Medien 06.08.1999, 17:22 Uhr

„Den Traum eines Lebens erfüllt“

Mit der Politik etablieren sich in Berlin auch die neuen Medien – und hoffen auf den großen Boom.

In den Räumen Edit 11 und Edit 12 herrscht Streß. Nicht auf den ersten Blick, weil die Insassen still vor den Bildschirmen sitzen. Aber die Anspannung ist spürbar. Die beiden Cutter Thomas Wellmann und Stefan Krumbiegel schneiden parallell Szenen eines Dokumentarfilms, der in zwei Tagen auf Sendung gehen soll. Gerade mal vier Tage hatten sie, um aus 30 Stunden Material 90 Minuten sendefähige Dokumentation zu destillieren. Regisseur Thomas Schadt trägt ebenso viele Ringe unter den Augen wie seine Cutter und titscht zwischen den beiden Schneideräumen hin und her. Ohne das elektronische Schnittsystem Avid wäre diese schnelle, parallelle Arbeitsweise nicht möglich.
Ort der Handlung: Cine plus, eine junge Medienfirma, die sich auf gut Neudeutsch ein „Film & TV House“ nennt. Der große Bruder USA läßt grüßen.
Doch Cine plus steht mitten in Berlin, zentrale Lage am Landwehrkanal, in gerader Linie zwischen Potsdamer Platz und Zoo. Ein solider und ein wenig langweiliger Backsteinbau, hinter dessen Mauern sich viel High-Tech verbirgt. Der Eingang gibt das freilich nicht zu erkennen. Ein Lagerhaus oder eine Möbelfirma könnte man sich hier ebenso gut vorstellen.
Mit solchen Assoziationen ist es freilich schnell vorbei. Mitten in der großen Eingangshalle ein runder Counter, Herz und Seele des Unternehmens. Hier sitzt die Dispo und Dispo ist in diesem Laden das Wichtigste: Cine plus ist ein Dienstleistungsunternehmen der Medienbranche.
Hier laufen nur junge Leute herum, die ihr Handy am Gürtel tragen, den Colt der modernen Medienkultur. Ein junger Mensch hetzt telefonierend vorbei, fragt: „Ist das auch SAT.1-typisch genug?“ Denn auch SAT.1 läßt bei Cine plus fertigen. Die Berliner bereiten den Auftritt des Senders bei der Düsseldorfer Telemesse im Herbst vor.
Noch ist das Herzstück des Unternehmens die „Dienstleistung für“s traditionelle Fernsehen“, sagt Frank Evers, Chef des Unternehmens: „Viel Fernsehen, ein bißchen Werbung, ein bißchen Image-Film, ein bißchen New Media“. In Zukunft möchte er die Gewichte ein wenig verschieben: „von Low Budget Produktionen hin zu Höherwertigem“.
Und die Chancen stehen gut. Die Werbebranche, die Berlin bisher wegen fehlender Dienstleister mied, kommt langsam an die Spree. Davon möchte Evers etwas abbekommen. Und mit dem Regierungsumzug kommt auch die Politik. Die CDU wird nebenan ihre Zentrale bauen und die Friedrich-Ebert-Stiftung ihr Schulungszentrum. Und an Politik, das weiß Manager Evers, hängt die Kultur – Film, Fernsehen, Werbung, Image, Präsentation. Grund genug für Optimismus.
Doch jetzt gilt es für Evers, erst einmal die Gegenwart von Cine plus zu managen. Denn die hat eigentlich eben erst angefangen. Zwar gibt es die Firma schon seit zehn Jahren, aber in den jetzigen Dimensionen existiert sie erst seit einem halben Jahr. Vorher war nur klar, daß Chancen da waren, der Zwang, sich zu vergrößern. Bei der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten geriet der Backsteinbau am Landwehrkanal ins Blickfeld. Das Haus gehörte dem Bund und stand leer, weil die Carl-Duisberg-Gesellschaft eine Option darauf hatte, diese aber nicht nutzte. Frank Evers meldete sich und erinnerte daran, daß es „nicht der Sinn öffentlichen Eigentums sei, nur Kosten zu verursachen“. Nach langwierigen Verhandlungen bekam er schließlich das Haus zur Miete – mit der Maßgabe, ein Medienhaus zu führen.
