiesen. Interessant an der TV-Szene war die Konstellation. Die Kameras waren vor Walker am Ort des Verbrechens. Sie filmten seinen Weg dahin und boten ihm das Forum, serbisches Militär zu beschuldigen – Politik, direkt über den Fernsehkanal geleitet.
Der Umgang mit den Bildern im Kosovokrieg ist eine Folge dieser Erfahrungen. Wie immer ist die Wahrheit das erste Opfer des Krieges – aber die Hinrichtung der Wahrheit ist historisch neu. Niemals zuvor wurden TV-Bilder so entschieden kontrolliert und zwangsbewirtschaftet. Die Furcht vor ihrer Macht ist offenbar so groß, daß unkontrollierte Produktion und Verbreitung verhindert werden muß.
Das gilt natürlich in erster Linie für Serbien. Nicht zufällig wurden westliche Fernseh-Journalisten als erste massiv bedroht und aus dem Land geworfen. Ein deutscher Reporter, Pit Schnitzler von SAT.1, ist verschollen. Jetzt ist nur noch das serbische Fernsehen da, betreibt Propaganda, zeigt die Zerstörungen und verschweigt die Greuel der Vertreibung. Auch die Nato hat wenig Interesse daran, ihren Krieg wirklich herzuzeigen. Die Militärs wollen ihn als eine sachliche, mit chirurgischer Präzision durchgeführte Operation zeigen – als virtuellen Krieg mit nächtlichen farbigen Feuerbällen, sanft explodierenden Cruise Missiles und möglichst ohne Tote.
Die TV-Bilder werden zunehmend fragwürdig. Zwar verfügen die USA dank ihrer Satelliten über Unmengen von Bilddaten, aber die sind militärisches Geheimnis und stehen nicht einmal den Verbündeten zur Verfügung. Unbemannte Drohnen der Bundeswehr liefern Fotos von brennenden Dörfern und Bilder mit schwarzen Streifen, von denen der Kommentator behauptet, es handle sich um Massengräber. Völlig unklar sind die Sequenzen, die die Nato vorführte, nachdem sie vermutlich zweimal zivile Flüchtlingstrecks bombardiert hatte. Die Bilder beweisen und dementieren nichts.
Die Militärs haben aus dem Golfkrieg gelernt. Sie halten sich vergleichsweise zurück mit der triumphierenden Präsentation von zielgenauen Treffern. Auch animierte Info-Grafiken, im Golfkrieg noch begeistert vorgeführt, sind nicht zu sehen. Die Landkarten sind nüchtern und manchmal muß es auch eine Tafel und ein Zeigestock tun. Militärische Information, so sie überhaupt stattfindet, gibt sich bescheiden. Inzwischen verstärkt die Nato ihre Pressearbeit. Der britische Regierungssprecher Allistair Campbell hat vorgeschlagen, den Berichterstattern künftig statt Fakten täglich eine „Story“ zu bieten.
Das Fernsehen ist erheblich in Bildernot geraten. Schon zu Beginn des Krieges blieb den Reportern nichts anderes übrig, als am Flugfeldrand an- und abfliegende Jets an den Fingern abzuzählen. Daran hat sich bis jetzt nicht viel geändert. Das Militär hält sich bedeckt, im Kosovo gibt es keine Reporter und aus Serbien sendet nur das Milosevic-Fernsehen. Das Fernsehen bastelt aus disparaten und widersprüchlichen Quellen ein oberflächliches Bild. Niemand, die Journalisten eingeschlossen, weiß noch, was man glauben soll – da bleiben nur die ausführlichen und emotionalisierenden Berichte aus den Flüchtlingslagern.
Auf dem Bildschirm läßt sich deshalb das neue Phänomen beobachten, daß fast jede Information und jedes Bild mit höchstem Mißtrauen betrachtet und manchmal schon bei der Ausstrahlung wieder dementiert oder demontiert werden. Ein paradoxer Lerneffekt: Fernsehleute handeln endlich so, wie sie es sonst längst tun sollten. Sie bezeichnen die Herkunft der Bilder, benennen die Interessen hinter einer Szene deutlich und kommentieren äußerst vorsichtig. Jeder kann sehen, daß Fernsehen keineswegs das umfassend informierende Medium ist, seine Grenzen werden sichtbar.
Der Kosovokrieg ist ein Krieg im Medienzeitalter, in dem mehr erzählt als gezeigt wird. Unablässig erläutern Politiker in Pressekonferenzen ihre Politik. Die Diskursgeneration ist an der Macht, die gelernt hat, Probleme erstmal verbal umzuwälzen. Doch scheint es, als verschwände hinter den Bergen von Informationen und Interpretationen die Wirklichkeit des Krieges vollends. Noch ist die Macht der Bilder nicht gebrochen. Wenn sie diesem oder jenem Interesse dienlich sind, werden sie auch wieder eingesetzt werden -als probates Mittel der Kriegführung.
FRITZ WOLF
Fotos aus Jugoslawien zeigen vor allem Tote und Zerstörung. Sie werden auch von der serbischen Propaganda genutzt…
…Aus der Luft dagegen zeigt der Krieg eine andere Seite, wird die kalte, technische Präzision heraus-gestellt. Wo aber liegt die Wahrheit?

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