Im Februar 1998 wurden die ersten Räume bezogen, der Umbau war Ende 1998 fertig und kostete fast das Doppelte der geplanten Summe. Heute ist das Haus ausgebucht.
„Der Erfolg“, freut sich Evers, „kam so schnell, daß die Zeit noch nicht einmal für eine Einweihungsfete reichte“. Und in Berlin gibt normalerweise jeder Laubenpiper seinem neuen Rosenbeet ein Fest.
Inzwischen sind „neben und wegen Cine Plus“, so Evers, 15 Firmen aus der Film- und Medienbranche in dem Haus ansässig. Die Spielfilmproduktion „Moovie Entertainement“ von Iris Berbens Sohn Oliver und die Metropolis Filmproduktion ebenso wie das Deutsche Sportfernsehen (DSF) und die Firma Opal, die mehrere TV-Serien produziert und hier gleich vier Schneideräume angemietet hat. Drei Schneideräume belegt auch das ARD-Hauptstadtstudio.
Produktionskapazitäten werden ebenso vermietet wie Geräte. Ein kompletter Produktionsplatz ist derzeit ausgelagert nach Mallorca, wo die gleichnamige Seifenoper für Pro 7 produziert wird. Wichtigstes Fernsehstandbein ist der MDR, der innerhalb der ARD mit der Auslagerung von Produktionsteilen am weitesten gegangen ist. Kommentar Evers: „Cine plus lebt vom öffentlich-rechtlichen Outsourcing“.
Unterdessen hat der Dokumentarist Thomas Schadt seine beiden Cutter in Edit 11 zusammengerufen. Die beiden getrennten Film-Schnittmengen müssen jetzt verbunden werden. Auch für Cine plus-Chef Frank Evers ist diese Produktion eine Herausforderung an die Logistik. Denn es darf wirklich nichts schief gehen, weder mit dem Avid noch mit dem Online-Schnitt. Am Ende wird er eigenhändig dafür sorgen, daß der fertige Film „Hauptstadt Zeitung“ in zwei Kopien von zwei Motorradkurieren getrennt zum neuen ARD-Hauptstadtstudio gefahren wird, während eine dritte Kopie für den Notfall bei „Cine plus“ bleibt. Letzte technische Korrekturen am Film sind noch zwei Minuten vor der Ausstrahlung auf „Phoenix“ notwendig – ein Eintrag ins Buch der Rekorde wäre fällig, auch was die Nerven aller Beteiligten angeht. Aber Thomas Schadt, der jetzt erschöpft im Türrahmen lehnt, wußte worauf er sich einläßt, seine letzten Filme hat er alle bei „Cine plus“ geschnitten: „Man verläßt sich aufeinander“.
Das hat auch mit der Person von Frank Evers zu tun. Der jugendlich aussehende Enddreißiger hat selbst als Produzent und Kameramann gearbeitet, für SAT.1 als Studioleiter das Hauptstadtstudio aufgebaut. Er kennt das Dienstleistungsgeschäft aus jeder Perspektive. Vor zehn Jahren stieg er aus „als die Routine zu groß wurde“. Entspannt sitzt er jetzt im Garten seines Unternehmens und blinzelt in den Sommerhimmel: „Ich habe mir den Traum meines Lebens erfüllt“.
Vor allem aber hat Evers wohl ein richtiges Gespür dafür gehabt, was in Berlin fehlte. Es gab vorher kein Medienhaus. Traditionell besteht die Medienindustrie in Berlin aus lauter kleinen Läden, die Kopierwerke ausgenommen. Die großen Produktionsstätten in Babelsberg und Adlershof liegen außerhalb. Cine plus dagegen liegt zentral. Ein kleines Studio ist im Aufbau. Hier soll schnell produziert und das Ergebnis dann über die existierenden Bild/Ton-Leitungen eines Breitband-Netzes zu den Sendern überspielt werden.
Außerdem betätigt sich Cine plus in einer Zukunftsbranche. Nachbearbeitung, auf Neudeutsch „Postproduction“, wird immer wichtiger. Und auf diesem Gebiet ist die Firma für visuelle Effekte technisch gut bestückt. Eine Editbox von Quantel gehört ebenso dazu wie ein „flame“-Highend Visual Effekt System. Zwölf Avid-Schnittsysteme stehen zur Verfügung, ein digitaler Betacam-Schnittplatz und zwei mobile Betacam-„Laptop“-Hartschnittplätze. Dazu gehören auch digitale Tonbearbeitungssysteme, ein Synchronstudio und eine digitale 32-Spur-Tonmischung für Fernsehspiele. Der Audiosektor ist noch im Aufbau.
Doch mindestens so wichtig wie die Technik ist die Tatsache, daß zwischen den verschiedenen Metiers schnell Zusammenar-beit hergestellt werden kann. Eine Werkstatt mit audiovisueller Meßtechnik und Radio- und Fernsehtechnikern gibt es hier ebenso wie ein Supportteam für Avid und Computerspezialisten. „Synergie ist angesagt“, so Supervising Producer Ernst Feiler. Das zu erklären, fehlt ihm die Zeit, denn der nächste Kunde klingelt ihn über das Handy an. Wir haben, springt Evers ein, während er dem davonsprintenden Feiler nachsieht, „gute Leute, die mit vielen Kunden gut arbeiten können“.
Leute wie die Cutter Thomas Wellmann und Stefan Krumbiegel etwa, die mittlerweile ziemlich erledigt aussehen, weil sie vergangene Nacht nur drei Stunden geschlafen haben und unbedingt fertig werden müssen. Wellmann gönnt sich gerade ein Nickerchen auf dem schwarzen Ledersofa an der Wand. Solche Sofas stehen in allen Schneideräumen. Die 35-Stunden-Woche ist hier ein Fremdwort und man kann schon daran sehen, welche Vorteile der MDR vom Outsourcen hat.
Cine plus aber auch. Acht Festangestellte hatte die Firma noch vor zwei Jahren. Inzwischen haben hier 30 Leute einen festen Job, weitere 50 freiberufliche Jobs hängen mehr oder weniger eng am Betrieb. Cine plus bildet auch aus, derzeit neun Azubis: „Weil die Technologie sich rasend schnell entwickelt“, sagt Frank Evers, müssen wir uns die Leute selbst ausbilden“. Im Herbst wurde das Unternehmen von Berlins Bürgermeister Eberhard Diepgen als „innovativer Meisterbetrieb“ präsentiert.
So schnell findet sich das passende hochqualifizierte Personal eben nicht auf dem Arbeitsmarkt. Viele, sagt Frank Evers, und fährt mit dem Arm durch die Runde, „haben hier als Praktikant angefangen“.
Den Chef sieht man Evers nicht an. Nicht einmal ein eigenes Büro hat er. Mit seinen drei Supervising Producern hockt er in einem Raum eng aufeinander. Das Unternehmen ist so schnell expandiert, daß nicht einmal ein Raum für den Chef übrig blieb, geschweige denn Platz für ein Sofa.
FRITZ WOLF
Ein Cine plus-Mitarbeiter am Flame, einem Gerät zur Video-Bearbeitung.
Herzstück des Berliner Medienhauses, die Digi-Suite, ein digitaler Schnittplatz mit drei Schneidemaschinen.
Der Herr des Berliner Medienhauses: Frank Evers, Geschäftsführer von Cine plus.
High-Tech so weit das Auge reicht: der Geräteraum von Cine plus: Steckfelder für Avid-Festplatten und die magnetische Aufzeichnung (MAZ).

Von Fritz Wolf

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